Mit skeptischem Blick

Das Cleveland Orchestra zu Gast beim Musikfest Stuttgart

Von Sascha Krieger

Wenn in der kommenden Woche das Musikfest Berlin eröffnet wird, bildet die amerikanische Musik neben Arnold Schönberg den Schwerpunkt der diesjährigen Ausgabe des Festivals. Mit Ausnahme des St. Louis Symphony Orchestra werden es vor allem europäische Musiker und Klangkörper sein, die sich aus ihrer Sicht Gershwin, Barber oder Adams nähern werden. Den umgekehrten Weg ging das Musikfest Stuttgart bei seinem Gastspiel des Cleveland Orchestra, einem der renommiertesten Orchester der USA. Die Musiker unter der Leistung ihres Musikdirektors Franz Welser-Möst hatten ein Werk im Gepäck, das europäischer nicht sein könnte: Ma Vlást (Mein Vaterland), Bedrich Smetanas Versuch einer musikalischen  Nationaldichtung.  Smetana verortete in seiner sechsteiligen symphonischen Dichtung das tschechische Nationalbewusstsein sowohl in der Natur und Landschaft seiner böhmischen Heimat als auch im Glauben (Motto des Stuttgarter Festivals), in der tschechischen Reformation des Jan Hus und den daraus resultierenden Hussitenkriegen. Hieraus eine Einheit zu schaffen, ist die wohl schwierigste Aufgabe jeder Interpretation dieses Mammutwerks, auch Welser-Möst und dem konzentriert zu Werke gehenden Orchester gelingt dies nicht immer.

Dies zeigt sich vor allem in der ersten Hälfte, in der auch das größte Hindernis jeder Aufführung von Ma Vlást  lauert: Vltava (Die Moldau), der zweite und bei weitem bekannteste Teil. Das Unbehagen, diesem „Hit“ zu verfallen, ist zu spüren und so nimmt das Orchester den Satz mit großer Nüchternheit, pointiert die Rhythmik des Hauptthemas und setzt das wellenartige Eingangsmotiv fast trotzig dagegen. Hier wird nicht geschwelgt, ein vielleicht nicht mehr kontrollierbarer Fluss (welch Ironie angesichts des Themas!) soll gar nicht erst entstehen. Überhaupt treibt Welser-Möst den ersten drei Teilen jeglichen Überschwang aus, konzentriert sich auf die reichlich vorhandenen Kontraste in Lautstärke, Tempi und Stimmungen und bleibt auch im Fortissimo immer kontrolliert, ja fast unterkühlt. Dem selbstvergessenen Fußwippen des Publikums ist damit Einhalt geboten, und doch zeigt sich die Interpretation vor allem in dem, was sie nicht will, ohne eine eigene Sicht auf Smetanas Werk setzen zu wollen oder zu können. Am überzeugendsten gelingen noch die stillen, lyrischen Passagen, bei denen das Orchester zuweilen eine berührende Innigkeit schafft, stets am Rande des Verstummens. Fragil sind diese Passagen , so fragil wie die Schönheit, die hier besungen wird.

Um einiges stärker gelingen dann die restlichen drei Teile nach der Pause. Aus Böhmens Hain und Flur kommt überraschend beschwingt und spielerisch daher, das Orchester spielt wie an einer längeren Leine und zeigt ein Maß an Spielfreude, dass man ihr nach der ersten Hälfte kaum zugetraut hätte. Smetanas zeitweise ausgelassene Feier der böhmischen Natur fängt hier an zu blühen, lustvoll werden Themen und Motive aufeinander losgelassen, miteinander kontrastiert, ohne das je eines die Oberhand gewinnt. Eine wunderbare Vielstimmigkeit ist zu hören, die Smetanas musikalischen Reichtum greifbar macht. Was zuvor unterdrückt wa, hier darf es sich Bahn brechen.

Höhepunkt des Zyklus sind die beiden letzten, den Hussitenkriegen und ihrem Vermächtnis gewidmeten Sätze Tábor und Blaník. Die düstere Grundstimmung des ersteren Satzes findet Audruck im dunklen Ton der Streicher, die dem Satz eine bedrohliche Grundstimmung verleihen. Sehr druckvoll kommen beide Sätze daher, Tábor in seiner Tragik, Blaník in der Hoffnung auf Erlösung. Die Arbeit mit Kontrasten wird intensiviert, jetzt stehen sie für die widerstreitenden Kräfte der Nation und der Unterdrückung. Der kompakte Streicherklang ist nicht so hart wie bei anderen amerikanischen Orchestern und doch weit entfernt von der Samtigkeit, die Welser-Möst in seiner anderen Position als Generalmusikdirektor der Wiener Staatsoper so gut kennt. Die Bläser dürfen zuweilen ins Dissonante kippen, die Herrschaft der Schönheit ist in diesem Existenzkampf einer nationalen Identität schon längst vorbei. Billiger Triumphalismus ist die Sache der Clevelander nicht und s bleibt die Düsternis bis zum ende ein steter Begleiter. Schon in Vltava und später im vierten Satz erlaubte Welser-Möst keinem Thema dominant zu werden, immer gibt es eine Gegenrede.

Und dieser Ansatz beschreibt auch die Art und Weise wie Orchester und Dirigent Smetanas Nationalkult entgegentreten: mit Neugier, Ernst, aber immer auch einem Quentchen Skepsis. Das Cleveland Orchestra gilt als das „europäischste“ aller amerikanischen Orchester und es ist vielleicht diese geistige Haltung, die es dazu macht und die dafür sorgt, dass dieser Abend dann doch noch zu einem Triumph in der leider bei weitem nicht ausverkauften Stutgarter Liederhalle wird.

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