Zurück in die Schublade

Constanza Macras / Dorky Park: Open for Everything, Wiener Festwochen / Hebbel am Ufer, Berlin (Regie und Choreografie: Constanza Macras)

Von Sascha Krieger

Ein klappriger alter Lada wird auf die Bühne geschoben, vollgestopft mit Menschen, dekoriert wie die billige Kopie einer Louis-Vuitton-Tasche. Aus allen Öffnungen, selbst aus dem Kofferraum, quellen sie heraus, als der Wagen anhält, laut gestikulierend, streitend, auf einander einredend, ein wirres Durcheinander. Die Choreografin Constanza Macras hat mit ihrer Gruppe Dorky Park ein Stück mit und über Roma geschaffen – und sie fällt gleich mit der Tür ins Haus. Großfamilie, Nomadentum, Armut, Unverschämtheit, mangelnde Manieren: Macras tischt gleich zu Beginn den ganzen Katalog der Roma-Klischees auf, nur um sogleich lustvoll mit ihnen zu spielen. Touristinnen erklären den Roma ihr Leben und ihre Traditionen, diese können nur ratlos dreinblicken, zu Wort kommen sie nicht. Wie in einem Zoo werden sie begutachtet und wie exotische Tiere bewundert, fremd, faszinierend, ein bisschen geheimnisvoll. Schauobjekte sind sie, nicht mehr. Bald öffnet sich das Rolltor der Wellblechgarage im Hintergrund, finster dreinblickende Gestalten stehen regungslos darin. Doch das Gangsterklischee verpufft, die Männer entpuppen sich als die Band, die sofort beginnt, seelenvolle, schwermütige, rhythmische Roma-Musik zu spielen. Und schon sind wir zurück im Klischee.

Schaubuehne am Lehniner Platz Berlin

Foto: Sascha Krieger

Dorky Park hat sich für diesen Abend Verstärkung geholt: Im Mittelpunkt von Open for Everything stehen rund ein Dutzend meist ungarischer Roma verschiedenen Alters, wobei die Jüngeren überwiegen. Gemeinsam mit fünf Dorky-Park-Tänzern wollen sie eine Geschichte erzählen, ertanzen, die ihre ist, aber auch unsere. Immer wieder wird das westliche Roma-Bild thematisiert: In den naiv-voyeuristischen Touristen und Sozialforschern, die bitter enttäuscht sind, als die von ihnen Heimgesuchten ihnen nicht in Dankbarkeit die Füße küssen; in der Schauspielerin, die komprimiert sämtliche auch heute noch kaum versteckten und in vielen Teilen Europas zunehmend offen ausgelebten rassistischen Vorurteile und Schuldzuweisungen rezitieren darf; aber auch im historischen Exkurs, der zurück reicht bis zu Leni Riefenstahl, die führ ihren Film Tiefland Roma aus einem Lager kommen ließ, um das „spanische Kolorit“ zu verstärken. Der westliche Blick ist hier immer ein herablassender – ob als ausgestelltes Wohlwollen oder unverblümter Rassismus. Hier das pralle, durchaus komplexe Leben – dort das simple Schubladendenken. Das ist ein bisschen sehr einfach und eindimensional gedacht, ein Problem, das leider der Abend als ganzer teilt.

Dabei versucht Macras durchaus, dem Klischee einiges entgegenzusetzen. Im Stil des Dokumentartheaters dürfen einige Roma ihre Geschichten erzählen, es sind Geschichten von Armut und alten Traditionen und es sind auch unerwartete Lebensläufe dabei: Da ist der 19-jährige Adam, der vielleicht auch Norbi heißt und Hip-Hop-Tänzer ist, oder Fatima, deren Name zum Zeitpunkt des Vorsprechens für dieses Projekt noch Rajmund war. Auch alternative Lebensentwürfe sind möglich und akzeptiert in einer Gesellschaft, in der, und das verschweigt der Abend nicht, Mädchen noch immer an ihre künftigen Ehemänner und ihre Familien verkauft werden. Vor allem aber sind es Geschichten völlig normaler Menschen, die einst völlig normale Jobs ausübten, bevor sie der Diskriminierung zum Opfer fielen, die ausgezeichnete Schüler waren und doch keinen Ausbildungsplatz bekommen, die ganz entgegen der geläufigen Vorstellung schon seit Jahrzehnten am gleichen Ort leben. Europäer wie wir, die doch nicht Europäer sein dürfen, vor allem in Ungarn, in dem sich Roma zunehmender Verfolgung ausgesetzt sehen. Open for Everything verschweigt das nicht, und doch ist das nicht mehr als eine Fußnote, die in der einen oder anderen Tanzszene Darstellung findet  – im Tanz mit dem offenen Koffer oder in virtuos variierten Choreografien von Anziehung und Abstoßung. Zuweilen wird die Fragilität dieser Binnengesellschaft und ihr zerbrechlicher Status in einem nicht selten feindlichen Umfeld sichtbar und doch bleibt es zumeist nur Illustration.

Überhaupt ist dieser Abend viel weniger Tanztheater, als ihm gut tut. Zu oft erstarrt der zeitgenössische Tanz der Profis und Laien im Beliebigen, ist er oft nur Füllmaterial und Bindeglied zwischen dem, was wirklich interessiert: dem mit fortschreitender Dauer immer weniger ironisch gebrochenem Feuerwerk an Männlichkeitsritualen, Ego-Kämpfen und Klischee-Paraden, vor allem aber der folkloristischen Musik und den dazu zelebrierten Tänzen. Denn während die Musik Fahrt aufnimmt und sich in mitreißenden Tanzszenen entlädt, gerät das thematische Gerüst in den Hintergrund, wird das Roma-Leben wieder zum Klischee, das jetzt auch nicht mehr hinterfragt wird.

Zuweilen erinnert das an eine Nummernrevue, deren Hauptzweck eine kaskadische Steigerung des Szenenapplauses zu sein scheint. Und so brechen der ganze gedankliche Überbau, die mühsam errichtete Komplexität, das Unbehagen über den eigenen, von vagem Überlegenheitsgefühl nie ganz freien Blick auf das vermeintlich Fremde, wie ein Kartenhaus zusammen, lehnt sich der Zuschauer genüsslich zurück, bewundert die akrobatischen Leistungen der jungen Roma und wippt vergnügt mit dem Fuß zur Musik. Jegliche politische Brisanz wird weggespült vom Feel-Good-Faktor  des ausgestellten „Lebensgefühls“. Und wenn es ins Positive gewendet wird, erscheint das Klischee plötzlich ganz angenehm. Es befreit vom schlechten Gewissen, ohne dass man gezwungen ist, sich allzu viel Gedanken zu machen. Und so kehren die engagiert und leidenschaftlich agierenden Darsteller dorthin zurück, wo sie uns am wenigsten stören: in die Schublade.

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