Lost in Translation

Die Bloggerkonferenz re:publica 2012 diskutiert über Film und Theater in der digitalen Welt

Von Sascha Krieger

Es ist erst die fünfte ihrer Art, aber in der kurzen Zeit ihres Bestehens hat sich die re.publica von einer kleinen aber feinen Bloggerkonferenz zur wichtigsten Veranstaltung rund um Internet, digitale Welt und Gesellschaft gemausert. Vom 2. bis 4. Mai 2012 geben sich in Berlin Blogger, Medienleute, Internetexperten und -nutzer aller Art und viele mehr die Klinke in die Hand. Kaum ein Thema, bei dem sich irgendeine Beziehung um Internet oder der digitalen Welt herstellen lässt, das hier nicht vorkommt. Und so standen am zweiten Konferenztag auch die Themen Theater und Film im Rahmen zweier Vorträge. Mit wechselndem Erfolg: Während sich der Film in der schönen neuen Welt des digitalen Zeitalters auszubreiten scheint, hinterließ das Thema in Bezug auf das Theater in Berlin vor allem eines: Ratlosigkeit.

re:publica 2012

Regie-Theater Bashing 2.0 (Foto: Sascha Krieger)

„Theater und digitale Medien – ein Trauerspiel“ hatte Tina Lorenz ihren Vortrag überschrieben – zum Trauerspiel gerieten vor allem dieser selbst und, in abgeschwächter Form, die anschließende Diskussion. Über weite Strecken glich der Vortrag einer Generalabrechnung. Vom Stadttheater mit seinen traditionellen Rezeptionsmustern samt Handyverbot, den meist älteren Abonnenten und der klassischen Guckkastenbühne hält die Referentin ebensowenig wie vom modernen Regietheater mit seiner mehr oder weniger hierarchischen Struktur und der in ihren Augen virl zu klaren Trennung zwischen Bühne und Zuschauer. Natürlich kann dieser eingestaubte Theaterbetrieb, in der soziale Medien bestenfalls in der Presseabteilung vorkommen, mit der digitalen Welt nicht viel anfangen. Interaktion ist das Gebot der Stunde, junge Leute müssten begeistert , moderne Kommunikationsformen integriert werden – zuweilen konnte man meinen, hier würde eine Diskussion aus den Sechzigern zitiert. Erneuerung als Endlosschleife.

Das Stadt- und Regietheater-Bashing war jedoch nur der Anfang, die Versuche, digitale Medien einzubinden kamen nicht besser weg. Dem Projekt „Effi Briest 2.0“ des Maxim Gorki Theaters warf Lorenz vor, Facebook genutzt  und eine Agentur eingesetzt zu haben, die Idee des Thalia Theaters Hamburg, Teile des Spielplans per Publikumsabstimmung zu bestimmen, attackierte sie gleich von mehreren Seiten: Zum einen sei eine solch unmoderierte Aktion zum Scheitern verurteilt, zum anderen hätte sich das Theater nicht an die Abstimmungsergebnisse gehalten. Unglücklicherweise war ein Mitarbeiter des Thalia anwesend,der die Referentin darauf hinwies, dass sie das Ergebnis schlicht falsch wiedergegeben hatte.

Und so war es am Publikum, konkrete Vorschläge zu machen, wie Theater und digitale Welt sich gegenseitig befruchten könnten. Dabei blieb es zumeist bei allgemeinen Aufrufen zu mehr Austausch über und im Theater und der Idee, Theater und Gamer zusammenzubringen, schließlich könne man vom Storytelling moderner Computerspiele einiges lernen. Ein tatsächlich zielführendes Beispiel gab es dann aber doch noch: Eine Theaterschaffende berichtete über ein Projekt mit iranischen Frauen, die per Skype auf die Bühne gebracht wurden, weil sie ihr Land nicht verlassen konnten. Digitale Medien als Mittel zur positiven Globalisierung des Theaters, zur Theaterbühne, deren Raum die ganze Welt sein kann – hier kann das Theater tatsächlich vom digitalen Universum profitieren. Leider wurde das Beispiel geflissentlich ignoriert – in die „Alles-ist-schlecht-„Rgetorik des Vortrags passte es wohl nicht hinein.

Konstruktiver verlief jener der jungen Filmschaffenden Joshua Bayer und Jasmin Srouji, die über die Demokratisierung des Films berichteten und nicht im Allgemeinen stecken blieben. Tatsächlich haben die neuen technischen Mittel und digitalen Kommunikationsformen – von digitalen Spiegelreflexkameras mit HD-Videofunktion bis zu den zahlreichen Video- und Distributionsplattformen im Internet – das Medium Film für jeden geöffnet, der sich darin ausprobieren will. Heute kann jeder Filme machen und veröffentlichen, auch das Publikum ist demokratisiert: Click-Zahlen und Kommentare geben sofortiges Feedback, der direkte Kontakt ermutigt und führt zu neuen Projekten, schließlich ist jedes Publikumsmitglied auch potenzieller Auftraggeber oder möglicher Mitstreiter. Ähnliches gilt für die Finanzierung: Das so genannte Crowdfunding kann vor allem kleiner Projekte zumindest teilweise finanzieren und größere (Beispiel Iron Sky) anstoßen.

Bayer und Srouji belassen es aber nicht bei der Theorie So haben sie mit Cinema out of Your Backpack ein Filmfestival für genau diese neue, demokratisierte Form des Filmemachens initiiert. Die Idee: Es werden Filme aufgenommen, die eine Bedingung erfüllen müssen: Das Equipment, mit dem sie produziert werden, muss in einen Rucksack passen. Auch in der Aufführungspraxis verbindet das Projekt Traditionelles mit Neuem. Die Filme werden ganz klassisch im Kino gezeigt – und ebenso mobil überall auf der Welt, mit Projektoren, die ebenfalls per Rucksack transportiert und an ungewöhnlichen Orten eingesetzt werden. Hollywood ist überall – und gute Ideen auch. Mit Projekten wie Cinema out of Your Backpack lassen sie sich auch in die Tat umsetzen. Wo die Diskussion ums Theater sich laut lamentierend im Kreis drehte, wurde hier demonstriert, wie die digitale Revolution neue Formen der Kunstproduktion ermöglicht. Machen statt nur reden – die schlechteste Idee war das nie.

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