Trauma mit Knallchargen

Theatertreffen 2012 – William Shakespeare: Macbeth, Münchner Kammerspiele (Regie: Karin Henkel)

Von Sascha Krieger

Man könnte es kurz – und sich als Rezensent leicht – machen. Das klänge dann in etwa so: Karin Henkels Münchner Macbeth wirft allerlei hübsche Regieeinfälle zusammen, mischt die im Stück angelegte Gender-Problematik (ein weiblicher Macbeth!) mit einer passend relevanten Kriegsheimkehrergeschichte, bricht das Ganze noch ein bisschen ironisch – schließlich sind wir in Sachen Heldenverehrung und Geschlechterrollen heute viel weiter – kürzt das blutrünstige Stück auf massenkompatible zwei Stunden und voilà: Schon haben wir einen zuschauerfreundlichen Macbeth, der schön anspruchsvoll ist und keinem richtig wehtut. Natürlich greift das zu kurz und  ist doch leider dem Abend nicht vollkommen unangemessen. Man darf davon ausgehen, dass Henkel, die schon auf dem letzten Theatertreffen mit einem recht uninspirierten Kirschgarten weitgehend  langweilte, einiges vorhatte mit dem „schottischen Stück“. Nur kam dabei wenig mehr heraus als ein zerfahrener, Stückwerk bleibender Abend mit vielen Ansätzen, die in die Leere laufen und sich zum Teil gegenseitig negieren. Man darf den Kammerspielen gern zu den beiden Einladungen nach Berlin gratulieren, so recht nachzuvollziehen ist jedoch keine der beiden.

Macbeth Muenchner Kammerspiele

Jana Schulz als Macbeth (Foto: Julian Röder)

Dabei beginnt der Abend durchaus vielversprechend: Drei Hexen in bonbonbunten Tütüs tänzeln gut gelaunt über die Bühne, weniger sinistre Agenten des Schicksals als zu einigem Unfug aufgelegte Halbstarke. Henkel entzieht dem Stück gleich alles Mystische, Übersinnliche und Esoterische, die Unheilbringer sind von Beginn an wenig mehr als Produkte der überspannten Fantasie eines traumatisierten Kriegsheimkehrers. Die dunklen Abgründe der Seele, an die wir bald geführt werden, sind schon symbolisiert durch die pechschwarze Hütte im Zentrum der Bühne, auf welche die Worte „Schlafender Raum“ geschrieben sind. Für einen kurzen Moment nur geht innen das Licht an, wird die vermeintlich hermetische Dunkelheit der vermuteten Außenwände als durchsichtige Transparenz entlarvt, springt drinnen eine weißgewandete Gestalt mit Pappkrone auf dem Bett auf und ab. Drinnen der Träumer, draußen die Personnage seines (Alp)Traums.

Bald schon muss jedoch der gerade aus dem Krieg Heimgekehrte nach außen treten, aus dem Schutz der vier Wände, die auch das eigene Ich sein könnten, in das hinein, was die anderen für Realität halten. Zunächst sitzen Jana Schulz als Macbeth und Benny Claassens als Banquo auf einer Bank, beschmieren einánder mit Blut und spielen in einer Art albernen Slapsticks das Kriegsgeschehen, dem sie nur äußerlich entflohen sind, nach. Das ist ein wenig zu plakativ und doch auch berührend. Vor allem Jana Schulz gibt die Verlorenheit dieser aus seiner Realität in eine andere unverstandene geworfene Figur mit einer rohen, hilflosen Verletztlichkeit, dass kurz hinter der Figur des sagenumwobenen Schlächters der zutiefst Traumatisierte sichtbar wird, der nicht einfach „umschalten“ kann, der den Krieg mit sich trägt und nicht verstehen kann, dass das, was ihn gerade noch zum Helden machte, ihm jetzt Verachtung einbringen soll und zu seiner Ausstoßung aus der Gesellschaft führt. Später, bei der Ermordung von Macduffs Familie, wird er zum Amokläufer werden, de3r endgültig die Kontrolle über sich verloren hat, ein aus der Welt geworfener, der nicht weiß, wohin mit seiner Verzweiflung, auch weil er sie sich nicht eingestehen kann.

Über weite Strecken inszeniert Henkel das Trauma des Macbeth als Show, als Parade der von ihm geschaffenen Monster und als Tribunal des ehemaligen Helden vor einer Welt, die nicht verstehen kann und will. Macbeth ist hier Opfer, Stargast und Publikum in einem,verstört, gequält, isoliert und unfähig, sich zu artikulieren. Immer wieder werden Textzeilen wiederholt, Duncan liegt schon lange vor dem Mord, der hier gar nicht geschieht, blutverschmiert im Bett, Macbeth ist hier kaum noch Akteur, sondern zwanghaft Getriebener, in der unentrinnbaren Wiederholung seiner Gewalttaten Gefangener.

Das Problem des Abends ist, dass Henkel diesen Ansatz nicht durchhält, ja, dass sie ihn nicht wirklich zur Grundlage ihrer Inszenierung macht. Stattdessen will sie die Geschichte Macbeths erzählen und ihre interpretatorischen Ideen sind eher Mittel zum Zweck als Anker der Erzählung. Und so entstehen immer wieder Brüche, in denen die Interpretation plötzlich nicht passt. Das gilt vor allem für den zweiten Strang, den Geschlechterdiskurs, der im Stück vor allem durch Lady Macbeth vorangetrieben wird, die ihrem Mann Weichheit vorwirft und ihn unter dem Vorwand der „Männlichkeit“ zu seinen Bluttaten treibt, wobei sie selbst daran leidet, kein Mann zu sein. Leider geschieht das äußerst plakativ und entsteht nie irgendeine echte Beziehung zwischen Schulz‘ Macbeth und Katja Bürkles heruntergeleierter Lady. Das Spiel mit den Geschlechterklischees bleibt Wort und damit Behauptung, die theatralen Möglichkeiten, die das gerade mit einem weiblichen Macbeth böte, werden nie genutzt. Gleichzeitig findet hier über weite Strecken das Kriegsheimkehrerdrama nicht mehr statt, scheint diese Ebene schlicht vergessen.

Und so zerfasert der Abend zusehends, zerfällt in bloße Shakespeare-Rezitationen, die keinem Zweck dienen, als die Handlung fortzusetzen, und die abgelöst werden von sinnlosen Albernheiten wie den lächerlichen Clownerien der Mörder, die sich in Schwyzerdütsch und Flämisch unterhalten. Da hilft auch die grandiose Kate Strong nicht mehr, die hier als Kommentatorin, Begleiterin und Stimme der Außenwelt auftritt und doch immer wiede3r ins Geschehen gesaugt wird. Sie hätte eine gewisse Distanz und Ironie, eine auch analytische Schärfe hineinbringen können und wird zu oft als weitere Knallcharge verheizt. Gegen Ende hin ist das eine weitgehend sinnfreie Mischung aus Klamauk und hohlem Pathos, in der Macbeth auch mal den Hamlet-Monolog geben darf und die das Schlussbild treffend symbolisiert. Da hockt Macbeth in der Ecke der Hütte, durch das Fenster werfen die Invasoren Äste in den Raum, bis Macbeth darunter verschwunden ist. Ein schönes Bild, das nichts zu sagen hat.

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Ein Gedanke zu „Trauma mit Knallchargen

  1. […] und unsinspiriert wie Karin Henkels zwischen Albtraumspiel und Kriegheimkehrerdramamäandernder Macbeth und Lukas Langhoffs krampfhaft um Gegenwartsbezug ringender Volksfeind. Gegen die anderen, die […]

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