Wenn Worte töten

Theatertreffen 2012 – Milo Rau: Hate Radio, International Institute of Political Murder / Kigali Genocide Memorial Centre / Hebbel am Ufer, Berlin u. a. (Regie: Milo Rau)

Von Sascha Krieger

Zwischen April und Juli 1994 fand im zentralafrikanischen Ruanda der größte Völkermord seit Ende des 2. Weltkriegs statt: Innerhalb von gerade 100 Tagen starben unterschiedlichen Schätzungen zufolgen zwischen 800.000 und über einer Million Menschen – vor allem Angehörige der Tutsi-Minderheit, aber auch moderate Angehörige der Hutu-Mehrheit. Nachbarn töteten Nachbarn, quälten und zerhackten ihre Opfer auf bestialischste Weise, vergewaltigten Hunderttausende Frauen, ermordeten Kinder vor den Augen ihrer Eltern. Bewaffnet waren die Mörder dabei nicht nur mit Messern und Macheten – ihre ideologische Munition erhielten sie von einigen Massenmedien, insbesondere einem Radiosender namens RTLM (Radio Télévision Libre des Mille Collines), der erst 1993 gegründet wurde und eine wesentliche Rolle bei Vorbereitung wie Durchführung des Genozids spielte. Der Schweizer Theatermacher Milo Rau hat mit seinem  International Institute of Political Murder aus mehr als tausend Stunden Archivmaterial einen verstörenden knapp zweistündigen Abend gemacht, in dessen Zentrum eine nachgestellte Sendung des RTLM steht. In Echtzeit lässt er sein Publikum erleben, wie Propaganda funktioniert und wie Worte und Musik zu tödlichen Waffen werden können.

Milo Rau (Foto: Nina Wolters)

Dabei ist der Untertitel, „Reenactment einer Sendung des ruandischen Völkermordradios RTLM“, ein wenig irreführend. Die Sendung, die wir hören, hat so nie stattgefunden. Vielmehr stellt sie eine Montage aus unterschiedlichen Sendungen dar, eine „Verdichtung“, wie Rau im Publikumsgespräch sagt. Mit dem gerade in den USA beliebten Hobby des „Reenactment“, bei dem nicht selten Tausende beispielsweise des amerikanischen Bürgerkriegs nachspielen, hat das nichts zu tun. Nicht ums „Nachspielen“ geht es Rau, sondern um ein, wie er sagt, „Vergegenwärtigung“. Und tatsächlich hat das mit herkömmlichem Dokumentartheater wenig zu tun. Detailgetreu hat Anton Lukas das RTLM-Studio nachgebaut, samt Tisch mit drei Mikrofonen, Pinnwand mit Namen prominenter Opfer und Kabine für den DJ. Über Radiogerät und Kopfhörer wird das Publikum hier zum Zuhörer, erlebt eine Stunde kondensierter RTLM-Sendung, erlebt den Sound und Rhythmus von Entmenschlichung und Hass.

Die Akteure sind drei prominente RTLM-Moderatoren: Kantano Habimana, Valérie Bemeriki und der Italo-Belgier Georges Ruggiu, gespielt zumeist von Darstellern ruandischer Herkunft, Menschen, die Angehörige durch den Genozid verloren haben, Opfer, die jetzt die Täter spielen. Wir sehen ihnen beim Radiomachen zu, erleben, wie sie scherzen, Joints und Bier konsumieren und über den Äther Nachschub ordern, wie sie mit Anrufern sprechen, Nachrichten verlesen und kommentieren und zum Morden aufrufen. Dazwischen spielt DJ die neuesten Hits aus Afrika, aber auch die damals angesagteste internationale Musik, aber auch immer wieder Propagandalieder. Es ist diese Mischung aus unfassbarer Propaganda und stimmungsvoller Musik und Unterhaltung, die RTLM so wirksam machte – und Hate Radio so eindringlich.

Rau und seinen Akteuren gelingt es, den ungeheuren Sog spürbar zu machen, der von diesem Sender ausging. RTLM war zu seinem Start eine wahre Sensation: die lockeren Moderationen, die starke Interaktion mit dem Publikum, die aufregende Musikmischung: All das machte RTLM zu einem ungemein modernen Medium in einem Land, in dem das Radio bis heute eine kaum zu überschätzende Rolle im öffentlichen Leben spielt und wo man gewohnt war, dass der Rundfunk vor allem autoritäres und langweiliges Verlautbarungsorgan der Herrschenden war. RTLM erschien da wie eine Befreiung, ein Zeichen der Öffnung und Demokratisierung, das dem Volk das gab, was es wollte, und vor allem: eine Stimme. Und mit all dieser Lockerheit, der guten Laune, der stimmungsvollen Musik wurde ein Völkermord unterstützt und vorangetrieben, dessen Ausmaß bis heute unvorstellbar bleibt.

Rau gibt den Moderatoren viel Raum, ihre Argumentationen logisch zu entfalten. Habimana (Diogène Natarindwa) gibt dabei den launig-verrückten Agitator, Beremiki (Nancy Nkusi) steuert das ideologische Fundament, Ruggiu (Sébastien Foucault) die logische Herleitung bei. Dabei wir die ganze grausame Absurdität der vorherrschenden Argumentation deutlich. Den Tutsi wirft man vor, einer Art Nazi-Ideologie, einem rassistisch motivierten Überlegenheitsanspruch zu folgen, man vergleicht sich selbst mit der französischen Résistance, während man gleichzeitig eine „Endlösung“, wie es im Publikumsgespräch heißt, vorantreibt. Während sie dazu aufruft, die „Kakerlaken“, als welche die Tutsi immer wieder bezeichnet werden, zu töten, während sie Aufenthaltsorte von Tutsi an die Mörder bekannt gibt, trägt Bemeriki ein T-Shirt mit dem Konterfei Nelson Mandelas. Die Mörder gerieren sich als Freiheitskämpfer, als Verteidiger der Demokratie und scheinen das auch zu glauben. Demokratie sei schließlich ie Herrschaft der Mehrheit, und die seinen nun mal die Hutu, sagt Bemeriki mit vollem Ernst. Hier wird Demokratie wie selbstverständlich rassistisch interpretiert.

Wo in der Shoah den Völkermord als bürokratisch organisierter Logistik- und Industrieprozess durchgeführt wurde, zeigte er in Ruanda Eigenschaften eines „Volksfests“, wie Rau es im Programmheft-Interview charakterisiert. Dazu passt die Vermischung aus Jugend- und Popkultur sowie menschenverachtender Agitation in „Stürmer“-Manier. Hate Radio führt den Rhythmus des Hasses, die Mechanik der Propaganda, den Sound des Mordens vor, direkt, unverstellt, unkommentiert. Das Publikum, das dieser Sendung beiwohnt, steht vor der Aufgabe, den Charme der Moderatoren, die mitreißende Musik, die so manchen dazu bringst, mit dem Fuß zu wippen, mit den Aufrufen zum Hass und zur Auslöschung eines ganzen Volkes zusammen zu bringen. So manchem scheint das nicht zu gelingen, wie die Publikumsdiskussion zeigt, in der die fehlende Kommentierung kritisiert wird und sich ein Besucher zu der Aussage versteigt, die Inszenierung würde die Moderatoren gar verteidigen.

Dass das, was sie taten, Folgen hatte, zeigt Rau in einem Pr0-und Epilog. Projiziert auf die heruntergelassenen Jalousien der Studiofenster berichten Überlebende und Zeugen (dargestellt von Schauspielern) von den Greueltaten des Völkermords, von dem, was jene taten, die vom RTLM den Freibrief und die Rechtfertigung für die Beseitigung der Tutsi erhielten.  Das schafft Distanz, wo das „Reenactment“ Unmittelbarkeit produzierte, liefert aber gleichzeitig den Hintergrund, auf dem die gesehene Sendung erst lesbar wird. Die Worte waren Mordwaffen, hier sind die Opfer und Zeugen. Wie Geister einer fernen und doch viel zu nahen Vergangenheit suchen sie uns und jene geistigen Mörder heim und halten uns vor, was Worte, was Sprache, was Gedanken tun können. „Nein, ich glaube nicht an das Ende der Genozide“, sagt ein Überlebender am Schluss. „wenn es einen Genozid gegeben hat, dann wird es noch viele geben.“ Hate Radio führt mit einer nie gesehenen Dringlichkeit vor, wie Propaganda funktioniert, in dem es den Zuschauer zwingt, sich gegen seinen Sog zu wehren. Jedem, der glaubt, Theater habe zu gesellschaftlichen und politischen Fragen nichts mehr zu sagen oder beizutragen, sei dieser Abend empfohlen.

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2 Gedanken zu „Wenn Worte töten

  1. […] Fritsch, der Materialschlacht eines Vegard Vinge, der peniblen Textarbeit Nicolas Stemanns, dem Dokumentartheater von Milo Rau, der Kapitalismusrevue René Polleschs und der eleganten Gesellschaftssektion von Alvis Hermanis […]

  2. […] ebenso auf die Bühne gebracht wie die terroristische Logik eines Anders Breivik, er hat anhand hetzerischer Radiosendungen aus Ruanda die Anatomie eines Genozids veranschaulicht. Wahrscheinlich schwebte ihm ähnliches vor, als er sich aufmachte, das verstörende Phänomen […]

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