Arena der Finsternis

Theatertreffen 2012 – Sarah Kane: Gesäubert / Gier / 4.48 Psychose, Münchner Kammerspiele (Regie: Johan Simons)

Von Sascha Krieger

Vielleicht ist das ja der neue Stil des Theatertreffens, des ersten der Ära Oberender bei den Berliner Festspielen. Thomas Oberender ist ein zurückhaltender Mann, der das, was er tut, sehr viel ernster nimmt als sich selbst. Und einer, der sich nicht scheut, die Realität zuzulassen in seinen Festspielen. Und so werden die Eröffnungsgäste von Studenten der Ernst-Busch-Hochschule begrüßt, die lautstark gegen die derzeit von der Koalition in Berlin in Frage gestellten Neubaupläne für ihre Einrichtung protestieren. Einer von ihnen, Nils Strunk, darf dann auch als erster Redner seinen Appell an das Publikum richten. Gleich nach ihm spricht auch Oberender die prekäre Situation vieler Theater an und fordert: „Wir brauchen jenseits der Spardebatte auch eine Diskussion über Visionen und Ideen“. Da ist es ein wichtiges Signal, dass Kulturstaatsminister Bernd Neumann sagt: „In einer Zeit zunehmender Orientierungslosigkeit wäre es töricht, Kultureinrichtungen zu schließen.“ Und er beantwortet die Frage, ob wir alle öffentlich finanzierten Theater in Deutschland auch wirklich brauchen: „Ja, ja, und nochmals ja. Wir brauchen sie alle!“ Eine deutliche Aussage, aber das mit den Worten und den ihnen folgen müssenden Taten ist ja hinlänglich bekannt.

Sarah Kane Johan Simons

Marc Benjamin und Sylvana Krappatsch (Foto: Julian Röder)

So viel Wirklichkeit war selten. Umso größer dann der Kontrast zur Eröffnungsinszenierung: Der Intendant der Münchener Kammerspiele, Johan Simons, hat Sarah Kanes drei letzte Stücke gemeinsam inszeniert, Massaker der geschundenen Seele, hermetische Ausstellungen unserer finstersten Fantasien, theatrale Auseinandersetzungen mit Depression und Psychose, Manifestationen der Vereinsamung und der immer schon vergeblichen Gier nach Liebe. Kane erzählt nicht in erster Linie von ihrer Depression, sondern vom Gefühl und der Erfahrung von Entfremdung, vom Ausgeschlossensein aus der Welt. Simons probiert unterschiedliche Herangehensweisen an das Thema aus – mit wechselndem Erfolg.

Den Anfang macht Gesäubert, jene Macht-, Schmerz- und Gewaltfantasie, in der sich Menschen auf der Suche nach Liebe unerträgliche Dinge antun. Peter Zadek interpretierte das Stück vor mehr als zehn Jahren als kalt-sadistisches Machtspiel. Simons geht einen völlig anderen Weg: Bei ihm wird das Ganze zum Kinderspiel, ist der sadistische „Arzt“ und Folterer Tinker (Annette Paulmann) ein Sandkasten-Tyrann, die Selbst- und Fremdverstümmelungen harmloses Spiel.

Das könnte funktionieren, bietet es doch die Chance, die durchgespielten Fantasien aus dem Bereich des Extremen, des „Verrückten“ gar, zu entreißen und dort zu verorten, wo sie hingehören: in unser aller Psyche, meist ins Unbewusste verdrängt, aber immer bereit, losgelassen zu werden. Leider traut Simons seiner Grundidee nicht so recht und so kippt der Ton immer wieder aus dem Kindlich-Gemeinen in leeres Pathos, blecherne Verzweiflungsrhetorik, behauptete Schmerzensschreie. Dass diese Figuren wie süchtig nach Liebe begehren und sich nur deshalb all dies antun, bleibt dabei weitgehend auf der Strecke. So wirkt das Geschehen oft ziemlich lächerlich und zumeist recht harmlos. Schockieren soll das gerade nicht, nur wird nicht klar, was an die Stelle des vielleicht irgendwie lehrreichen Schreckens treten soll.

Glücklicherweise wird der Abend danach stärker. Gab es in Gesäubert noch klar abgrenzbare Figuren, verteilt sich der Text in Gier auf viel Spieler, die mit-, neben-, nach- und zueinander sowie aneinander vorbei sprechen, die sich Monologe teilen, Dialoge untereinander verschieben, sich in einem Moment von einander abgrenzen, um im nächsten zu einer Textstaffel zu verschwimmen. Die manische Jagd nach Liebe, die das frühere Stück gekennzeichnet hatte, ist hier nur noch Erinnerung. Die Sprachchoreografie, die Simons hier kreiert, ist eine des Sich-Emanzipierens und Zerfallens, des Behauptens von Identität, die sofort wieder verschwindet. Die Erinnerungen, die in Verzweiflung endenden immer schon vergeblichen Ausbrüche, diese Versuche, die Einsamkeit  zu besiegen, diese erinnerte Sehnsucht nach Glück, die stets zu Schuld und Trauer wird, sie drehen sich immerzu im Kreis, ausgestellt in diesem von am Boden befindlichen Scheinwerfern begrenzten Arena-haften Bühnenrechteck. Zunehmend zwanghaft ist das Sprechen der vier Spieler, immer fragmentarischer wird es, zerfällt es wie die Papierlampenschirme, die sich im Bühnenregen auflösen und zu Boden fallen.

Johan Simons tut gut daran, die Verzweiflungstiraden immer wieder ironisch zu brechen und auch den in der Textvorlage durchaus vorhandenen trockenen Humor hervorzuholen. Wenn einer der vier sagt: „Was ich fälschlich für Extase halte, ist nur die Abwesenheit von Trauer“, ist das zugleich die Zustandsbeschreibung einer Depression und das Aufzeigen der in obsessivem Selbstmitleid inhärenten Lächerlichkeit. Da verschwimmen die Grenzen zwischen tatsächlicher Verzweiflung und nützlichem Eskapismus. Und so gewinnt der hermetisch scheinende Text plötzlich eine Allgemeingültigkeit, die man ihm kaum zugetraut hätte, finden sich Isolations- und Entfremdungserfahrungen, die auch der nicht-depressive Zuschauer kennt, lassen sich Konfliktvermeidungs- und Fluchtmechanismen erkennen, die wir alle wohl  von Zeit zu Zeit anwenden. Leider lässt Simons seine Darsteller wiederholt ein bisschen zu stark überzeichnen, zu boulevardesk-plakativ agieren, so dass auch das Lachen immer wieder etwas Eskapistisches hat. Vollkommen konsequent ist auch dieser zweite Teil nicht.

Völlig anders ist das beim 4.48 Psychose, jenem posthum erschienenen und wohl am direktesten von Kanes Depression beeinflussten letzten Text der Autorin. Begleitet von Klavier und Streichquintett vollführen Thomas Schmauser und Sandra Hüller eine Art Requiem des sich dissoziierenden Geistes. Vor allem Schmauser, später abgelöst durch Hüller, reflektiert die Bewusstseinsverschiebungen des Depressiven, leidend an ihnen, aber ihrer Unentrinnbarkeit bewusst. Das ist keine Vorführung der Verzweiflung, sondern die hellsichtige, scharfe, schmerzhafte Bewusstwerdung des Abgeschnittenseins. Gerade diese Nichtausstellung des Verzweifeltseins lässt den Schmerz greif- und fühlbar werden und transportiert ihn jenseits der Depression, jenseits des Klinischen. Sarah Kanes Theater ist immer eines des von der Außenwelt isolierten Menschen – eines Menschen, der sich hier in diesem Schlussteil so direkt an uns wendet, wie es Sandra Hüller am Ende des Stückes tut.

Johan Simons probiert an diesem Abend verschiedene Blickwinkel und Zugriffsoptionen auf dieses Grundthema aus, in einer experimentellen Exploration des Isoliertseins. Dabei verrennt er sich zuweilen, ist oft zu wenig konsequent und vermag es nicht immer, das Thema aus der engen Beziehung zum Depressiven und Psychotischen zu befreien. Der Verdienst des Abends ist es, Sarah Kane einmal anders zu erzählen, mit größerer Distanz und dem Blick auf das, was ihr Theater uns zu sagen hat. Dabei scheitert der Abend zuweilen und lässt in diesem Scheitern doch manches aufblitzen, was uns ungemein angeht.

Protest Ernst-Busch-Schule

Schauspielschüler der Ernst-Busch-Schule protestierten vor der Eröffnung des Theatertreffens gegen die geplante Streichung der Pläne für den Neubau der Schule. (Foto: Sascha Krieger)

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2 Gedanken zu „Arena der Finsternis

  1. Das ist eine sehr gute, faire und hellsichtige Auseinandersetzung mit Simons‘ Sarah Kane-Abend, m.E. mit das Beste, was dazu geschrieben wurde. Eine Anmerkung möchte ich noch machen: „Gesäubert“ wurde fast durch die Bank von der Kritik als der schwächste Teil des Abends gesehen, so auch hier von Sascha Krieger. Das Entscheidende aber an Simons‘ Versuch mit „Gesäubert“ ist – wie ich finde -, dass hier überhaupt der Versuch unternommen wird, das Stück vom Ruch des Schocker-Realismus zu befreien. Krieger schreibt das ja auch: „Das könnte funktionieren, bietet es doch die Chance, die durchgespielten Fantasien aus dem Bereich des Extremen, des “Verrückten” gar, zu entreißen und dort zu verorten, wo sie hingehören: in unser aller Psyche (…)“. Vielleicht ist das Simons im Einzelnen nicht immer überzeugend gelugen, trotzdem gehört dieser „Gesäubert“-Teil für mich mit zum Wichtigsten an diesem Abend, weil er wirklich etwas Neues mit Sarah Kane wagt. „Gier“ war zwar virtuoser als bei Ostermeier, aber der Ansatz war letzlich ähnlich. Und „Psychose“ ist tatsächlich der beeindruckendste Teil, aber hier hat es auch schon große Interpretationen gegeben, die ähnlich distanzierte Mittel gefunden haben, z.B. die von Claude Regy mit Isabelle Huppert.

  2. […] Stunden John Gabriel Borkman, achteinhalb Stunden Faust I+II, fünf Stunden Platonov und ein vierstündiger Sarah-Kane-Abend. Als “Ausgleich” gab es dafür zwei Abende, die nur gut eine Stunde dauerten (Kill […]

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