Und wenn sie nicht gestorben sind…

Franz Xaver Kroetz: Stallerhof, Burgthater Wien (Regie: David Bösch)

Von Sascha Krieger

Es ist nicht gerade ein häufiger Gast auf deutschsprachigen Bühnen: Franz Xaver Kroetz‘ 1972 aufgeführtes Stück Stallerhof. Was könnte uns diese Geschichte von der misshandelten Bauerstochter Beppi, diese Geschichte einer Erniedrigung, die bei Kroetz starkeund wütende sozialkritische Aspekte hat, heute auch noch sagen? Die reaktionäre Gesellschaft, repräsentiert durch Beppis Eltern, die Bekämpfung des Individuums, die Erstickung jedes Ausbruchversuchs aus dem Status Quo – haben wir das nicht längst hinter uns? Was interessiert, was berührt an Kroetz‘ bitterer Anklage heute noch? Dass sich Regisseur David Bösch diese Fragen gestellt hat, zeigt sich an diesem Abend von Beginn an. Und er hat seine Antworten dort gefunden, wo man sie vielleicht nicht vermutet hätte. Bösch hat Stallerhof sowohl erweitert als auch reduziert – erweitert um Szenen aus dem Nachfolgestück Geisterbahn, das Beppis Geschichte fortsetzt und zur Tragödie umformt, und reduziert um die Sozialkritik und düstere Gesellschaftsanalyse, die bislang immer im Mittelpunkt der Interpretation dieses Stückes standen. Nur was bleibt dann üblich? Eine Menge, wie sich herausstellt, und einer der berührendsten Abende, die derzeit im deutschsprachigen Theater zu sehen sind.

Bösch hat die Gegensätze, die Kroetz‘ Versuchsanordnung, weitgehend aufgebrochen. Nicht mehr steht da die unschuldige, hoffnungsvolle, naive Beppi der bösen Welt gegenüber, dem Missbrauch der anderen ausgesetzt. Stattdessen gibt Sarah Viktoria Frick ihre Beppi als großes Kind, das der Welt, selbst in ihrer Feindseligkeit, mit Staunen und Neugier begegnet, eine Verlorene, Unbehauste, die den anderen ihre Hoffnung voraus hat, denn Suchende, Einsame, Ratlose sind auch sie: Staller und Stallerin, aber auch Sepp (ganz stark: Johannes Krisch), der durch Beppi wieder ein wenig zum Kind wird. Wie sie sich mit Indianerlauten begrüßen, sich vorsichtig anstupsen oder ausgelassen kabbeln, wie er ihr Märchen erzählt und ihr glücklich dabei zuschaut, wenn sie träumend und alles um sich herum vergessend zu ihrem Lieblingslied tanzt: Da teilen sich zwei einen Traum, von dem sie nicht wissen und auch nicht wissen wollen, dass er einmal zum Albtraum wird. Später werden sie da sitzen am Weihnachtsabend mit einer Krücke von Weihnachtsbaum, er bereits todkrank und haben doch einander. Hinter ihnen eine transparente Wand in Hausform und dahinter ihre Eltern. Mit einem prächtigen Baum sitzen sie reglos nebeneinander und teilen nur ihre Einsamkeit. Es ist ein Moment, der stärker berührt als allen, was man in letzter Zeit auf deutschsprachigen Bühnen sehen konnte.

Es gibt einige dieser Momente auf dieser Bühne irgendwo zwischen Albtraum und Postapokalypse, zwischen Hausrat, dämonischen Tierfratzen und einem Jesus am Telefonmast. David Bösch erkämpft seinen Figuren ganz gegen Kroetz eine echte Liebesgeschichte, eine, die nicht dauern kann, schließlich kann keiner aus seiner Haut, die immer eine ist, die von den Mitmenschen isoliert. Und doch trotzen sie sich diese Momente ab, kurze Augenblicke der Nähe, die zugleich ein Abschied sind. Und so verliert das „Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute“ am Ende jedes Märchens bald seine Hoffnung und wird zur zynischen Phrase, welche die beiden höhnisch auslacht, gewinnt Beppis die Geschichten antreibendes „Und nachher?“ etwas Bedrohliches. Glück und Verzweiflung sind hier untrennbar, eines beinhaltet immer auch das andere, Traum und Albtraum sind eines.

Denn düster ist auch diese Geschichte, vertreiben Beppis Eltern sie aus dem Zuhause, stirbt Sepp, wird Beppi ihr Kind weggenommen. Und doch besteht dieses verlorene große Kind bis zum Schluss auf ihrem recht zu leben, ein leben, das allein ihres ist. Der Kindsmord, mit dem Geisterbahn endet, ist nicht ausgespart und doch deutet Bösch ihn nur an, lässt ein wenig Offenheit zu, deutet an, dass es auch ein andere Ende geben könnte, dass vielleicht der Traum nicht zu leben ist, aber doch eine irgendwie doch erträgliche Realität. Die abweisende Bühne, die harsche Sprache, die düsteren Bilder – sie sind nicht in der Lage, das letzte Fünkchen Leben zu löschen, ein Leben, dass seine Unmöglichkeit erkennt und trotz allem nicht aufgeben kann. Ob das noch Kroetz ist, bleibt fraglich, und doch hat David Bösch in diesem Stück etwas gefunden, das ungemein heutig ist, und das, ohne uns die Geschichte in die uns bekannte Welt zu übersetzen. Stallerhof ist weit weg und doch kommt er uns ganz nah, weil diese Figuren so modern sind, wie es nur geht. Sie alle sind Verlorene in einem viel zu großen Universum, das kalt bleibt und nur Augenblicke von Nähe zulässt. Doch es sind diese Momente, die alles andere überdecken, die dafür sorgen, dass es das alles doch irgend wie wert ist.

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