Tolle Glocken

Autorentheatertage 2012 – Roland Schimmelpfennig: Das fliegende Kind, Burgthater Wien (Regie: Roland Schimmelpfennig)

Von Sascha Krieger

Roland Schimmelpfennig ist so etwas wie der Star unter den deutschsprachigen Dramatikern. Kaum einer wird so oft gespielt, laundauf landab, an den großen Häuser der Republik ebenso wie in kleinen Stadttheatern. Schimmelpfennigs Theater ist eines, das ganz nah dran sein will an der Gegenwart, dabei ist Realismus seine Sache nicht. Alles ist Symbol, seine Erzählweise irgendwo zwischen Mythos und Märchen, seine Stücke sind selten linear aufgebaut, er findet seine Bedeutung im Fragmentarischen und in der Kreisbewegung. Bei Schimmelpfennig geht es immer um Leben und Tod, es sind die großen Themen, die ihn umtreiben, und es geht ihm immer auch um eine Beschreibung des Zustands der Welt. Kaum muss man dazu sagen, dass dieser selten gut ist, und so werden seine Stücke nicht selten zu Appellen, scheut er die moralische Geste nicht. Es ist daher sicher keine Überraschung, dass ein Schimmelpfennig-Abend die diesjährigen Autorentheatertage in Berlin eröffnet – auch in Mülheim, dem Mekka der deutschsprachigen Gegenwartsdramatik war er gerade erst zu Gast. Mit seinem neuen Stück Das fliegende Kind, dessen Uraufführung er gleich selbst inszeniert hat, konnte er dort nichts gewinnen. Zu Recht, denn Das fliegende Kind wirkt, als hätte er all seine Schwächen – als Autor wie als Regisseur – zu einem Stück zusammengerührt.

Es ist noch nicht so lange her, da bescherte Schimmelpfennig mit seinem Globalisierungsdrama Der Goldene Drache dem deutschsprachigen Theater einen echten Top-Hit. Die Verlogenheit einer dekadenten, erste Auflösungserscheinungen zeigenden westlichen Gesellschaft, Egoismus, Gier, Verantwortungslosigkeit: Diese Themen finden sich auch in Das fliegende Kind wieder, nur verlässt er diesmal die große weltbühne und dampft das Ganze ein – auf eine gutsituierte, stinknormale deutsche Familie, Mann, Frau, zwei Kinder. Es ist St. Martin, der ältere Sohn singt im Chor in einer Kirche und geht dann samt Familie zum Laternenumzug, die kleine Schwester quengelt. Und die Eltern? Sie trifft sich heimlich mit ihrem Liebhaber, er hat es eilig, um zu einem Vortrag einer brasilianischen Wissenschaftlerin zukommen, die er erobern will. Plakativ ist die Diskrepanz, die Schimmelpfennig aufstellt: Hier der unschuldige Junge, dessen strahlendes, glänzendes, glückliches, nichts böses ahnende Gesicht so oft betont wird, dass es auch der unaufmerksamste Zuschauer bald bemerkt hat. Dort die Eltern, die an sich denken, nur ihr Vergnügen im Kopf haben, sich für wenig anderes interessieren, die Kinder wenig mehr als lästiger Anhang.

Natürlich gibt es eine Katastrophe und natürlich wissen wir das von Beginn an. Es ist der Schlüsselsatz des Stücks und um das deutlich zu machen, lässt ihn Schimmelpfennig immer und immer wieder wiederholen, jede Figur sagt ihn, jeder Darsteller darf einmal ran, und um keinen Zweifel aufkommen zu lassen, steht er auch noch auf der Titelseite des Programmhefts: „Ein schwarzer Wagen fährt bei Nacht durch die Stadt, / nach Einbruch der Dunkelheit fährt ein großer schwarzer Wagen durch die Straßen der Stadt, / und holt unsere Kinder.“ das schafft ein Gefühl der Bedrohung, auch der Unausweichlichkeit, nicht umsonst werden Schimmelpfennigs Stücke gern in die Nähe antiker Tragödien gerückt. Da passt es ganz gut, dass er auch hier mit Chören arbeitet: Da ist der Chor der Lehrerinnen, welche den Laternenumzug sicher geleiten sollen, jener der Tunnelarbeiter unter der Kirche, auch das Ehepaar ist verdreifacht. Nicht nur der Satz wird immer wieder wiederholt, auch sonst gefällt Autor und Regisseur die Kreisbewegung.

Eine Strudel soll das wohl sein, einer der unweigerlich ins Nichts reißt. Schwer wiegt der Symbolismus, der schwarze Wagen ohne Licht, lautlos wie ein Geist, ist nur der Anfang. Die Tunnelarbeiter unterhalten sich über den Teilchenbeschleuniger am CERN, der womöglich zur Schaffung schwarzer Löcher führen könnte, die Wissenschaftlerin referiert über den Regenwald, der vom Menschen vernichtet wird. Untergang überall, Zeichen der beginnenden, selbst geschaffenen Apokalypse. Dazu passt auch die vertikale Anordnung der Figurengruppen: unten die Tunnelarbeiter, in der Mitte Familie, Lehrer, Kinder, oben ein Arbeiter auf dem Kirchturm. Selbst drei Kirchenglocken stehen auf der Bühne und werden ausgiebig benutzt.

Das Lieblingsinstrument Schimmelpfennigs ist in diesem Stück der Holzhammer. Jedes Symbol wird plakativ ausgebreitet, ohne einen Zweifel zu lassen was die Botschaft ist. Und die ist erschreckend simpel: Kinder sind gut, Erwachsene schlecht, die westliche Gesellschaft verdorben und dabei, all unsere Lebensgrundlagen zu zerstören. Am Ende stirbt ein Kind und mit ihm die Hoffnung, Schimmelpfennig gelingt sogar ein Ende, dass in seiner Kitschigkeit kaum zu fassen ist. Wenigstens kann man dem Autor kein Schwarz-Weiß-Denken vorwerfen, denn Weiß gibt es hier beileibe keines.

Wo ein anderer Regisseur, wo vielleicht ein Jürgen Gosch ein wenig Distanz hineingebracht , eine gewisse Leichtigkeit gegen die Schwere gesetzt und den Holzhammer gegen ein filigraneres Instrument ausgetauscht hätte, reicht der Regisseur Schimmelpfennig seinem Autor einen noch größeren und schwereren Hammer. Der verwaschen schwarze Bühnenkasten von Johannes Schütz bleibt leer, die Schauspieler bewegen sich meist gemessen ernsthaft und dürfen wenig mehr als Grabesmienen aufsetzen, der Regisseur nimmt gezielt alle Spannung heraus, schließlich ist das kein Krimi, sondern eine bedeutungsschwere Zustandsbeschreibung von Welt, Universum und überhaupt allem. Und so bleiben der platte Moralismus, die plakativen Metaphern, die einfache Botschaft unwidersprochen, im Gegenteil: Jedes Motiv wird so lange ausgewalzt, bis es mausetot ist. Das bisschen Leben, das der Autor Schimmelpfennig in seinem Text gelassen hat, treibt ihm der Regisseur Schimmelpfennig gnadenlos aus. „Die Glocken waren toll“, sagt eine Frau beim Rausgehen zu ihrem Begleiter. Es ist das vielleicht angemessenste Fazit dieses Abends.

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