Tanzen zwischen den Stühlen

Theatertreffen der Jugend 2012 – 2+x Welten, Cactus Junges Theater / Münster (Regie: Barbara Kemmler)

Von Sascha Krieger

„Wer bin ich und warum bin ich hier?“ Das ist die Frage, die dreizehn Jugendliche afrikanischer Herkunft in 2+x Welten umtreibt. Sie kommen aus Ghana, Nigeria, Kenia, Somalia, Liberia, Ruanda. Zu Beginn rezitieren sie die Entfernungen zwischen ihren Geburtsorten und Münster, ihrer neuen Heimat, oder zumindest dem, was vielleicht einmal so etwas wie Heimat für sie sein soll. Mühevoll ist der Weg, so mühevoll und monoton wie die Wanderchoreografie, die sie zur Aufzählung der Kilometerangaben aufführen, und er ist noch nicht zu Ende. Im Gegenteil: Die wirkliche Reise beginnt erst mit der vermeintlichen Ankunft. Wirklich angekommen ist hier keiner. „Ich bin das Produkt zweier Welten“, sagt einer von ihnen. Und genau darum geht es: zwischen den Stühlen zu sitzen, hin- und her geworfen und gestoßen zu werden, sich unverstanden fühlen, von denen in der alten wie in der neuen Heimat.

Theatertreffen der Jugend 2+x Welten

Zwischen zwei Welten (Foto: Ralf Emmerich)

In Monologen erzählen die Jugendlichen ihre Geschichten, in Spielszenen stellen sie typische Situationen nach, immer wieder greifen sie zu den Mitteln des Tanzes, um das zu erzählen, was sich nicht in Worte fassen lässt. So auch in der vielleicht eindringlichsten Szene des Abends: Da liegen sie auf dem Boden, greifen mit ausgestrecktem Arm gen Himmel, der ganze angespannte Körper greift mit, nur um gleich wieder gescheitert zusammenzusacken. Sie greifen nach den Sternen, doch auch wenn sie sie nie erreichen können, versuchen sie es immer wieder. In dieser einen Szene steckt ihre Geschichte, die auch jene zahlloser Migranten auf der ganzen Welt ist.

Ein paar Themen schälen sich heraus und fungieren als so etwas wie lose Kapitel: der Aufbruch in das gelobte Land, der Zusammenhalt in der „Clique“, die Begehrlichkeiten der Zurückgebliebenen, Problem in der Schule, Verliebtsein. Da werden Kampfrituale aufgeführt, es wird gerappt und gesungen, zwischendurch gibt es eine Kochshow und immer wieder beginnen die Körper zu sprechen, entlädt sich die Anspannung in Bewegung. Tanz, Fußball, Hip Hop sind die Ventile, über die so etwas wie Identität entsteht, Heimat geben sie nicht. Und über allem der Wunsch, ein ganz normaler Jugendlicher zu sein, Fußball zu spielen mit den Freunden, sich zu verlieben.

Es ist immer auch ein Anrennen gegen Erwartungen: die der deutschen Gesellschaft – repräsentiert durch die Schule – die nicht versteht, warum die jungen Schwarzen nicht genauso funktionieren, wie man es von allen anderen erwartet, aber auch die der Daheimgebliebenen, die nicht verstehen wollen, dass ein Leben im gelobten Westen nicht gleichbedeutend mit Reichtum ist. Doch es sind nicht nur die anderen, die es den jungen Migranten schwer machen: Anzukommen ist umso schwieriger, desto weniger man die Heimat losgelassen hat. Das Heimweh wiegt schwer. „Mein Land ist eine Musik“, dichtet einer, sie tragen ihre Herkunft im Herzen und so mancher auch im Magen. Dies zu vereinen, das neue Leben anzunehmen, ohne das alte wegzuwerfen, das ist vielleicht das Schwerste.

So ernst die Themen, so leicht ist der Umgang mit ihnen. 2+x Welten ist letztlich ein optimistisches Stück über und von Menschen, die sich ihr Leben weder wegnehmen noch vorschreiben lassen wollen, die gierig sind nach Leben, ob in dieser, jener oder beiden Welten. Wenn sie vom Einheitsoutfit (weißes T-Shirt und Jeans) zu individuellen bunten T-Shirts und am Schluss zu extravagant-lächerlicherlicher Aufreißer-Montur wechseln, ist das auch ein Akt der Identitätsfindung, auch wenn es die Identität eines pubertierenden Jugendlichen ist.

Manches ist ein wenig holzschnittartig geraten, das Stück hat auch durchaus seine Längen und verliert sich zuweilen in immer neuen Wiederholungsschleifen, die Auseinandersetzung mit der Migrationsthematik verläuft nicht immer klischeefrei und bleibt zumeist an der Oberfläche. Und trotzdem funktioniert das: weil es mehr auf Stimmung als auf Analyse setzt, keinen Anspruch auf Originalität oder Tiefe erhebt und so ungemein spielfreudig daherkommt, dass es ansteckt. 2+x Welten ist in jeder Sekunde ehrlich und öffnet ein Fenster auf ein Leben, das mitten unter uns stattfindet und das wir doch viel zu oft nicht sehen. Und zu guter Letzt erbringt der Abend auch noch den Beweis, dass es so etwas wie einen „positiven Platzsturm“ tatsächlich gibt.

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