(Alb)Traum Europa

Autorentheatertage 2012 – Simon Stephens: Three Kingdoms, Münchner Kammerspiele (Regie: Sebastian Nübling)

Von Sascha Krieger

Es beginnt mit einem Mordfall: In London wird ein Frauenkopf aus der Themse gefischt, die Kommissare Stone und Lee beginnen zu ermitteln. Es ist der Beginn einer Reise, die sie von London nach Deutschland und schlussendlich nach Estland führt, quer durch Europa, vom „alten“ ins „neue“. Simon Stephens hat Three Kingdoms für den deutschen Regisseur Sebastian Nübling geschrieben, der das Stück mit englischen, deutschen und estnischen Schauspielern in fünf Sprachen (Passagen in russisch und türkisch kommen hinzu) inszeniert und in München, London und Tallinn auf die Bühne gebracht hat. Ein paneuropäisches Projekt, das den Zustand Europas hinterfragt und unsere Bilder von dem, was da im „Osten“ vor sich geht, auf die Probe stellt. Das kann eigentlich nur schiefgehen und sich als formelhaftes, konstruiertes Thesentheater, bei dem der gute Wille zählt, aber die verschiedenen Teile und Schauspieler nicht zusammenpassen, entpuppen. Und tatsächlich hat zumindest der letzte, in Tallinn angesiedelte Teil seine Schwächen in den fast penetranten Belehrungen eines estnischen Polizisten darüber, wie „wir Westeuropäer“ die Länder des Ostens nur durch die Brille unserer Vorurteile sehen könnten. Da stockt der Fluss kurzzeitig an einem Abend, der dann doch überraschend stimmig ist, der diese Reise, die für Detective Stone (Nick Tennant) vor allem eine in sein eigenes Innere ist, für den Zuschauer nachvollzieh- und erlebbar macht und immer wieder dieses zerklüftete, zerstückelte und doch irgendwie zusammenhängende Gebilde namens Europa aufscheinen lässt, ein Abend, der einen Sog entwickelt, dem man sich nur schwer entziehen kann.

Das beginnt zunächst als Kriminalstück: Stone und Lee verhören einen jungen Mann, der Aufnahmen einer Überwachungskamera zufolge die Tasche mit dem Kopf in die Themse geworfen hat. Der Wechsel von „Good Cop“ und „Bad Cop“, von Aggression und Freundlichkeit, von Nähe und Distanz, die Mischung aus Angst und Verstocktheit im Beschuldigten – das ist purer TV-Krimi und soll den Zuschauer auf eine fälsche Fährte locken. Denn nicht nur ist der ebenso verschüchterte wie bockige Junge (Rupert Simonian) natürlich nicht der Täter, es geht an diesem Abend eigentlich gar nicht um Tat und Täter. Schon schnell geraten Stone und Lee an ihre Grenzen, kommen sie mit ihrer üblichen Ermittlungsarbeit nicht weiter. Die Tote stammte aus der ehemaligen Sowjetunion und arbeitete als Prostituierte und Pornodarstellerin. Für wen, bleibt weitgehend unklar, vielleicht war sie auch Polizeiinformantin. Die Detektive geraten in einem Morast aus Menschenhandel und moderner Slklaverei, der Grenzen überschreitet, in dem schnell unklar wird, wer wer ist und was tut. Mögen sie zu Beginn noch denken, dass irgendwo in diesem Sumpf die Wahrheit verborgen ist, müssen sie am Ende begreifen, dass es so etwas wie Wahrheit hier wohl gar nicht gibt.

Stephens und Nübling hätten den Fehler machen können, den Abend von seiner vermeintlichen Thematik her aufzubauen. Doch so akzentuiert Themen wie (Zwangs-)Prostitution und Menschenhandel auch behandelt werden, auch sie sind vor allem Mittel zum Zweck, sie sind der weg zu einem anderen Ziel, sie sind bestenfalls Symptome dieses albtraumhaften Europas. Denn was in diesem schäbigen, verwaschenen, seelen- und ortlosen Transitraum der Bühne von Ene-Liis Semper passiert, ist eine Art Reise in die Nacht, ins europäische Herz der Finsternis und die in das Schwarz der eigenen Seele. Nick Tennant spielt dieses Detective Stone mit einer Mischung aus Schlitzohrigkeit, Dickköpfigkeit und hilfloser Verlorenheit, dass sich allein in ihm schon das Identitätsdilemma dieses Kontinents spiegelt, der eins sein will, ohne bereits zu sein, das aufzugeben, was ihn trennt, ein Kontinent, der sich vor allem nicht versteht. Und so ist Tennant „lost in translation“, versteht gegen Ende kein Wort mehr, ist auf Übersetzungen angewiesen, die, selbst wenn sie von seinem Kollegen Lee (Ferdy Roberts) stammen, ihn mehr ausschließen als einbeziehen, und sieht sich zunehmend gefangen in der Blase der eigenen Isolation, ein Spielball derer, die auf die eine oder andere Weise Europa zu ihrem Spielfeld gemacht haben, allen voran der lächerlich-psychopathische wie dämonische deutsche Kommissar Dresner (Steven Scharf).

So wie sich Stone immer mehr in einem Albtraum wiederfindet,für den die „Weißen Nächte“ Estlands, in denen die Sonne für Wochen nicht untergeht, Verstärker wie Symbol sein mögen, so gewinnt auch der zunächst sehr klar und linear strukturierte Abend immer stärker etwas Strudel- und Albtraumhaftes. Immer skurriler werden die Gestalten, immer öfter mischt sich der singende, tanzende und immer öfter in verschiedene, die Geschlechtergrenzen verwischende Rollen schlüpfende „Trickster“ (Risto Kübar) wie ein Mephisto, Bote des europäischen Chaos, in die Menge. Stumme, pantomimische Tänze, Darsteller mit Tierköpfen, immer undurchschaubarere Personenaufstellungen, bei denen die Figuren immer mehr in einander fließen, wilde, abstoßende und rätselhafte Orgien, Halluzinationen gar und ein Ende, welches den Beginn spiegelt, ohne auch nur ein Bruchstück von dessen vermeintlicher Bedeutung zu erhalten: Nübling und sein über alle Länder- und Sprachgrenzen hinweg atemberaubend gut harmonierendes Ensemble, machen Stones Albtraum, fühlbar, der sein eigener ist aber vielleicht auch ein bisschen unser aller.

Gewissheiten zerfließen, lösen sich auf, Identitäten verschwinden, alles wird eines und nicht mehr zu durchschauen. Was eben noch Wahrheit war, ist jetzt schon nicht mehr da. Nübling hat mit Stephens ein Theater der Verunsicherung geschaffen, in dem am Ende nichts mehr so ist wie am Anfang, in dem das Nichts übernimmt, das auch ein Alles ist und ein weißes Blatt Papier sein kann, Chance für einen Neubeginn. Und womöglich hat der estnische Polizist auch Recht: Wenn wir versuchen, unsere Vorurteile nicht die Oberhand gewinnen zu lassen, machen wir aus dem Albtraum vielleicht noch keinen Traum. Aber wir können ihn möglicherweise ein wenig besser verstehen.

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2 Gedanken zu „(Alb)Traum Europa

  1. […] ihn, ein estnischer Darsteller, mit dem Nübling bereits bei Simon Stephens’ Europa-Stück Three Kingdoms zusammengearbeitet hat. Elfenhaft wirft er seine grazile Gestalt in diese Welt der auftoupierten […]

  2. […] im Bunde, Sebastian Nübling, ist mit seinen nicht selten paneuropäischen Arbeiten – allen voran Three Kingdoms – ein Identitätssucher und Grenzüberschreiter. Auch andere Regisseure der Eröffnungsspielzeit, […]

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