Viel Zeit fürs Theater: das Theatertreffen 2012

Von Sascha Krieger

Wer das Theatertreffen 2012 besuchen wollte, musste vor allem eines mitbringen: viel Zeit. Es war das Jahr der langen Theaterabende: elf bis zwölf Stunden John Gabriel Borkman, achteinhalb Stunden Faust I+II, fünf Stunden Platonov und ein vierstündiger Sarah-Kane-Abend. Als „Ausgleich“ gab es dafür zwei Abende, die nur gut eine Stunde dauerten (Kill Your Darlings und Before Your Very Eyes). Zeit war das alles beherrschende Thema. Man twitterte über seine Faust- und Borkman-Erlebnisse, erntete ungläubiges Staunen darüber, wie man sich zwölf Stunden Theater antun könne und begriff Theater endlich mal wieder als besonderes Ereignis. Viel wurde über die Bedeutung dieser extremen Längen diskutiert, man spekulierte, ob hier eine Entschleunigungsbewegung stattfände als Reaktion auf die Schnelllebigkeit unserer Welt. Auf einer Podiumsdiskussion mit dem Titel „Waste My Time“ konstatierte Faust-Regisseur Nicolas Stemann denn auch: „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Langeweile etwas seht wichtiges im Theater ist“. Und in der gleichen Veranstaltung forderte Kai van Eikels einen „Freibrief zur Unaufmerksamkeit“. Andere Formen des Theatererlebens wurden diskutiert, Formen, die gerade die Mammutwerke des Festivals ermöglichen könnten.

Keine Zeitverschwendung: das Theatertreffen 2012 (Foto: Sascha Krieger)

Während die Podiumsdiskussion bald in eine Debatte über ein Theater jenseits ökonomischer Zwänge abdriftete, konnte der Zuschauer vor allem bei Borkman und Faust erleben, wie ein solches Theater funktionieren kann. Stemanns virtuos-polyphone Texterforschung, diese durchaus auch scheitern dürfende Expedition durch das Goethesche Textgebirge, und Vegard Vinges alle theatralen Mittel ausschöpfende Theater der völligen Entgrenzung spielten mit Langeweile, nutzten sie gezielt als theatrales Mittel, boten auch immer wieder mehrere Ebeen gleichzeitig, zwischen den der Zuschauer sich entscheiden musste, wollte er sich nicht dem polyphonen Durcheinander hingeben. Entschleunigend wirkten beide Abende jedoch nicht. Vielmehr behielt Theatretreffen-Leiterin Yvonne Büdenhölzer Recht, die im Interview mit Stage and Screen die überlangen Abende damit begründete, die Theatermacher nähmen sich einfach mehr Zeit, um Geschichten zu erzählen. Ob Stemann, Vinge oder Alvis Hermanis‘ Platonov: Letztlich ging es gerde in den drei längsten Inszenierungen um Formen des Geschichtenerzählens: postdramatisch, als wilde entgrenzende Performancekunst oder mittels eines fast dokumentarisch anmutenden Hyperrealismus‘.

Überhaupt: Dieses Theatertreffen war eines der vielfältigsten überhaupt und – nicht nur zeitlich – eines der extremsten. Zwischen der grotesken Farce des Körpertheaters von Herbert Fritsch, der Materialschlacht eines Vegard Vinge, der peniblen Textarbeit Nicolas Stemanns, dem Dokumentartheater von Milo Rau, der Kapitalismusrevue René Polleschs und der eleganten Gesellschaftssektion von Alvis Hermanis lagen Welten. Und doch haben sie eines gemeinsam: Sie suchen und probieren neue Wege, Geschichten im Theater zu erzählen. So viel Innovation, so viel Aufbruch war lange nicht.

Da passt es ins Bild, dass das traditionelle, möglichst gegenwrtsrelevante und natürlich originelle Interpretationen bekannter Stoffe suchende Regietheater der große Verlierer des Theatertreffens 2012 war. Johan Simons‘ unentschlossener Versuch, Sarah Kane gegen den Strich zu bürsten, wirkte ähnlich blass und unsinspiriert wie Karin Henkels zwischen Albtraumspiel und Kriegheimkehrerdramamäandernder Macbeth und Lukas Langhoffs krampfhaft um Gegenwartsbezug ringender Volksfeind. Gegen die anderen, die ausgetrampelten Pfade verlassenden Arbeiten erschienen diese Inszenierungen wie Relikte einer vergangenen Zeit.

Das Regietheater ist nicht tot, aber es muss sich behaupten in einer Theaterlandschaft, die, wie Festspiel-Intendant Thomas Oberender bei der Eröffnung betonte, in einem radikalen Wandel begriffen ist. Davon zeugte die starke Präsenz von Arbeiten aus der freien Szene, vor allem aber von kollektiv erschaffenem Theater. Mit dem International Institute of Political Murder (Hate Radio), Gob Squad (Before Your Very Eyes) und dem Theateruniversum um Vegard Vinge und Ida Müller gaben Kollektive den Ton an, wobei letztere zeigten, dass diese Form des Theatermachens durchaus seinen Platz im Stadttheaterkosmos finden kann. Auch der Stückemarkt trug dem Rechnung und öffnete sich erstmals für Theaterkollektive. Der gottgleich diktatorische Regisseur ist auf dem Rückzug, selbst wo es ihn noch gibt, zeigt er nicht selten klar kollektive Tendenz, wie Nicolas Stemann, der in seinen eigenen Arbeiten gern selbst als Statist auftritt. Theater wird zunehmend zur Kollektivarbeit, zu etwas, das im gemeinsamen Erleben entsteht und bei dem nicht selten der Prozess des Entstehens wichtiger ist als ein festes Ergebnis. Auch hier ist Vinge zu nennen, bei dem an jedem Abend ein neues Stück entsteht, das sich von jeder vorherigen Aufführung deutlich unterscheidet.

Hier ist einiges in Bewegung im deutschsprachigen Theater, das Theatertreffen könnte hier als Seismograf eines gerade entstehenden Bebens fungieren. Aber auch Totgesagte wurden in Berlin gesichtet: Die „vierte Wand“ ist wieder da! Gleich zwei Arbeiten spielten hinter Glas (Before Your Very Eyes und Hate Radio), während in Platonov die Wand zwar unsichtbar, aber umso stärker präsent war. In all diesen Fällen ist der Zuschauer mehr oder weniger zufälliger Beobachter, Voyeur gar. Es geht vor allem Rau und Hermanis – wenn auch auf unterschiedliche Weise – um Vergegenwärtigung. da wird etwas gezeigt, was hier und jetzt passiert oder zu passieren scheint und wozu sich der Zuschauer verhalten muss. Dieses Hinter-Glas-Theater schafft Distanz und drängt den Zuschauer gerade dadurch dazu, sich eine Meinung, eine Haltung zu bilden. Es ist gerade nicht der vermeintlich ins Heute übertragene Volksfeind, sondern der konsequent im Vergangenen angesiedelte Platonov oder der Blick ins so fremde Afrika (Hate Radio), der zu uns über die Welt spricht, in der wir leben. Es war ein Theatertreffen der Paradoxien und der umgestoßenen Gewissheiten, eines, das sagt: Da passiert etwas im deutschsprachigen Theater. Zuviel Langeweile sollte also nicht aufkommen..

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