Hinter dem Mythos

Thomas Mann: Joseph und seine Brüder, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Alize Zandwijk)

Von Sascha Krieger

Es beginnt mit einem weißen Tuch. Die Seite, auf der diese Geschichte erscheinen wird, ist unbeschrieben. Peter Moltzen tritt heran und beginnt, das Tuch zu beschreiben. Mühsam erscheint dort die Familiengeschichte derer,von denen hier erzählt werden soll, der Stammbaum von Adam und Eva bis hin zu Joseph und seinen Brüdern. John von Düffel hat Thomas Manns auf dem Buch Genesis basierende Romantetralogie fürs Theater bearbeitet und Alize Zandwijk das bei der Uraufführung noch sechs Stunden dauernde Stück auf gut die Hälfte der Zeit reduziert und auf die Bühne des Deutschen Theaters gebracht. Herausgekommen ist ein abwechslungsreicher, bildgewaltiger und streckenweise sehr poetischer Abend, einer der zahlreichen (Zwischen-)Töne, der sich nicht auf eine Bedeutungsebene beschränken will, sondern sich auf verschiedene Weise lesen lässt, der nicht eine definitive sondern viele mögliche Geschichten erzählt – und davon, wie Geschichten entstehen.

Der Mythos und das, was dahinter steht, ist eines der großen Themen der Joseph-Romane und das, was einem „roten Faden“ an diesem Abend vielleicht am nächsten kommt. Schon der Einstieg ist ein starkes Bild für die Macht und gleichzeitig die Unzuverlässigkeit sinnstiftenden Geschichtenerzählens. Störrisch ist das weiße Tuch, nur schwer lässt es sich beschreiben, entzieht sich immer wieder dem Filzstift, der die Geschichte fixieren soll. Steht sie jedoch einmal da, gewinnt sie die Macht des Faktischen, ist sie Tatsache, hat sie normative Kraft. Joseph wird sich in das beschriebene Tuch einhüllen, sich in der Geschichte einrichten, bevor es ihm wieder entrissen wird. Wiederholt führt Alize Zandwijk Techniken des Geschichtenerzählens vor, werden Schlüsselszenen als Schattenspiel erzählt, bricht gewollt pathetische Musik bedeutungsschwangere Szenen ironisch, bewegen sich die Figuren in Zeitlupe.

Joseph und sein Brüder ist auch eine Geschichte des Individuums hinter dem Mythos, hinter der Geschichte. Es ist eine Geschichte, die Beteutung, die Sinn stiften soll und der die individuelle Erfahrung entgegensteht. Es ist Jörg Poses spöttisch-skeptischer Tonfall, der die Haltung gegenüber der Mythologisierung individueller Erfahrung symbolisiert und ich spannungsvollem Kontrast steht zur großäugigen Hybris des an seine Erwählung glaubenden Joseph des Thorsten Hierse. Immer wieder wird das Pathos gebrochen und, vor allem im Mittelteil, umgebogen ins Komische. Die Biographien die hier geschrieben werden, sind Autobiographien, eine Autorenschaft Gottes sucht man vergebens.

Joseph erscheint hier als Individuum mit einer durchaus heutigen Erfahrung. Denn Joseph ist ein Entfremdeter, der immer wieder ausgeschlossen wird: von den Brüdern, seiner neuen Heimat Ägypten, am Ende dem Familien- und Stammeszusammenhang. Und der doch genau dadurch wächst und sich als Individuum, nicht nur als Hauptdarsteller, sondern auch als Autor der eigenen Geschichte zu behaupten lernt. Jeder der drei Teile beginnt mit einer großen Glücksverheißung und endet mit einer Niederlage, der Isolation des Helden. Am Ende steht er allein auf der Bühne und ist doch kein Geschlagener, auch wenn seine Träume sich nicht so erfüllen wie erwartet.

Die Isolation ist auch die des Fremden, ein weiterer wichtiger Aspekt der Inszenierung. Schon Jaakob, der vor dem Zorn des betrogenen Bruders, fliehen musste, macht die Erfahrung des Exilanten. Die Mischung aus Faszination für das Fremde und Ablehnung, ja, Hass auf alles Unbekannte, wiederholt sich in Josephs Erfahrungen in Ägypten. Angehimmelt und verabscheut, gerät er zwischen die Räder ganz alltäglicher Fremdenfeindlichkeit, die Zandwijk vielleicht ein bisschen zu holzschnittartig und karikaturenhaft sizziert – bis hin zu Natali Seelig als hasserfüllt geifernder Zwerg, der hart an der Grenze zur Hitler-Karikatur angelegt ist.

Joseph und seine Brüder, wie Alize Zandwijk es erzählt, ist auch eine Geschichte der persönlichen Reifung, eine „Coming-of-Age-Story“, könnte man neudeutsch sagen. Von der überheblich-unschuldigen Hybris des Jünglings bis zu jener bewussten, durch eigenes Leid, durch Fehler und Verletzungen erkauften, ist es ein langer Weg. Am Ende steht da kein Heilsbringer, kein Jesus-Vorläufer, nur ein Mensch mit seiner Geschichte, von der er weiß, dass sie nicht die seine bleiben wird, dass sie zu einer werden wird, die anderen zur Sinngebung dient.

Viel mehr ließe sich zur Inszenierung sagen: Zur Rolle der Bilder bei der Mythenbildung, dem Gegensatz des Weltlichen und des Religiösen, den ökonomischen aspekten der Geschichte des ersten Wirtschaftsministers der Geschichte und einigem mehr. Am ende bleibt ein Abend, der sich einer einfachen Interpretation verweigert, der Polyphonie allzu strikter Stringenz vorzieht und gerade deshalb zur Auseinandersetzung anregt.

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