Um Leben und Artaud

Molière: Der eingebildete Kranke, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: Martin Wuttke)

Von Sascha Krieger

Es ist schon fast eine Tradition: Wenn die anderen Berliner Bühnen sich langsam auf die Theaterferien vorbereiten, vielleicht noch zum Abschluss ein Festival geben und generell der Ausblick auf die nächste Spielzeit wichtiger erscheint als das Beenden der noch laufenden, gibt man an der Volksbühne, die ja immer ein bisschen anders sein will, dem Theateraffen noch einmal ordentlich Zucker. Im letzten Jahr durfte Herbert Fritsch mit seiner (s)panischen Fliege so manche Unzulänglichkeit der abgelaufenen Saison vergessen machen, diesmal gibt es gleich noch einen neuen Themenschwerpunkt. Zwei Molière-Premieren, dazu als Brückenschlag eine dritte zum kommenden Spielzeitbeginn, jeweils mit Martin Wuttke in der Hauptrolle – das ist noch mal eine Menge Arbeit und perfektes Marketing noch dazu. Den Auftakt macht Vielarbeiter Wuttke, der bei Der eingebildete Kranke auch gleich noch die Regie übernahm – es bleibt zu hoffen, dass die akute Erschöpfung, die ihn die Premiere den Geizigen in der Regie von Frank Castorf verschieben ließ, nur eine kurze Episode war. Künstlerisch zumindest hat sich der Ausnahmeschauspieler mit dem eingebildeten Kranken leider spürbar übernommen. Molières Leidens- und Todeskomödie wird unter seinen Händen zu Castorf light, zu einem wilden Sammelsurium nicht passen wollender, reichlich plumper und weitgehend nichtssagender Elemente. Da hilft auch ein Martin Wuttke in komödiantischer Höchstform wenig.

Der engebildete Kranke Volksbuehne

Foto: Thomas Aurin

„Zum totlachen!“ steht auf den rot-weiß gestreiften Vorhang des Bühnenzelts von Bert Neumann, in dessen Innerem sich ein in schwarz-weiß gehaltenes bürgerliches Interieur verbirgt. Nur zum Totlachen ist hier leider gar nichts, viel zu sehr überlagert Wuttke den Molièreschen Text mit Fremdmaterial, in diesem Fall Auslassungen über Leben, Tod und Existenz, dazu ein paar Angriffe auf die Psychiatrie, des französischen Literatur- und Theaterextremisten Antonin Artaud. Dabei vermeidet Wuttke die Brüche, die Castorf so gern mit seinen fremden Stimmen setzt, sondern baut sie so in die Dialoge ein,teilt sie unter den Darstellern und Figuren auf, dass so mancher Zuschauer wohl erst recht spät merkt, dass er da über weite Strecken gar nicht Molère gehört hat. Und doch will der grimmige Existenzialismus dieser Texte nicht zu dem passen, wie Wuttke seinen Molière anlegt: als laut polternde, irgendwo zwischen den Marx Brothers und Herbert Fritsch angesiedelte Farce voller Brachialkomik und ohne jede Subtilität. Die berühmte Selbstreferenzialität und Selbstironie seines Intendanten hat er auch über Bord geworfen und so heben der vollkommen ironiefrei präsentierte Artaud und der betont volksbühnenhaft überzeichnete Molière einander weitgehend auf. Um zum Denken anzuregen, ist das zu laut, und fürs „Totlachen“ schlicht nicht komisch genug.

Zumal Wuttke offenbar eine Checkliste von Castorf bekommen hat, die er geflissentlich abarbeitet. Da wird gebrüllt  und gestikuliert wie beim Hausherrn selbst, fährt zuweilen eine Leinwand herunter, hinter die man sich zurückzieht um per Live-Video gleich wieder zu erscheinen, da keift Wuttke den Eingangs-Monolg auf französisch (wie auch Hendrik Arnst als Zeremonienmeister wiederholt „Le Malade Imaginaire!“ brüllt und ein Drittel des Ensembles französischer Herkunft ist), auch grobe Anzüglichkeiten gibt es ebenso in rauher Menge wie gewollte Albernheiten (man denke an das Riesen-Klistier). Das wirkt alles recht mechanisch, hat keine wirkliche Funktion erscheint zuweilen wie eine nicht besonders gelungene Kopie. Zuviel wirft Wuttke da hinein, funktioniert den Bruder der Hauptfigur zum Psychiater um, damit er die entsprechenden Artaud-Stellen einbinden kann, lässt Zofe Toinette über den Tod philosophieren – passend zum Skelett mit Stundenglas im Giebel des Bühnenzelts – und die Frau des vermeintlich Kranken Sinniges über das Leben sagen, nur bleibt all das bloßer Text, reines Zitat, welches das Publikum erduldet in Erwartung des nächsten komödiantischen Streichs Wuttkes. Eine Auseinandersetzung über Leben und Tod findet an diesem Abend nicht statt, alle Ansätze in diese Richtung bleiben Behauptung.

Denn eigentlich ist an diesem Abend nur eines wirklich wichtig: Martin Wuttke. Wuttke keift und geifert, brüllt und schmeichelt, hechelt wie ein Hund mit heraushängender Zunge über die Bühne, nur um mal schnell ins Herzlos-Dämonische zu wechseln. Es gibt vielleicht derzeit keinen deutschsprachigen Schauspieler, der die Klaviatur der Komödie so vollständig, präzise und virtuos zu spielen beherrscht wie Martin Wuttke. Zuweilen vermeint man den Arturo Ui zu hören, doch da hat er auch schon wieder das Register gewechselt. Das steckt an, insbesondere Lilith Stangenberg und Margarita Breitkreiz tun ihr Bestes, ihr eigenes komödiantisches Talent zu zeigen. Nur führt das eben nirgendwo hin. Wo Castorf Unzusammenhängendes nebeneinander stehen lässt und aus diesem Nicht-Zusammenpassen so manches Mal etwas Neues, Aufregendes, Unerwartetes entsteht, vermengt Wuttke die disparaten Elemente zu einem zähen Brei, in dem letztlich alles allerlei ist. Artaud, Molière? Egal – Hauptsache Wuttke.

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2 Gedanken zu „Um Leben und Artaud

  1. […] und Aufschrift “zum totlachen!” kennt man schon von Martin Wuttkes Inszenierung des Eingebildeten Kranken. Auch das frühbürgerlich-gediegene Intérieur wurde übernommen, nur die schwarz-weißen Paneele […]

  2. […] sind aller guten Dinge dann eben doch drei. Nach den Versuchen von Martin Wuttke und Frank Castorf ist es ausgerechnet René Pollesch, dieser Selbstinszenierer und […]

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