Das große Oder

William Shakespeare: Hamlet, Thalia Theater Hamburg (Regie: Luk Perceval)

Von Sascha Krieger

Wie oft kommt es vor, dass der abgebrühte erfahrene Theaterbesucher, überzeugt davon, alles schon gesehen und erlebt zu haben, fast benommen aus dem Theater taumelt, halb orientierungslos, sich fragend, was einen da derart mitgenommen haben kann in diesen knapp zwei Stunden? Luk Percevals Hamburger Hamlet ist einer dieser seltenen Abende, die Augen und Ohren weit öffnen und Theater auf eine unmittelbare, ungeschützte, elementare Weise erlebbar machen, die wie ein heftiger Schlag in die Magengrube wirkt, aber gerade dadurch den Zugang schafft zu dem, was hinter der Fassade des Zivilisierten schlummert, des Menschen ureigene Ängste und Untiefen, die Monster im Schrank und unter dem Bett, die wir Erwachsenen uns wegrationalisiert haben und die doch immer bereit sind, in seelischen Krisensituationen aufzutauchen, ohne dass wir, die wir uns antrainiert haben, sie nicht anzuerkennen, uns gegen sie wehren können. Perceval steigt tief in die Abgründe des Menschlichen ab, sein Hamlet ist keine Rachegeschichte, auch nicht die eines entscheidungsschwachen Individuums oder gar jene des aufgeklärten modernen Menschen. Nein, er ist eine Art Urgeschichte, die von dem erzählt, was uns in reiner Form (hoffentlich) nur im Albtraum begegnet und doch immer da ist. Und so inszeniert er Shakespeares bekanntestes Stück als knapp zweistündigen Albtraum, als finsteres Nachtstück, das viel näher und vor allem tiefer geht als so manche vermeintlich gegenwärtige Übersetzung des alten Stoffes ins Heute.

Zwei Hamlets stellt (oder setzt) Perceval auf die Bühne: einen großen, massigen alten (Josef Ostendorf) und einen fiebrig-nervösen jungen (Jörg Pohl) dessen (über weite Strecken nackter) Körper an einen gespannten Bogen erinnert, dessen Sehne jederzeit zu reißen droht. Den innerlich zerrissenen Held in zwei Darsteller aufzuspalten, klingt zunächst logisch und nicht sonderlich originell – so einfach macht es sich Perceval aber nicht. Ostendorf und Pohl, der irgendwann aus dem weiten Gewand des zunächst einzigen Hamlets Ostendorf herausquillt, eine quälende Geburt des Verdrängen, repräsentieren und stellen Gegensätze dar: der alte und der junge, der passive, meist sitzende, und der aktive, über die Bühne springende, der ruhig, an jedem Wort feilend sprechende und jener, der nicht nur seine Texte herausspuckt und -presst. Und doch ist diese Spaltung keine bloße Charakterisierung Hamlets: Aufspaltungen und Zusammenfassungen ziehen sich durch das gesamte Personal des Abends: Ophelia gibt es gleich vierfach, während der Totengräber mit sich selbst spricht und auch Rosencrantz und Güldenstern eins sind. Und die Hamlets verleiben sich gleich auch die Texte Horatios und des Geists von Hamlets Vater ein.

Hier sprechen keine Figuren oder gar echte Menschen, sondern Prinzipien, Grundbausteine des Menschlichen: Hass und Macht, Liebe und Verzweiflung, Überhebung und Erniedrigung. Und über allem die Angst. Dabei macht Perceval nicht den Fehler, die Figuren zu typisieren. Keiner steht allein nur für eines der Elemente, sie sind alle Verlorene in einem Albtraum des Verleugneten.  Gespalten oder zusammengefasst,sie stolpern, talzen, stolzieren hilflos und blind durch die Finsternis, oft ist eine Taschenlampe einzige Lichtquelle. Gabriela Maria Schmeide gibt die Gertrud als entrückte mechanische Aufziehballerina, André Szymanski den Claudius als trotzig-maskulin Suchenden. Interaktion findet kaum statt, zumeist sprechen die Darsteller ins Nirgendwo, kaum hoffend, dass ihre Worte irgendwo ankommen.

Alles versprüht gewollte Künstlichkeit. Günter Senkels und Feridun Zaimoglus Neuübersetzung verweigert sich bewusst jeglicher Altagssprache, die Darsteller behandeln die Texte und Worte wie zu modellierenden Rohmaterial. Das Spektrum reicht von Ostedorfs lustvoller Formung jedes Konsonanten bis zu Schmeides piepsigem Stakkato. Das Geheimsnis findet sich hier nicht. Wenn Ostendorf und Pohl die berühmte Sinnfrage aufteilen – einer übernimmt das Sein, der andere das Nichtsein – kommen sie einer Antwort nicht näher. Vielmehr legt der fragende Ton nahe, dass möglicherweise die Frage die falsche ist. Sollte man das „oder“ nicht vielleicht durch ein „und ersetzen. Das legt auch der Schluss nahe: Minutenlang stellt Pohl Oder-Fragen, mit sich ins fiebrig Rauschhafte steigernder Intensität, deren letzte „Schweige still oder schweige nicht?“ lautet. Eine Antwort gibt es nicht. Ostendorfs letzte Worte brechen nach „Der Rest ist“ ab. Keine Antwort. Zumindest keine der Sprache.

Der Schlüssel liegt woanders: In der live aufgeführten Musik von Jens Thomas. Er legt einen zuweilen apokalytischen, immer melancholisch-abgründigen, albtraumhaft-rätselhaften Klanteppich über die Szenerie,der in seinen Pausen die Stille hörbar macht und die Worte der Darsteller wie Kanonenschläge erscheinen lässt. Die atmosphärische Dichte, die er erzeugt schafft eine kaum erträgliche Intensität, die das Geschehen auf der Bühne nicht illustriert, sondern die es erst schafft, es strukturiert, ihm seinen Rhythmus gibt und vielleicht sogar so etwas wie Bedeutung. Denn seine Wahrheitsmomente hat dieser Abend im Nicht- oder gar Vorsprachlichen: im erschütternden Schrei des Laertes (Sebastian Zimmler), dem das Schauspiel verkörpernden wilden Tanz des Rosencrantz-Güldenstern (Mirco Kreibich), im Zucken und Fauchen und Spucken von Jörg Pohls Hamlet. Und eben in den angst- und Schmerzensschreien von Jens Thomas‘ Musik.

Annette Kurz‘ Bühnenbild wird dominiert von einer riesigen Wand voller Mäntel. Stumm und leblos hängen sie dar, lassen die Akteure hervorquellen und verschlucken sie wieder. Wie aus dem Unbewussten Auf- und wieder Hinabsteigendes passieren sie die bewegliche und zugleich undurchdringbar erscheinende Wand, die was repräsentiert? Die Barriere unseres Bewusstseins? Die Menschheit? Die stummen Opfer der Zivilisation oder der kollektiven wie persönlichen Verdrängung? Oder alles von dem? Wie sein Ende, das  ganz ohne das große Schlachten auskommt, ist der Abend eine große, lange Oder-Frage. Hamlet reduziert sich auf die großen Triebfedern des Menschen: Hoffnung und Verzweiflung, Glück und Scherz, Liebe und Hass, Schuld, Leiden, Angst. Doch ist „Reduktion“ das richtige Wort oder ist dies nicht vielmehr das Fundament, auf dem auch Hamlet fußt? Oder?

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