Des Pudels Kern

Autorentheatertage 2012 – Johann Wolfgang von Goethe und Elfriede Jelinek: Faust 1-3 / FaustIn and out, Schauspielhaus Zürich (Regie: Dušan David Parízek)

Von Sascha Krieger

Elfriede Jelinek hat ein neues Geschäftsfeld für sich entdeckt, so sagt sie. Sekundärdramen, Texte, die bekannte Stücke der Theaterliteratur begleiten, erläutern, hinterfragen, verunsichern, die, wie Jelinek es ausdrückt, „kläffend neben den Klassikern herlaufen sollen.“ Sie sollen nach Jelineks Willen immer gemeinsam mit dem“Primärdrama“ aufgeführt werden, um seine Leerstellen, seine Brüche, seine unhinterfragten Fundamente offen zu legen, sichtbar zu machen und aufzufüllen mit dem, was Jelinek zufolge verdrängt wurde, im Untergrund bleiben sollte, was sich hinter dem verbirgt, was sich über die Jahrhunderte überliefert hat. Jeder Klassiker, so meint sie, hat auch eine dunkle Seite, etwas, das geopfert werden musste, ein Gegenstück, das notwendig ist, um das verlorene Gleichgewicht wiederherzustellen.Abraumhalde hieß ihr erstes Sekundärdrama, das sich Lessings Nathan der Weise zur Brust nahm und von Nicolas Stemann kongenial in Szene gesetzt wurde. Jetzt ist niemand geringeres als Goethe, der deutsche Dichterfürst, an der Reihe, und natürlich muss es gleich der Faustsein. Dušan David Parízek hat die Uraufführung in Zürich besorgt und er hat gut daran getan, die Texte sprechen zu lassen, Goethes wie Jelineks, den Schauspielern viel Raum zu geben und Goethe nicht von Jelinek dominieren zu lassen. Zu sehen ist ein Faust, der ungeahnte Abgründe sichtbar werden lässt, aber nie selbst herabstürzt.

Zunächst scheint das Publikum sicher, werden die vielen leer gebliebenen Plätze kaum bemerkt. Die leere Bühne, deren einziges bauliches Element ein Kubus aus Metallstangen ist, der vorn am Bühnenrand aufgebaut wurde, wird zaghaft von zwei Herren im Frack, Edgar Selge und Frank Seppeler, besetzt, die aus dem Zuschauerraum kommen und mit der Bühne fremdeln. Immer wieder werden sie sie verlassen, sich nach unten in den vermeintlichen Schutzraum des Publikums zurückziehen. Vorsichtig fangen sie an, den Goethe-Text zu rezitieren, monologisch zuerst, dann, langsam und scheu, miteinander spielend. Die Vorspiele werden getestet, dann geht es hinein ins Faust-Drama, das Studierzimmer, den Osterspaziergang, das Auftauchen Mephistos. Seppeler und Selge schieben sich die Rollen zu, wetteifern auch mal darum, Faust sein zu dürfen oder Mephisto, sie klopfen den Text ab auf Bedeutung, aber auch auf seine Leerstellen. Worte werden gedehnt und zurückgehalten, dann wieder ausgespuckt, vermeintlich Unwichtiges betont, Bedeutendes fragend oder gar spöttisch unterminiert. Zunehmend gewinnt ein ironischer Ton die Oberhand, erscheint das Wissens- und Erkenntnisstreben vor allem als Fassade eines eigentlich ziemlich chauvinistischen männlichen Machtdrangs. Sexuelle Anspielungen häufen sich, der in der Hexenküche angedeutete Jugendwahn, hinter dem sich eben auch der Wunsch nach nie aufhörender Virilität verbirgt wird zum zentralen Motiv und entlädt sich in einer hemmungslosen Testosteron-Orgie, in der sich die beiden Darsteller ihre Kleidung vom Körper reißen, einander und das Publikum mit Creme beschmieren und hemmungslos „Ewige Jugend!“ brüllen. Hier fällt die Faust-Fassade in sich zusammen , hier geht es nur noch um Duchsetzung dr eigenen Lust.

Und doch: Da rumort etwas unter dieser männlichen Oberfläche, da ist etwas verborgen, dass sich nicht mehr länger verbergen lässt, da ist eine Leerstelle, wie auch in den halbleeren Reihen eine Lücke klafft. Plötzlich erscheint auf der Rückwand per Videoprojektion eine Frau, dann eine zweite, sprechen sie voller Wut von männlicher Dominanz, von Gewalt und Unterwerfung, von Erniedrigung, von Auslöschung der eigenen Identität. Kurz nur, es verschwindet so schnell wie es kam und doch ist das Kartenhaus schon zusammengebrochen, hat sich etwas gezeigt, das nach oben strebt , an die Luft. Dort unten, in einem schalldicht verkleideten Kellerraum sitzen ein paar dutzend Zuschauer und folgen drei Schauspielerien in die Gedanken- und Assoziationswelten Jelineks. Von Faust-Zitaten ausgehend findet sie die Verbindung zu Joseph Fritzl, der seine Tochter über zwanzig Jahre im Keller eingesperrt und mit ihr sieben Kinder gezeugt hatte. Auch hier ist das aus dem Faustischen „Streben“ ausgeschlossene im Keller eingesperrt, ist es vor allem durch seine Abwesenheit präsent. Oben sitzt die Mehrheit der Zuschauer und sieht vergnügt den Tätern zu, unten kauern sich einige an der Wand und lauschen den Opfern. Diese Dialektik aus Täter- und Opfersicht, Offensichtlichem und Verborgenem, dem Sehen-Können und Wissen-Wollen treibt Jelinek um und wird von Parízek in die Theatersituation transportiert.  Und wir wären nicht bei Jelinek, wenn der Täter nicht männlich, das Opfer nicht weiblich wäre.

Irgendwann öffnet Selge den Zugang zum Keller und führt Zuschauer wie Darsteller heraus auf die Bühne. Da stehen sie, im grellen Scheinwerferlicht in ihren grauen Trenchcoats, unsicher, nicht wissend, was da geschieht, das amüsierte Publikum oben irritierend, aufgetaucht aus dem Nichtgeahnten. Ein stiller, verstörender, ins Mark gehender Moment, der bald vom hektisch gute Laune verbreitenden Seppeler abgebrochen wird. Die dem Keller entkommenen Zuschauer nehmen im Saal Platz, füllen die Lücke, und doch ist nichts mehr, wie es war. Denn dieser Keller gehört zur Geschichte, ist von ihr nicht zu trennen, macht sie erst komplett. Das Verdrängte, Verstoßene ist das Fundament, auf dem Faust, der Mann, seinen Tatendrang, seine Macht aufbaut. Und so wird die Gretchentragödie zum Kampf zwischen dem vergewaltigenden, einsperrenden, keinen Widerspuch duldenden Vater und der ihre Stimme behauptenden Tochter. Täter und Opfer können nicht aus ihrer Haut und sind doch beide erschüttert.

Parízek behauptet den Goetheschen Text und bricht ihn doch immer wieder durch Jelineks schmerzensreiche, Giftpfeile verschießende Wortkunst auf, die sich nicht mehr still halten lässt. Die „Gretchenfrage“ wird umgestülpt, plötzlich ist es Gretchen, die den „Allumfasser“, den „Allerhalter“ mit bitterem Hohn überzieht, ist er doch für sie der Vater, der  Herr über Leben und Tod, der ihr seine Identität aufzwingt, ihr das eigene Leben nimmt und durch ein von ihm gewähltes ersetzt. Dieses Gretchen, GretIn genannt (Sarah Hostettler), schluchzt nicht, sie brüllt ihren Schmerz heraus, der immer auch Wut enthält. Faust, Mephisto, das Männliche müssen schweigen. Am Ende fordert Franziska Walser das Publikum auf, den Mann voll alldem abzuziehen, subtrahieren könne man ja wohl. Natürlich ist das nicht möglich, denn das eine ist hier ohne das andere nicht zu denken, der tätige, siegreiche Mann nicht ohne die unterdrückte Frau und diese nicht ohne die Behauptung gegen den Unterdrücker. Für Elfriede Jelinek ist dies Faustschen Pudels Kern und es ist einer, den man nicht teilen muss, der sich so leicht aber auch nicht abschütteln lässt. Ein verstörender, ein erschütternder Faust.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: