Gesellschaft im Aquarium

Anton Tschechow: Platonov, Burgtheater Wien (Regie: Alvis Hermanis)

Von Sascha Krieger

Die Farbe blättert, die Tapeten halten sich nur noch mühsam an den Wänden, die Decke ist schmutzig-verwaschen: Dieses Haus hat seine besten Tage hinter sich, und das gilt auch für die groteske Gesellschaft, die sich hier trifft. Eine Witwe, die vom Ruhm ihres verstorbenen Gatten zehrt, ein einst hoffnungsvoller Intellektueller, der es nur zum Dorfschullehrer gebracht hat, die Alten, die der Vergangenheit nachtrauern, die Jungen, die keine Zukunft haben, Reiche ohne Zuneigung, Arme, deren einziger Lebensinhalt das Erbetteln von ein paar Rubeln ist. Und doch: Wenn die alten Kronleuchter einen Hauch von Festlichkeit vorgaukeln, spielt man noch einmal die adlige Festgesellschaft, die man vielleicht einmal wahr, spielt sie mehr sich selbst vor als den anderen. Alvis Hermanis hat Platonov als atemberaubend hyperrealistisches Geisterballett inszeniert, als großen letzten Rausch einer sterbenden Gesellschaft, nach dem nichts bleibt. Und wir, das Publikum, schaut ihnen dabei zu, jenen seltsam strampelnden Verzweiflungskünstlern in ihrem fade glänzenden Aquarium, wie Voyeure, die doch den Blick nicht lassen können von diesem faszinierend morbiden Tanz, der da aufgeführt wird. Hermanis verortet diesen Platonov im lägst und vielleicht immer schon Vergangenen, verweigert sich jeder Übersetzung ins jetzt und Hier und lässt gerade dadurch die Universalität dieser Untergehenden, dieser Krisenbewohner aufscheinen.

Platonov Burgtheater

Foto: Georg Soulek

Drei Räume hat Monika Pormale mit großer Liebe zum Detail auf die Bühne gestellt. Wir blicken in den schräg aufgeschnittenen Salon, dahinter geht der Blick auf das Esszimmer sowie die Veranda mit Blick auf ein Birkenwäldchen. Wir sehen der Gesellschaft dabei zu, wie sie von außen hereinkommt, im Salon verweilt, ins Esszimmer wechselt und immer wieder von einem in den anderen Raum schwappt. Oft wird in mehreren Räumen zugleich agiert, schließen sich Türen oder Fenster, wird die lebhafte Konversation zum kaum hörbaren Raunen, biss sich wieder eine Tür öffnet und Gespräche hörbar werden. Es ist, als blickten wir wie durch ein Schlüsselloch in dieses Haus, als würde das nicht für uns gespielt, sondern passiert gerade, wobei dieses „gerade“ eben kein „jetzt“ ist, sondern bestenfalls ein „immer“, vielleicht aber auch ein „nie“.

Es ist ein An- und Abschwellen, des Tons wie der Charaktere. Immerzu schließen und öffnen sich Räume und Sichtachsen, durchflutet Gelächter den Raum, nur um gleich wieder zu ersticken. Öffnet einer eine Tür, wird sie gleich wieder geschlossen, so wie sich diese Gesellschaft abschottet von der Realität und wie sich keine gangbaren Wege mehr für sie öffnen. Sie schmoren im eigenen Saft, arbeiten sich aneinander ab, jeder auf der Suche nach einem, an dem er sich festhalten kann, für Zuneigung, Wärme oder eben Geld. Sie ziehen einander an, um sich wieder abzustoßen, keine Konstellation bleibt lang bestehen, es ist ein reges Bäumchen-Wechsle-Dich. Man säuft sich in den Rausch und das Vergessen, das sich jedoch nie lange halten lässt. Und so wie diese Gestalten langsam den Halt verlieren und ins Torkeln und Lallen abstürzen, verliert auch diese Gesellschaft den ihren.

Mittel- und Kristallisationspunkt dieser Totentänzer ist der Dorfschullehrer Platonov, den Martin Wuttke als müden Zyniker, als schroffen Verzweifelten gibt, der die anderen mit seinem Spott anstachelt, auf der Suche nach Lebenszeichen, obwohl er selbst nicht lebendiger ist als sie. Und doch wird er zum Zielpunkt all ihrer Handlungen, Objekt des Hasses wie der Begierde, Symbol der ziellosen Sehnsucht. Wie der junge Jude Isaak (verzweifelt bis zur Selbstaufgabe: Fabian Krüger) in einer Art Trunkenheitsballett um die Zuneigung Platonovs buhlt, nur um am ende allein dazusitzen, wie Johanna Wokalek als sich nach Liebe sehende Sofja einen stummen Tanz mit den Esszimmertüren aufführt, immer auf der Schwelle zwischen drinnen und draußen und stets in einer Zwischenwelt – das sind großartige Szenen voller Komik, die gleichzeitig tief berühren. Diese Verzweiflung, die allen innewohnt – der herrisch verletzten Anna Petrovna (Dörte Lyssewski), dem charmanten melancholiker Glagoljev (Peter Simonischek), dem armseligen Clown Nikolaj (Martin Reinke) – sie ist kaum sichtbar und scheint doch immer wieder, kaum merklich auf: in einem Blick, einer verlorenen Bewegung, einer winzigen Änderung im Tonfall. Der dicke Pinsel ist Hermanis‘ Sache nicht, er liest zwischen den Zeilen, dort, wo sich der tiefe, tödliche Abgrund auftut.

Hermanis betrachtet diese Verlorenen mit einer kaum erträglichen Wärme, lässt sie zu voller Größe anwachsen, die ihre Unrettbarkeit nur noch schmerzhafter sicht- und spürbar macht. Wenn der Rausch verfliegt, sich die Morgensonne (großartig beleuchtet von Gleb Filshtinsky) Raum bahnt, bleibt nur mehr Erstarrung. Die Leichtigkeit ist verflogen, der große Kater breitet sich aus und mit ihm die Leere. Jetzt erst recht klammern sich alle (teils buchstäblich) an Platonov, suchen in ihm den Ausweg, ohne zu sehen, dass auch sein Blick längst ins Leere geht, er größtenteils reglos auf einem Stuhl zusammengesunken ist. Je mehr er erstarrt, desto mehr tut es die ganze Gesellschaft. Er ist die fleischgewordenen Utopie der anderen und ist doch selbst nur noch ein Geist. Dieses Ende kann sich des Pathos‘, der Bleischwere nicht ganz erwehren, es gerät ein wenig zu lang und ist doch auch konsequenter Schlusspunkt dieses Todeskampfs einer überkommenen Gesellschaft, dessen Ende aufatmen lässt. Und so findet das Theatertreffen 2012 mit diesen fünf Stunden einen starken Abschluss.

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3 Gedanken zu „Gesellschaft im Aquarium

  1. […] elf bis zwölf Stunden John Gabriel Borkman, achteinhalb Stunden Faust I+II, fünf Stunden Platonov und ein vierstündiger Sarah-Kane-Abend. Als “Ausgleich” gab es dafür zwei Abende, […]

  2. […] die allgemeine Erstarrung und natürlich die Langeweile. Alvis Hermanis hat diesen Platonow  am Burgtheater als Titanic-hafte Untergangsphantasie in magischer Traumwelt und ersterbendem Licht mit einem […]

  3. […] Alvis Hermanis’ besten Inszenierungen, etwa seinem Wiener Platonow, beobachtet der Zuschauer Menschen beim Herumirren, Sinnsuchen, Verzweifeln und Hoffen, in einem […]

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