Der verlorene Krug

Heinrich von Kleist: Der zerbrochne Krug, Staatsschauspiel Dresden (Regie: Roger Vontobel)

Von Sascha Krieger

Roger Vontobel gilt als Spezialist für Machtmechanismen, als scharfer Analytiker dessen, was Macht mit Menschen anstellt – jenen, die sie haben, jenen, die anstreben, aber auch denen, die unter ihr leiden. Das passt Heinrich von Kleists Lustspiel Der zerbrochne Krug um den Dorfrichter Adam, der seine Macht nach allen Regeln der Kunst ausnutzt und nur von einer höheren, nicht viel weniger korrupten Macht zu Fall gebracht werden kann, wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge. Vontobel deutet einige Themen an, etwa den im Stück angelegten Widerspruch zwischen Tradition und Moderne, jedoch es bleibt bei Andeutungen. Interpretatorische Ideen werden nicht konsequent durchgezogen, stattdessen spielt Vontobel über weite Strecken das Stück einfach runter und das ohne jeglichen Zug. Die komödiantischen Pferde hat er gezügelt und setzt dann doch, aber ohne jedes Timing, auf Lacher. Das kann nicht gut gehen und tut es auch nicht. So müde kam Kleists schwungvoll-saturische Komödie lange nicht mehr rüber.

Das Schauspielhaus Dresden (Foto: Sascha Krieger)

Es ist zunächst ein gezielt reduzierter Krug, den Vontobel uns da vorsetzt. Der Abend beginnt mit einer Band, die inter einem semitransparenten Vorhang ein melancholisch mäanderndes Lied anstimmt. Videoprojektionen auf dem Vorhang erhöhen den Einduck der Distanz weiter. Von dort, wie aus der Ferne, kommen später auch Kläger und Beklagte, aus einer Ferne, die vielleicht den nahenden Tod des Traditionellen ankündigt. Vontobel hat Keist von allem Volkstümelnd-Rustikalen befreit, seine Gerichtsstube ist eine heruntergekommene Baracke, seine Dorfgemeinschaft dem zuzuordnen, was man heute Prekariat nennt. Hier wird nicht romantisiert, dieser Krug stellt sich eindeutig in soziale Zusammenhänge. Hier hinein bricht num der Gerichtsrat Walter, der bei Vontobel kein ältlicher Beamtentyp, sondern eine junge Karriefrau (Sonja Beißwenger) ist, die hier mit dem Sendungsbewusstsein einer Nachwuchs-Unternehmensberaterin den verlotterten Laden aufmischt. Das ist kein volkstümlicher Schwank, will uns das sagen. Aber was dann?

Denn leider zieht Vontobel kein Kapital aus diesen durchaus spannenden und zu gedanklichen Auseinandersetzungen mit dem Heute inspirierenden Ansätzen. Nur wird das soziale Thema gleich wieder fallen gelassen, in ihrem somnambulen, leicht geisterhaften Zustand taugt die Personnage bestenfalls zur Verkörperung der traditionellen Lebensführung, deren Ende besiegelt scheint. Was dieses „Traditionelle“ sein mag und wofür es stehen könnte, bleibt unklar, selbst ein „Früher war alles besser“ ist mit diesen mit angezogener Handbremse und ausgeschaltetem Motor fahrenden Figuren nicht machbar.

Nicht viel besser ergeht es Beißwengers Walter, die im Businesskostüm für das ebenso vage bleibende „Moderne“ steht. Sehen wir hier eine überkommene Gemeinschaft, die von der Globalisierung bedroht wir, einen Kommentar auf die Bankenkrise, eine Gegenüberstellung der berühmten 99 mit dem übrigen Prozent? Im Programmheft macht Dramaturg Robert Koall noch weitere Interpretationsangebote: von den angeblich vom ehemaligen Bundespräsidenten Horst Köhler propagierten Wirtschaftskriegen (die im Stück ihre Entsprechung im Transport von Rekruten nach Asien hat) über die Affären seines Amtsnachfolgers bis hin zu den Verflechtungen von Regierung und Justiz in Sachsen (Justizmissbrauch!). Doch nichts davon findet sich in der Inszenierung wirklich wieder. Ein Konflikt zwischen Walter und der Dorfgemeinschaft findet so gut wie nicht statt und damit verpufft auch der durch die Besetzung so schön aufgebaute Gegensatz.

Einzige Ausnahme bildet die Schlussszene, in der Eve Walter mit den vermeintlichen Kriegsplänen der Regierung konfrontiert. Wie Karin Plachetka ihre Eve mit einer fast schon greifbar ohnmächtigen Wut ausstattet, wie sich Sonja Beißwenger windet und sich zum Schluss zu einem Bestechungsversuch hinreißen lässt, sorgt für einen Moment der Beklemmung und zeigt, was möglich gewesen wäre, hätte Vontobel den einen oder anderen der vielen auf der Hand liegenden Bezüge zur heutigen Wirklichkeit verfolgt.

Ansonsten bleibt das Ganze vor allem ein Privatduell zwischen Adam und Walter, geht es, wie so oft in Inszenierungen des Stücks, fast ausschließlich um die Figur des Dorfrichters. Das ist auch verständlich, schließlich hat Vontobel mit Burghart Klaußner einen Ausnahmeschauspieler, der das Ernste mit dem Komischen zu verbinden und das eine ansatzlos in das andere umschlagen lassen kann wie kaum ein anderer. Klaußner spielt Adam mit einer Mischung aus rauhbeinig-hintergründigem Charme, gewiefter Schlitzohrigkeit, kindischem Trotz, aber auch einer nicht zu verbergendem unterschwelligen Abscheu gegenüber dem, was er tut. Klaußner spielt sich nie in den Vordergrund, das ist keine Ego-Show wie bei Brandauer in Peter Steins Inszenierung am Berliner Ensemble, und doch gehört die Bühne Klaußner, auch weil Vontobel jeglichem Spieldrang Einhalt gebietet und dann bleibt eben nur noch Adam übrig.

Dieser ist, was man heute einen Ewiggestrigen nennt, ein Kleinkrimineller, ein gerissener Scharlatan, aber auch ein großes Kind. Klaußner wechselt gekonnt zwischen den verschiedenen aggregatzuständen hin und her, ohne dass man ihn wirklich festmachen könnte. Für einen Gegenspieler des „Modernen“ ist er zu kindisch, für eine Verkörperung des Korrupten zu nett und harmlos, für eine tragische Figur zu komisch. Und so bleibt diese Hauptgeführ ebenso im Ungefähren wie der ganze Abend, der sich über weite Strecken im bloßen Lustspiel versucht, dafür aber zu langatmig daherkommt, das Timing stimmt hinten und vorne nicht, sodass auch die Lacher eher müde klingen. Und der Auslöser des Ganzen, der zerschlagene Krug der Marthe Rull? Der wurde in dem ganzen Hin und Her glatt vergessen.

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