Wirklichkeit oder Eisbär?

Theatertreffen der Jugend 2012 – Adam, Eisbär, weiß wer … (nach Heinrich von Kleist „Der zerbrochene Krug“), TEGS – Theatergruppe Ernst-Göbel-Schule / Höchst im Odenwald

Von Sascha Krieger

Es gibt viele Möglichkeiten, sich Kleists Zerbrochnem Krug zu nähern und noch mehr, Bezüge zur Gegenwart herzustellen. Machtmissbrauch, des Gegeneinander von Moderne und Tradition, Werten der Gemeinschaft und Herrschaft des Geldes, es gibt psychologische Deutungen, politische, soziologische. Oder man inszeniert ihn einfach als ebenso krachende wie hintersinnige Komödie. Die Schultheatergruppe aus dem hessischen Höchst lässt all das beiseite und findet ihrem Ansatz in einem weiteren Thema des Stückes: dem Widerstreit von Schein und Sein. Der zerbrochne Krug konfrontiert immer wieder mit vermeintlichen Realitäten, die als wahr oder unwahr zu bewerten, zunehmend schwieriger wird. Jeder zimmert sich seine eigene Wirklichkeit zusammen und verteidigt sie gegen die der andere. Es ist eine wahre Wirklichkeitserschaffungsorgie, die sich hier abspielt. Da liegt es gar nicht so fern, Kleists Stück mit einer anderen Wirklichkeitserschaffungsmaschine kurzzuschließen: der modernen Medienwelt. Herausgekommen ist ein wilder eklektischer Mix, den man im „Erwachsenentheater“ postdramatisch nennen würde, bei dem alles miteinander assoziierbar ist, nichts zusammenpasst und der doch zumindest zeitweise ungeheuer Spaß macht.

Theatertreffen der Jugend

Foto: Robert Dicks

Gleich drei Marthes und drei Eves bieten sie auf, dazu zwei Ruprechts, während Schreiber Licht, Gerichtsrat Walter und Dorfichter Adam allein mit ihrer Rolle sind. Die Krug-Handlung ist präsent, wird immer wieder angespielt und bildet doch wenig mehr als den Rahmen für eine spielerische Auseinandersetzung mit der Vorgaukelung von Wirklichkeit im Zeitalter der Massenmedien. Formal ist das Stück auf der Höhe der Zeit: Mit seinen fragmentarischen Szenen, die ansetzen, nur um abrupt wieder abzubrechen, seinen immer wieder eingestreuten Liedern, Choreografien und gesungenen Jingles, welche die Spielblöcke abgrenzen und einem „Zappen“ wie beim Fernsehen ähneln, dem chorischen wie monologischen Sprechen, der Aufspaltung der Figuren, dem Zitieren von Massenmedien nutzt es zahlreiche Mittel des postdramatischen Theaters von Castorf bis Stemann, eines Theaters, das Bedeutung in der Collage, in der Zerstörung und Neuzusammensetzung der dramatischen Form sucht. Hier wird fleißig dekonstruiert, das Zusammensetzen wirkt eher zufällig.

Der Abend ist reich an Fernsehzitaten: Da führt der Deutschkurs, der Kleists Stück erarbeitet, direkt zum „Reality TV“ der „Schulermittler“, werden die im Prozess erörterten Fragen („Wer zerbrach den Krug“) zum Fernsehquiz, finden wilde Überleitungen statt vom Krug („Da war die Geschichte der Titanic drauf.“) zum Kinofilm Titanic samt Titelmusik zum Eisbär, der wiederum seinen Ursprung im Zerbrochnen Krug  hat („Es ist kein Grund, warum ein Richter, wenn er nicht auf dem Richtstuhl sitzt, soll gravitätisch wie ein Eisbär sein.“) Von hier aus führt der Weg über zauberhafte Eisbär-Songs und -Pantomimen samt Plüscheisbären zum berühmtesten seiner Art, Knut, und zum Medienhype um das Zootier. Das ist zum Teil atemberaubend komisch, gern auch albern und fährt so manches Mal auch gegen die Wand.

Das soll sich gar nicht präzise zusammensetzen lassen, sondern seine Lücken, seine überlappenden Enden behalten. Und ist die moderne Medienwirklichkeit nicht genau das? Ein von jedem Konsumenten selbst zusammenzusetzendes Sammelsurium von Bruckstücken, die gemeinsam kein großes Ganzes ergeben, das trotz seiner Unvollständigkeit den Blick auf das, was als Wirklichkeit erkannt wird, bestimmt. Wie Adam und Eve und Marthe schaffen wir uns unser Bild von der Welt, einer Welt, in der Eisbärenschicksale schwerer wiegen als die von wie Menschen, Wahrheitsfindung zur Quizshow wird und die Wahrnehmung der Welt auf YouTube-Format schrumpft. Und das alles steckt in Kleist? Vielleicht, aber zumindest steckt das eine oder andere davon in diesem überaus unterhaltsamen Abend.

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