„Wir können alles!“

Theatertreffen der Jugend 2012 – Frühlings Erwachen (sehr, sehr frei nach Frank Wedekind), KRESCHstadtjugendtheater/Marienschule, Krefeld

Von Sascha Krieger

Die Ansage zu Beginn ist klar und eindeutig: „Sie sehen heute nicht Frank Wedekind. Frühlings Erwachen findet nicht statt.“ Wer das erwarte, könne gleich nachhause gehen, wird den Besuchern beschieden. Stattdessen werden die relevanten Paragraphen, welche die jugendliche Sexualität regulieren, rezitiert, während immer lauter werdende Stimmen einfordern: „Es gibt ein Recht auf Erleben der eigenen Sexualität!“ Das alles geschieht noch vor dem Eingang in den Saal, doch auch drinnen wird schnell klar: In Wedekinds „Kindertragödie“ möge alles stecken, wie eine einsame Ruferin mir Reclam-Büchlein in der Hand fast schon flehend proklamiert, doch fündig wird man hier kaum. So versucht sich einer an Melchiors versuchtem Selbstmord und scheitert – am hohlen Pathos, ohne das er die Sätze nicht zu sprechen vermag, und der Ungeduld seiner Mitstreiterinnen. Nein, Frühlings Erwachen lässt sich nicht erzählen von einer Jugend, die vermeint, alles zu können und zu wissen, alles schon gesehen zu haben, die sich nicht fremdbestimmen lassen will, die mitreden und selbst entscheiden will über ihr Leben, die nicht dem entsprechen will, was von ihr erwartet wird, nicht „Generation Porno“ sein will, sondern Liebe und Sex auf ihre Weise erfahren will. Es ist eine wütende Jugend, die sich weigert, sich zu einer „Generation“ zusammenfassen zu lassen, die nicht um Freiheit bittet, sondern sie einfordert. Und so gibt es statt einer „Kindertragödie“ ein „Frühlings Erwachen“, der anderen, ironischen, fordernden, spielerischen, offensiv pubertären Art. Ein wahrhaft heutiges.

Theatertreffen der Jugend Fruehlings Erwachen

Alles schon gesehen? (Foto: KRESCHstadtjugendtheater)

In den Themen, die diese Inszenierung umtreiben, sind die jungen Krefelder – neun Mädchen und drei Jungen – wieder ganz nah bei Wedekind. Es geht um Sexualität und Liebe, um ihr Erforschen und Ausprobieren, um das Sich- und Einander-Finden unter großem äußeren Druck. War es bei Wedekind noch die rigide Moral des späten Kaiserreichs, hat sich die Drucksituation heute umgedreht: Die zunehmende Sexualisierung vieler Lebensbereiche führt zur Erwartung, alles schon getan zu haben, alles zu wissen, alles tun und ausprobieren zu müssen. Ein Druck, dem zu entziehen, ebenso schwer wie notwendig ist. Und so sehen wir einen Jungen, der nur Händchenhalten will, während seine neue Freundin den ganzen Erwartungsballast aus Porno und „Bravo“ über ihm auskippt, von dem er sich nur durch einen Akt der Empörung befreien kann. Es geht nicht darum, Sex zu haben oder nicht, sondern darum selbst zu entscheiden.

Gleiches gilt für den zweiten großen Themenkomplex, der sich auch schon bei Wedekind findet, und vom ersten nicht ganz zu trennen ist: der Anpassungsdruck von Gesellschaft, Lehrern, Eltern, heute würde man wohl von Leistungsdruck sprechen, man könnte auch Integration sagen. Damals wie heute haben die, die sich erwachsen nennen, Erwartungen, wie „die Jugend“ zu sein hat, was sie mit ihrem Leben anfangen sollte, gemäß dem Motto: „Wir wissen schon, was gut für euch ist.“ Die Inszenierung beginnt im Dunkeln, Einzelne Köpfe tauchen kurz ins Licht, werden wie Bälle von fremden Händen heruntergedrückt, tauchen wieder ins Dunkel. Dann wedeln und boxen sich Fäuste durch Licht, bevor die Köpfe wieder erscheinen und, zaghaft erst, dann immer selbstbewusster zu sprechen beginnen. Hier kämpfen sich emanzipierende Identitäten darum, ihre Stimme und Gehör zu finden und lassen sich nicht mehr abwimmeln. Es ist das vielleicht eindrucksvollste Bild dieses Festivals.

Trotzig, wütend fordern sie ihren Platz ein, räumen mal schnell, alles beiseite, was sie hindert, sprechen mit wachsender Aggression den „Alten“ das Recht ab, über sie zu urteilen. Sollen sie sich doch schlafen legen, bis sie schlafen, sagt eine. Sie sind gekommen, um zu spielen, aber dieses Spiel ist Ernst, denn es ist ihr Leben. Und so fangen sie an zu spielen, stecken ihre Räume ab, sortieren sich ein, auch in der nicht zimperlichen Auseinandersetzung miteinander und exerzieren die großen Themen Wedekinds, die auch die ihren sind durch. Sie sind die Regisseure dieses Experiments, bedienen selbst die Scheinwerfer, geben sich Spielanweisungen und herrschen schon mal den Beleuchter an, wenn er nicht auf der Höhe ist. Das sind unser Spielfeld und unsere Regeln.

Und spielen tun sie. Spielszenen fächern sich auf und multiplizieren sich, Chorisches wechselt mit Choreografien, wildes Durcheinander mit hochpräzisem Spiel. Die berühmte Onanieszene wird komisch verwandelt in drei bis zur Erschöpfung hüpfende Jungen, zngenküsse werden geprobt, die eigenen Reize ausprobiert. Das alles ist von hohem Tempo geprägt, ist oft hochkomisch und nicht selten voller Ironie und kippt doch schnell wieder ins Ernste, etwa wenn es um den Konflikt mit den Eltern geht oder die Sado-Maso-Spiele der Vorlage verwandelt wird in ein berührendes Sich-dem-Anderen-öffnen, Sich-einander-Ausliefern.

So weit dieses Frühlings Erwachen von Wedekind entfernt ist, so nah ist es auch. Die Freiheit, die sich die Melchiors, Moritz‘ und Wendlas wünschten, haben ihre Nachfolger erreicht – und müssen sie doch auch und immer wieder erkämpfen. Und das Finden des Selbst ist heute nicht viel einfacher als vor hundert Jahren. Das wunderbar harmonierende Ensemble aus Krefeld hält die Balance zwischen Spaß und Ernst, zwischen spielerischen Ausprobieren und Austesten von Grenzen sowie dem wütenden Protest gegen das, was sie zurückhält. Herausgekommen ist ein hochkomischer Abend, der berührt und auch die Wut nicht unterdrückt, ein Abend, der den Gefühlsmix von Jugendlichen weniger beschreibt, als dass er ihn erlebbar, greifbar, spürbar macht.

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