„Die Berlinale des Theaters“

Das Theatertreffen unter neuer Leitung: Yvonne Büdenhölzer über den aktuellen Jahrgang und die Zukunft des wichtigsten deutschsprachigen Theaterfestivals

Von Sascha Krieger

Wenn am 5. Mai 2012  das 49. Berliner Theatertreffen beginnt, wird einiges anders sein als im Vorjahr: Seit Januar haben nicht nur die Berliner Festspiele eine neue Leitung, sondern auch das Theatertreffen. Yvonne Büdenhölzer steht vor ihrer Premiere als Leiterin des bedeutendsten der mittlerweile zahlreichen deutschen Theaterfestivals. Und auch die Heimstätte des Theatertreffens erstrahlt in neuem Glanz: Wo im vergangenen Jahr noch Baustellencharme herrschte, ist nun alles bereitet für eine Veranstaltung, die alles sein will: Publikumsfestival, Branchentreffen und Talentecampus. Kleine Brötchen werden woanders gebacken, der Anspruch, den die Macher an das Flaggschiff der deutschsprachigen Theaterfestival stellen, ist gänzlich unbescheiden: „Das, was die Berlinale für den Film ist, ist das Theatertreffen für das Theater“, so Büdenhölzer. Dabei kommt ihm nach dem Willen seiner Leiterin auch eine wichtige Marketingaufgabe für das deutschsprachige Theater zu: So wie die Berlinale das Kulturleben der Stadt für zehn Tage im Februar auf den Film lenkt und damit auch weit über Berlin hinaus wirkt, soll das Theatertreffen den Blick der Öffentlichkeit aufs Theater richten.

Yvonne Buedenhoelzer

Nervös sei sie, gibt Yvonne Büdenhölzer zu, angesichts der großen Aufgabe, die sie jetzt zu schultern hat. „Die größte Herausforderung ist, immer alles im Blick zu behalten“. Dabei hilft ihr womöglich, dass ihr vieles nicht neu ist: Seit 2005 leitete Büdenhölzer unter ihrer Vorgängerin Iris Laufenberg den Stückemarkt, ein mittlerweile zentraler Programmbestandteil, bei dem neue Theatertexte und Projekte vorgestellt und ausgewählt im Folgejahr aufgeführt werden.

So ist es auch keine Überraschung, dass das Festival in diesem Jahr nicht mit den ganz großen Veränderungen aufwartet. „Innovation in der Tradition“, umschreibt Büdenhölzer ihr Motto, es geht ihr eher um die Weiterentwicklung eines erfolgreichen Formats als darum, alles umzuwerfen und neu zu machen. Kleinere Schritte, eine eher evolutionäre Weiterentwicklung hat sie im Sinn. Das heißt jedoch nicht, dass alles beim Alten bleiben wird. So ist für die nächsten Jahre bereits einiges in Planung und auch 2012 sind schon neue Formate hinzugekommen, beispielsweise der Open Campus und das Forum Kulturpolitik. „Vielleicht ist das 50. Theatertreffen im kommenden Jahr auch ein guter Anlass, Dinge neu zu denken“, so Büdenhölzer.

Aber sie sagt auch: „Das Theatertreffen kann nur überleben, wenn es sich immer wieder erneuert.“ Vor allem die weitere Öffnung des Theatertreffens liegt ihr am Herzen: „Es ist mir ein Anliegen, dass das Theatertreffen seinen Ruf verliert, es sei elitär. Man muss auch an die nächste Zuschauergeneration denken.“ Diese gelte es, an das Theater heranzuführen. Öffentlichkeitswirksame Aktionen wie Fernsehübertragungen oder das auch in diesem Jahr stattfindende Public Viewing am Potsdamer Platz spielen dabei aber nicht die zentrale Rolle, so Büdenhölzer: „Man spricht die Menschen in erster Linie über die Inhalte an, das Live-Erlebnis ist durch Fernsehen oder Public Viewing nicht zu ersetzen“, ist sie überzeugt.

Mit ihrem ersten Theatertreffen-Jahrgang  ist Yvonne Büdenhölzer hochzufrieden: „Ich bin vollkommen glücklich mit der Auswahl, die die Jury getroffen hat.“ Dass gleich fünf Theatertreffen-Debütanten dabei sind, wertet sie als Zeichen für die lebendige Theaterlandschaft im deutschsprachigen Raum.

Zwei Trends erkennt sie in derdiesjährigen Auswahl Der eine sei die starke Präsenz kollektiv entstandener Aufführungen (Before Your Very Eyes, Hate RadioJohn Gabriel Borkman). „Es gibt eine zunehmende Tendenz hin zur Kollektivarbeit, die vielleicht auch Ausdruck einer Art kollektiver Intelligenz ist“, so Yvonne Büdenhölzer. Dazu passt, dass auch der Stückemarkt in diesem Jahr erstmals für Theaterkollektive geöffnet wurde.

Den zweiten zentralen Trend stellt für Büdenhölzer der Umgang mit Zeit dar. Neben sehr kurzen Inszenierungen (Before Your Very Eyes, Kill Your Darlings), sind in diesem Jahr sehr lange Theaterabende eingeladen: ein fünfstündiger Platonow, ein neunstündiger Faust (beide Teile) und ein John Gabriel Borkman, der sich auf seine Dauer nicht festlegen lassen will. „Mir stellt sich die Frage, ob gerade diese extrem langen Inszenierungen eine Reaktion auf die Schnelllebigkeit unserer Zeit darstellen, zum Beispiel, um sich Zeit zu nehmen zum Erzählen.“ Das Theater als Entschleuniger – ein spannender Ansatz, dem sich im Mai ausreichend nachgehen lassen wird.

Auffällig ist in diesem Jahr auch die starke Präsenz der Berliner Bühnen, welche die Hälfte der Auswahl ausmachen – insbesondere, nachdem im vergangenen Jahr nur zwei Ensembles der Freien Szene die Hauptstadt vertraten. Büdenhölzer sieht hierin keinen Trend und schon gar keine politische Entscheidung: „Es geht darum, die zehn bemerkenswertesten Inszenierungen einzuladen. Es gibt dabei keine Agenda. Ob kleinere oder größere Häuser dabei sind, Stadttheater oder freie Gruppen ergibt sich ausschließlich daraus, welche Inszenierungen die Jury als besonders bemerkenswert erachtet. So wurde keinen Moment diskutiert, die Berliner Volksbühne nicht dreimal einzuladen. Bei allen drei Inszenierungen wurde in der Diskussion deutlich, dass sie eine Einladung verdienten.“ Dabei heißt „bemerkenswert“ nicht „Best of“. Für sie ist es kein Wertungsbegriff in einem Gut-schlecht-Schema, sondern es geht eher um besonders spannende und anregende Theaterarbeiten.

Eine politische Rolle, auch vor dem Hintergrund der sich zuspitzenden finanzielle Lage vieler Theater, vor allem außerhalb der Theatermetropolen, sollte die Auswahl Büdenhölzers Meinung zufolge nicht spielen: „Eine Einladung an ein Theater auszusprechen, nur um ein Signal an die Politik zu senden, halte ich für falsch. Wenn die entsprechende Inszenierung eine Einladung verdient, darf das Theatertreffen ein solches Signal natürlich aussenden, als Alleinstellungsmerkmal sind Kriterien wie Größe oder finanzielle Lage eines Theaters aber zu wenig“, betont sie.

Yvonne Büdenhölzer ist nicht nur Theatermacherin, sie hat sich ihre Begeisterung für das Theatererlebnis bewahrt. „Mich fasziniert am Theater in erster Linie das Live-Moment, dass da etwas in dem Moment entsteht, in dem ich es sehe.“ Ein großer Theaterabend ist für sie einer, „über den ich noch lange nachdenke. Mich interessieren neue Lesarten bekannter Stoffe oder Themen, aber auch performative Ansätze. Ich lasse mich aber auch gern einmal einfach unterhalten – am liebsten, wenn es noch intelligent gemacht ist.“  Bleicht abzuwarten, wie viele solcher großen Theatermomente das diesjährige Theatertreffen zu bieten hat.

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Ein Gedanke zu „„Die Berlinale des Theaters“

  1. […] Abende jedoch nicht. Vielmehr behielt Theatretreffen-Leiterin Yvonne Büdenhölzer Recht, die im Interview mit Stage and Screen die überlangen Abende damit begründete, die Theatermacher nähmen sich einfach mehr Zeit, um […]

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