In der reproduzierten Welt

Autorentheatertage 2012 – Karte und Gebiet (nach dem Roman von Michel Houellebecq), Düsseldorfer Schauspielhaus (Regie: Falk Richter)

Von Sascha Krieger

Möchte man eine Romanadaption rezensieren, ist der erste Reflex, den Roman zum Vergleich heranzuziehen. Und schnell wird klar: Da fehlen wichtige Handlungsstränge, die Komplexität wird vermisst, Erzählstrenge und Figurenzeichnungen zu stark vereinfacht und so weiter. Natürlich ist das auch so, wenn Falk Richter Michel Houellebecqs letzten Roman dramatisiert. Es lässt sich trefflich streiten, ob ein solcher Ansatz zielführend ist, in jedem Fall gibt es eine Alternative: Man sieht das, was auf der Bühne passiert, einfach als eigenständiges Werk an und stellt an dieses die Frage, was es dem Zuschauer zu sagen vermag und ob das auch funktioniert. Dabei lässt sich die Herkunft selten verleugnen: Romanadaptionen tendieren zum Episodenhaften und Epischen und das ist auch bei Karte und Gebiet so. Und trotzdem funktioniert der Abend ziemlich lange gut, obwohl oder gerade weil er den Roman radikal auf wenige Personen, Handlungsstränge und Themen reduziert. Was Richter auf die Bühne bringt, ist das fragmentarische Porträt eines in der Welt Verlorenen, der am Ende seine Verlorenheit annimmt, ohne seinem Leben mehr Sinn geben zu können. Hinzu kommt eine Auseinandersetzung mit der Produktion von Werten, Bedeutung, Leben, am Beispiel des Kunstbetriebs. Richter gelingt eine enge Verzahnung der Themenkomplexe, ohne die fiktive Biografie zu opfern oder auch in eine bloße Persiflage abzukippen. Mit zunehmender Dauer des Abends dünnt sich die anfängliche Dichte der Inhalte und theatralen Mittel spürbar aus und es verfestigt sich der Eindruck, die Inszenierung hätte nichts mehr zu sagen bis hin zum Abdriften in Gemeinplätze und eher plumpen Kulturpessimismus. Ein weitgehend gelungener Abend, dem jedoch insbesondere nach der Pause deutlich die Luft ausgeht.

Im Mittelpunkt von Roman und Stück stehen fiktives Leben und Künstlerkarriere von Jed Martin (Christoph Luser), ein bildender Künstler, der seinen Weg sucht, Erfolg findet und dann aussteigt. Lusers Martin ist ein Suchender, ein Verlorener, der wie ein großäugiger Schuljunge durch die Welt tapst, der nach dem Wahren such, dem echten Ausdruck, dem Authentischen und doch nur kommerziellen Erfolg findet. Er ist ein Fremder – im Kulturbetrieb, im Zwischenmenschlichen, im Leben. Er sucht das Wahre und landet doch immer nur im Künstlichen. Die industrielle Produktion interessiert ihn, die Reproduktion wird zu seinem Lebensinhalt. Er hat ersten Erfolg mit Fotos von Produkten eines Eisenwarenladens, feiert seinen Durchbruch mit abfotografierten Straßenkarten unter dem Titel „Die Karte ist interessanter als das Gebiet“ und verlegt sich später auf Gemälde typischer Vertreter einzelner Berufsgruppen aber auch bekannter Persönlichkeiten. Der Künstler erscheint hier als bloßer Kopist, der oft gar nur Kopien kopiert. Produktion ist Reproduktion ist Kopie, in der Kunst wie im Leben. Houellebecq beschreibt sich einmal als Produkt (das er als Erfindung des Autor, als dessen Selbstparodie ja auch ist) und auch Martin verliert sich mit der Zeit zwischen künstlerischem Anspruch und Image. Am Ende ist auch er wenig mehr als eine Reproduktion.

Mit Hilfe von Videokünstler Chris Kondek gelingt es Falk Richter, diese Thematik eindrucksvoll zu visualisieren: Immer wieder sieht sich Martin Bildern seiner selbst gegenüber, erscheinen diese in ihrer Brillanz und Perfektion zuweilen echter als der lebende Mensch. Die frühen Jahre werden mit Spielfiguren und Spielzeugstraße in Szene gesetzt und auch die Kunst ist immer nur Projektion. Als Martin an seinem Bild „Jeff Koons und Damien Hirst teilen den Kunstmarkt unter sich auf“ scheitert, werden Bilder der beiden auf eine Leinwand projiziert, auch die Zerstörung des Bildes durch den Künstler ist bloße Projektion. Nichts ist hier echt und dazu passt auch Martins Einschätzung, Koons gerate ihm immer wie ein Autohändler. Künstlichkeit ist alles, Erfolg entsteht durch Image. Das ist eine treffende Satire des Kunstmarkts, die durch einige karikaturenhaft hinskizzierte Protagonisten dieser Welt akzentuiert wird, greift aber weiter: Hier erscheint die Welt als Kunstprodukt, als (Re)Produziertes. Selbst als Martin aussteigt, die Karte durch das Gebiet ersetzt und eine Fotografie- und Filmtechnik entwickelt, die menschlich Erschaffenes so verfremdet, dass am Ende die Natur, die Pflanzenwelt übernimmt, ist auch das eben doch nur künstlich geschaffen. Das „Echte“ findet Martin auch hier nicht.

Richter konzentriert seine Dramatisierung auf die Beziehungen Martins zu drei Figuren: Neben seiner großer Liebe Olga (Karin Pfammatter), die als Sehnsuchtspunkt wichtig ist, sonst aber eher beiläufig abgehakt wird, sind dies Martins Vater (Werner Rehm) und Michel Houellebecq (Olaf Johannessen), eine fiktionalisierte Version des Autors, der im Laufe des Geschehens auf brutale, man könnte auch sagen künstlerische Weise ermordet wird – als Martin die Fotos des Tatorts sieht, hält er sie zunächst für Bilde im Stil Jackson Pollocks. Vater und Autor fungieren wie Gegenstücke zueinander: Hier der Sterbende, der sein Scheitern ebenso hellsichtig und schonungslos wie bedauernd eingesteht, dort der Zyniker, der als seiner Verachtung für alles Menschliche keinen Hehl macht, der sich in seinem Spott gegenüber allem und jedem ebenso gefällt wie er an ihm leidet, der natürlich auch eine Sammlung von Klischees über den Autor ist, ohne dadurch als Figur zu verlieren. Scheiternde, Verlorene auch sie, aber auf ihre sehr unterschiedliche Weise mit einer erheblich klareren Sicht auf sich und die Welt. Während Jed noch sucht, haben sie dies schon längst aufgegeben.

Richter erzählt diese Geschichte in strenger Chronologie wie eine theatrale Biografie und mit einer klugen Mischung aus multimedialem Feuerwerk und reduziertem Erzähltheater. Dialoge werden zumeist einander abgewandt gesprochen, oft steht einer hinten auf der Bühne, der andere am Bühnenrand und spricht über ein Mikrofon direkt ins Publikum. Keine Nähe nirgends. Falk Richter gelingt es über weite Strecken eine dichte Atmosphäre zu schaffen, in welcher die Sehnsucht nach Sinn, Bedeutung, Erfüllung schon fast sichtbar den Raum erfüllt. Nur gegen Ende fällt der Abend etwas ab. Der Bruch geschieht mit der Mordermittlung, die als reichlich alberne Parodie einer Krimiserie daherkommt. Martins anschließender Ausstieg ist dann nur noch trockene Rezitation, die Luft ist raus, die Geschichte erzählt. Und so endet ein Abend ein wenig unbefriedigend, der über weite Strecken Houellebecqs Roman in anregendes und angenehm wenig plakatives Erzähltheater verwandelt und gleichzeitig der Versuchung widerstanden hat, aus dem Stoff eine bloße Satire über den Kunstbetrieb zu machen. Richters Einstand als Düsseldorfer Hausregisseur ist also durchaus gelungen.

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