Zufluchtsort und Gefängnis

Annett Gröschner: Kind ohne Zimmer, Deutsches Theater / Box (Junges DT), Berlin (Regie: Annette Kuß)

Von Sascha Krieger

Vor dem deutschen Theater steht seit einigen Monaten ein grüner Kubus. Mal offen wie eine Bühne, die zum Zuschauen und Zuhören einlädt, mal geschlossen, sodass man schon durch die Fenster lugen muss, um herauszufinden, ob und was da drin vor sich geht. Dieser grüne Container ist das „Kinderzimmer“, Experimentierfeld und Theaterpavillon, Ort zahlreicher Aktionen mit und von Jugendlichen und sichtbares Zeichen, dass hier, am Deutschen Theater, das junge Theater einen festen Platz gefunden hat. Passend dazu gibt das Haus nun in einer anderen „Box“, nämlich der so benannten kleinsten seiner drei Spielstätten, ein Stück namens . Und um das Kinderzimmer geht es auch, um den eigenen Raum als Schauplatz und Spiegel eigener Entwicklung, als Rückzugs- und Schutzraum, aber auch als Gefängnis, als Hindernis auf dem Weg zum eigenen Ich. Doch die Stimmen, die hier zu hören sind, gehören Menschen, die das eigene Zimmer bestenfalls als unerreichbaren Sehnsuchtsort kennen: Annett Gröschner hat Heimkinder interviewt, Jugendliche, die auf der Straße leben, aber auch ältere Menschen, die sich an ihre Kindheit erinnern, in der sie eben kein eigenes „Reich“ hatten, ob sie nun im Heim lebten, die Wohnung zu klein oder die Familie zu groß. Aus diesen Interviews hat Gröschner ein Stück geschaffen, dass Aussagen und Erinnerungen geschickt kombiniert und zu einer Auseinandersetzung mit Kindheit, Identitätsfindung und der Suche nach so etwas wie einem Zuhause zusammengesetzt.

Annette Kuß hat Kind ohne Zimmer jetzt am Deutschen Theater inszeniert, mit sechs Jugendlichen (fünf Mädchen und einem Jungen) und zwei Enemblemitgliedern. Sigi Colpes Bühne wird dominiert von eier Rückwand, aus der nach und nach Fenster herausgebrochen werden, die neue Räume eröffnen, die irgendwo zwischen Freiraum und Eingesperrtsein changieren. Matratzen auf der Bühne werden zum Spielfeld, auf dem kindlicher Spieldrang ausgelebt wird, aber sie dienen auch der Abgrenzung. Das, sagen sie, ist mein Raum, such dir gefälligst einen anderen. Zunächst spielen die Jugendlichen, und sie tun dies mit einer solchen Mischung aus Leidenschaft, Enthusiasmus, einem Schuss Kindlichkeit und einer erstaunlichen Präszision, dass man ihnen gern zuschaut.

Dabei vergisst man zuweilen fast, worum es geht: Schicksale von Kindern, die ohne Eltern aufwachsen, einen Platz für sich suchen, ohne wirklich einen zu haben, oder solche, denen der ihnen zugewiesene Raum nicht ausreicht oder behagt. Kinder, die ins Unbehaustsein hineingeworfen wurden oder es sich selbst wählen. leider nimmt Regisseurin Annette Kuß von Beginn an jegliche Schärfe heraus. Selbst als eine Darstellerin zu Beginn verschiedene Märchenfragmente rezitiert und sich dabei immer nur Szenen voller Gewalt und Grausamkeit herauspickt, wirkt das vor allem niedlich. Das mag dazu dienen, gezielt Distanz zu schaffen und jegliches vermeintlich Dokumentarisches zu vermeiden, führt aber vor allem dazu, dass viele der Texte weitgehend verpuffen.

Auch dass irgendwann Michael Schweighöfer dazukommt und den siebenjährigen Kevin spielen darf, ist zwar ein schöner Verfremdungseffekt, bleibt aber auf der Stufe des Amüsanten stecken. Auch die Wut- und Gewaltausbruchen wirken wie mit angezogener Handbremse gespielt, sie irritieren nur kurz und erlauben dem Publikum schnell wieder sich gemütlich zurückzulehenen. Hinzu kommt, dass die Darsteller ständig die Rollen wechselt, ja, sie eigentlich keine Rollen spielen, sondern lediglich als Sprachrohre agieren. So wird das alles schnell zu ununterscheidbaren Einheitsbrei,der dann darunter leidet, dass diese aufgeweckten, begeisterungsfähigen Jugendlichen so gar nicht zu dem passen wollen, was sie da erzählen. Das ist dann irgendwann so viel Verfremdung, dass der sprichwörtliche Wald vollständig hinter den Bäumen verschwindet.

Nur selten gelingt es dem Abend, das in den wahren Geschichten des Stückes verborgene Potenzial zur Entfaltung kommen zu lassen. Etwa wenn die Heimkinder sich imaginäre Kinderzimmer erschaffen, in denen sie Geborgenheit, Zuflucht, Schutz finden, Zimmer, die sich mit ihnen verändern, die größer werden wie sie auch, die Spiegel ihrer Ich-Werdung sind. Hier ist die Thematik des Stücks kurzzeitig voll und ganz präsent, denn eigentlich geht es nicht um das Zimmer als physischen Raum, sondern um seine Funktion, eine Funktion, die man auch an anderen stellen suchen und vielleicht sogar finden kann: in Tagträumen, auf der Straße, bei Freunden, in Drogen.

Seine stärksten Momente hat der Abend in den Erzälungen Jürgen Huths. Er spielt einen Vater, der versucht, die Entscheidung seiner Tochter zu akzeptieren, das schützende Zuhause zu verlassen und auf der Straße oder in besetzten Häusern zu leben. Er erzählt die Vorgeschichte wie die Versuche, mit dem Undenkbaren klarzukommen. Hier kippt das Sehnsuchtsbild des Kinderzimmers, wird es unfreiwillig zum Gefängnis, kollidiert das geben von Geborgenheit des einen mit dem Freiheitsdrang des anderen. Am Ende begreift er, dass es für seine Tochter vielleicht einen Weg zurück geben kann, aber nicht ins eigene Zimmer. Das berührt und macht sprachlos undkönnte es viel öfter tun, an diesem Abend, der viel zu lange viel zu angenehm dahinplätschert.

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