Die Mauerstadt-Kasper

Sven Regener: Der kleine Bruder, Maxim Gorki Theater Berlin (Regie: Milan Peschel)

Von Sascha Krieger

Am Anfang steht da ein Auto auf der Bühne, ein Fiat Panda, das alte, kastenförmige Modell aus den Achtzigern. Ein Statussymbol für die, die anders sein wollten als ihre spießigen Eltern mit den großen Autos süddeutscher Marken. So wie die Adresse in Berlin-Kreuzberg, jenem alternativen Biotop inmitten des großen eingemauerten Gewächshauses Westberlin, wo sich die Kreativen trafen und die, die sich dafür hielten, die nach Utopien strebten, nach anderen Arten des Zusammenlebens, oder die auch nur der Bundeswehr entgehen wollten oder der Provinz entfliehen. Am besten in einem besetzten Haus. Mehr Freiheit ging nicht. So ein Suchender ist Frank Lehmann, Held der erfolgreichen Romantrilogie Sven Regeners. Hier ist er noch nicht „Herr Lehmann“. Gerade als untauglich dem Wehrdienst entkommen, ist er nun auf dem Weg in sein gelobtes Land, Kreuzberg. Mit seinem Kumpel Wolli, einem Punk, und dem klapprigen Kleinwagen geht es über die Transitstrecke. Es ist ein starker Beginn, dem nicht mehr viel folgt.

Der kleine Bruder

Auf dem Weg ins Leben (Foto: Thomas Aurin)

Wie sie da im Dunkeln hinter den grellen Scheinwerfern sitzen: Michael Klammer als Wolli redet unentwegt, ein nicht enden wollender Wortschwall, voller Hoffnung abr auch Angst, ein Weg ins Ungewisse, der mit Dauergequatsche erträglicher werden soll. Neben ihm der angespannte Frank (Paul Schröder) mit großen Augen, die Freude über den Aufbruch verraten, aber auch schon einen Anflug von Skepsis haben. Ein wunderbar komödiantischer Start, in dem Wolli immer wieder an den Bühnenrand hetzt , um Franks Fragen zu beantworten. Ist er zurück im Auto, kommt auch schon die nächste Frage und er rennt wieder los. Einen Hauch von Volksbühne lässt Castorf-Veteran Milan Peschel, der hier Regie führt, durch das Maxim Gorki Theater wehen. Atemlos ist dieser Aufbruch, chaotisch, verrückt, nicht einmal einen Stadtplan haben sie. Aber Träume, jene der Jugend, die meistens sowieso zerplatzen, aber das ist hier egal. Weg wollen sie, auß der miefigen Provinz, dahin, wo sie das Leben vermuten.

Angekommen in Kreuzberg findet Frank zunächst eine Leerstelle vor. Der Bruder, den er besuchen wollte, ist verschwunden. Auch wenn er am Ende auftaucht, bei Peschel chorisch multipliziert und in Duetten aufgefächert, mehr Projektion als Figur, bleibt er das leere Zentrum, um das alles kreist. Denn die wilde Figurenmischung, die Regener jetzt auffährt, eint nur eines: Ihnen fehlt die Mitte, der Sinn, die Bedeutung. Immer wieder gehen sie durch eine Tür ab, nur um kurz darauf aus einer anderen wieder aufzutauchen. Sie laufen im Kreis, ohne Ziel, aber eben auch ohne Bewusstsein, keines zu haben. Der zappelig-großmäulige Karl (Ronald Kukulies), der sture Kneipenbesitzer Erwin (Peter Kurth), die frustriert-keifende Nichte (Regine Zimmermann) oder Holger Stockhaus, der ein Sammelsurium schräger, selbstverliebter Szenetypen geben darf: Sie haben schon längst aufgegeben, irgendetwas zu tun oder zu sein und glauben doch, die Avantgarde zu bilden. Wie sie sich präsentieren, jeder als kleiner Star, bestaunt und beargwöhnt vom großäugigen Frank, dem all das fremd ist und bleibt, der sich nicht hinein- und herunterziehen lässt, der nicht aufhört, den Bruder zu suchen, der in der vermeintlich niederen Tätigkeit des Bierverkaufens so etwas wie Erfüllung findet, ein Zielstrebiger in einer ziellosen Welt: Das ist großartig gespielt, das ist zunächst großartig erzählte Komödie und vielleicht streckenweise tatsächlich so etwas wie das „Volkstheater“, von dem Peschel im Programmheft spricht.

Nur leider ist das nicht nur ein Abend, der über Ziellosigkeit erzählt – er leidet selbst an ihr. Sind die Charaktere und die knappe Story etabliert, verfällt die Inszenierung schnell in selbstgenügsame Gemütlichkeit. Allenthalben wird dilettantisch Kunst gemacht: infantile Bilder, alberner Ausdruckstanz, einfallsloses Geklimpere auf dem Keyboard. Die Figuren sind Abziehbilder, lebende Klischees. So sind sie, die „Künstler“, die alles als Kunst deklarieren können, wenn sie es selbst Kunst nennen und einen finden, der ihnen das abnimmt, wie Karl einmal erklärt. Dreieinhalb Stunden lang erzählt Peschel seinem Publikum etwas von Möchtegernkünstlern und fügt der Bestandsaufnahme der Eingangsszenen nichts hinzu. Und so erstarrt das Ganze in der ewigen Wiederholung, dreht sich der Abend ebenso im Kreis wie seine Figuren.

Und so schrill diese erscheinen mögen: Irgendwie scheint diese Inszenierung auf halbem Wege stehen zu bleiben. Peschel dreht die Schraube eben nicht so weit, dass sie ins Groteske, Comichafte kippen, stattdessen stehen da ein paar Gestalten, die wenig anderes können, als herumzubrüllen und ständig Schimpfwörter auszustoßen. Auch das wird auf die Dauer langweilig, so dass man irgendwann nicht einmal den großen Komödianten Kukulies oder Kurth gern zuschauen mag. Wo führt das hin, was wird hier eigentlich vorgeführt? Es ist Frank, der mit großen Augen über diesen narzisstischen Zirkus staunt, der sich zunehmend diese Frage stellt – und mit ihm das Publikum. Doch auch er ist nicht immun gegen den lärmenden Unsinn, passt sich dem herrschenden Tonfall immer mehr an.

Letztlich ist es nur Michael Klammer, der wirklich hervorsticht: Die schamvolle Verzweiflung des in seinem Aufbruch kläglich scheiternden Wolli, das um Anerkennung als Mensch buhlende slapstickhafte Hochgeschwindigkeitsgestammel der Episodenfigur Marko: Es sind seine Momente, in denen so etwas wie Wahrhaftigkeit aufscheint, in denen kurz jene Paradiessucher lebendig werden, von denen es, unter ganz anderen Vorzeichen, auch heute noch so viele in die ehemalige Mauerstadt verschlägt. Der Ausbruch aus der vermeintlichen Provinz, die Suche nach dem Anderen, dem Authentischeren, Lebendigeren, sie ist gerade heute nicht unbekannt – und in so mancher Ausprägung genauso lächerlich. Milan Peschel interessiert das wenig. Stattdessen ergötzt er sich an albernen und abgedroschenen Gegenkultur-Klischees, die durchaus für Lacher sorgen, aber vor allem in der zweiten Hälfte dieses viel zu langen Abends nur noch langweilen.

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