„Variationen des Banalen“

Max Frisch: Biografie: Ein Spiel, Deutsches Theater Berlin/Kammerspiele (Regie: Bastian Kraft)

Von Sascha Krieger

„Wo, Herr Kürmann, möchten Sie anfangen, um Ihre Biografie zu ändern?“ In diesem Satz liegt bereits der Kern von Max Frischs Biografie: Ein Spiel, entstanden nach seinen bis heute populärsten Dramen Andorra und Biedermann und die Brandstifter. In Biografie bewegt sich Frisch weg vom Parabelhaften hin zu einem Experiment, einer Versuchsanordnung, ohne dabei in irgendeiner Weise experimentelles Theater zu versuchen. Im Mittelpunkt steht der Verhaltensforscher Hannes Kürmann, dem die Möglischkeit gegeben wird, in einer Art Spiel Schlüsselszenen seines Lebens zu wiederholen und durch veränderte Verhaltensweisen Teiles einer Biografie zu ändern. Ein durchaus spannender Gedanke, den aber Frisch selbst schon von Beginn an einengt. Diskutieren Stücke wie Andorra, Biedermann oder auch das viel zu selten gespielte Don Juan oder die Liebe zur Geometrie existenzielle Menschheitsfragen, finden diese hier nur als Fußnote, bestenfalls als Hintergrundrauschen statt. Ob das leben vom Schicksal oder dem freien Willen bestimmt wird, ob eine Lebensgeschichte in sich einen Sinn hat und überhaupt haben kann oder ob ihr dieser nachträglich zur Rechtfertigung der Biografie aufgedrückt wird, werden zwar im Text gestellt, allzu ernsthaft diskutieren will er diese jedoch nicht. Zu banal ist das, worum es geht, jenes Schlüsselereignis, das Kürmann ändern will: die Bekanntschaft mit seiner zweiten Frau Antoinette, die ihn schmerzt, weil sie ihn betrogen hat. Die Waage neigt sich schon bei Frisch deutlich zugunsten des Privaten, in Bastian Krafts Berliner Inszenierung interessieren nurmehr  die Szenen einer Ehe, die mit großer Leichtigkeit und Eleganz, aber eben auch unter Verzicht auf jeglichen Tiefgang durchgespielt werden. Das ist durchaus vergnüglich, auch durch die exzellente Darsteller, aber auch ein wenig belanglos.

Das ist bei Frisch schon angelegt, der das Stück ausdrücklich als Komödie gesehen haben wollte und mit einiger Ironie Kürmann die Angebote des Spielleiters, die wirklich änderungswürdigen Lebensereignisse zu ändern – etwa die Schneeballschlacht, in der ein Kind ein Auge verlor oder die Auseinandersetzung, die zum Selbstmord seiner ersten Frau führte – ausschlagen lässt. Kraft geht selbst darüber hinweg, ihn interessiert vielmehr das spielerische Potenzial der variierten Wiederholung, in der immer wieder die gleiche Szene versucht wird, die des Kennenlernens nach einer Party, in deren Folge Kürmann und Antoinette die Nacht gemeinsam verbringen. Natürlich ist bei allen Änderungsversuchen das Ergebnis immer das Gleiche Sie bleibt,die beiden heiratet, sie betrügt ihn. Das großartige Ensemble – ein fahrig unsicherer Hans Löw als Kürmann, ein souverän überlegener Helmut Mooshammer als Spielleiter und eine kaum greifbare und im nächsten Moment überwältigend sachliche Maren Eggers als Antoinette-„Darstellerin“ – und Bastian Krafts behutsam und präzise  das Tempo steigernde und wieder zurücknehmende Regie lassen keine Langeweile aufkommen und machen aus der Vorlage eine treffende Beziehungskomödie, die zwischen hemdsärmelig-krampfhafter Biografiearbeit und lustvollem Spiel changiert und vor allem in Hans Löws fragiler Intensität von der Unmöglichkeit erzählt, den eigenen Gefühlen zu entrinnen.

Ihm gegenüber steht die „echte“ Antoinette, die als letztes Mittel, doch noch eine wirkliche Veränderung zu erreichen, hinzugeholt wird, und wie im Vorbeigehen das erste Treffen abbricht, geht und damit die Ehe verhindert. Der zaudernde Mann und die entschlossene Frau, die schicksalhafte Verstrickung und der Akt des freien Willens: Das liegt dieser Gegenüberstellung sicher zugrunde, wirklich reflektiert wird das jedoch nicht. Überhaupt nimmt Kraft dem zugegeben grob skizzierten philosophischen Unterbau des Stücks eine ironische Haltung ein. Das zeigt sich vielleicht am besten im wunderbaren Bühnenbild von Peter Baur. Das Spiel findet in einem zehneckigen Pavillon statt, der sich, während es im Gange ist, wie die von Antoinette immer wieder angesprochene Spieluhr dreht, die sie so fasziniert, obwohl man genau weiß, was passieren wird. Das gilt eben auch für das Geschehen hier – mit Ausnahme der leider ein wenig lieblos dahingeklatschten Schlusswendung. Projiziert an die Pavillonwände sind Bilder aus den 1960er Jahren, Textexzerpte von Frisch und Kalenderblätter. Es ist ein Spiel mit Bildern von der Vergangenheit, das sich auch im Sechzigerjahre-Mobiliar und den elegant-nostalgischen Kostümen spiegelt. Letztlich, so sagt uns das, ist das alles nur Nostalgie und das Bedauern, dass das Vergangene vorbei ist, man aus dem Leben zu wenig gemacht hat.

„Variationen des Banalen“ nennt der Spielleiter einmal die Versuche Kürmanns und leider trifft das auch ein wenig auf Bastian Krafts Inszenierung zu, die den Stoff nicht so recht ernst nimmt und sich mit zunehmender Dauer eher an der eigenen Eleganz und den netten und zuweilen witzigen Einfällen ergötzt, als in der Geschichte nach Anknüpfungspunkten oder auch Brüchen zu suchen. Dass Antoinette bis zum Schluss männliche Projektionsfläche bleibt oder die Debatte um Schicksal und den freien Willen küchenpsychologischen Niveau hat, wird ebensowenig thematisiert wie die Grundfragen nach der Determiniertheit des eigenen Lebenswegs. Was bleibt ist eine unterhaltsame Beziehungskomödie mit großartigen Darstellern, die sämtliche Ecken und Kanten abschleift und sich im netten Dahinplätschern genügt.

Advertisements

Ein Gedanke zu „„Variationen des Banalen“

  1. […] der Welt als Bühne, geht es bei Kraft – etwa in Frisch Identitätserschaffungsexperiment Biografie. Ein Spiel oder in Highsmiths Identitätentausch-Thriller Der talentierte Mr. Ripley – zumeist um Figuren, […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: