Alles so sinnlos hier

Heinrich von Kleist: Die Marquise von O…, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: Frank Castorf)

Von Sascha Krieger

„Aus nichts wird nichts.“ Als Silvester Groth das sagt, ist der Abend eigentlich schon vorbei, dirigiert der Schauspieler, der hier die Diktatorenrollen – den dominanten Vater wie das Alter Ego des Hausherrn und Regisseurs Frank Castorf – geben darf, bereits die Applausordnung. Der Satz mag programmatisch für Castorfs Theater stehen: Das Nichts oder das Wenige sind Castorfs Sache nicht, eher wirft immer so viel wie möglich in seine Abende, in der Hoffnung, dass auch viel herauskommt. Sein lustloser Kleist-Versuch Die Marquise von O… zeigt, dass das nicht immer klappt. Gelang ihm erst kürzlich mit Der Spieler ein auf- und anregendes Psychogramm und Gesellschaftpanorama, bleiben von diesem Abend wenig mehr als eine fahle Kartoffelsalat-Reminiszenz an große Castorf-Abende, ein paar launige Selbstreferenzen und ein Ensemble, das sich die Spielfreude nicht verbieten kann.

Die Marquise von O...

Nach dem Kartoffelsalat (Foto: Thomas Aurin)

Kleists Novelle ist dabei wenig mehr als Vorwand für allerlei nette Scherzchen und makabre Anekdoten. Schon als Marc Hosemann, dessen Graf F. mehrfach per Pferd einreiten darf und den Hosemann als alberne Knallcharge anlegt, am Tisch der Familie von G. Platz nimmt (natürlich stilecht nur in Unterhose) und der Kartoffelsalat mit Würstchen gereicht wird, ist klar, dass es wohl um wenig mehr geht, als um Selbstreferenzialität und Eigenzitate. Das ist natürlich seit jeher Bestandteil der Methode Castorf – hier bleibt es weitgehend Selbstzweck. Da wird Castorfs Vertragsverlängerung ebenso thematisiert wie der Jalousien-Laden von Castorfs Vater in der Pappelallee, dient die ins Inzestuöse gedrehte Beziehung zwischen der Marquise und ihrem Vater vor allem der Anspielung auf das einstige Verhältnis von Kathrin Angerer und Castorf, wird sich auch ein bisschen über das eigene Theater lustig gemacht. Sinnlos sei das, leer auch. Früher habe man sich mehr Mühe gegeben, klingt da durch. Aber so geht es ja auch. Am ende steht Silvester Groth da und fragt sich, was er noch spielen könne. Hier beißt sich Castrorfs Theater selbst in den Schwanz – nur tut es eben an diesem Abend auch nicht viel mehr als das.

Und Kleist? Bleibt weitgehend auf der Strecke. Die Geschichte der verwitweten Gräfin, die in bewusstlosem Zustand geschwängert und beim Feststellen der Schwangerschaft von der Familie verstoßen wird, interessiert Castorf sichtlich nicht.  Zu Beginn versucht sich Castorf noch ein bisschen an einer Satire des Bürgerlichen, lässt er die großen Satiriker, insbesondere die zwischen trotziger Selbstbehauptung und hysterischer Verwöhnheit wechselnde Angerer und den mürrisch-explosiven, den herrschsüchtigen Dauernörgler Groth, genussvoll mit den Heucheleien, der organisierten Verdrängung, dem Grundbedürfnis, die Fassade sauberzuhalten, spielen, deutet sich ein unterhaltsames Spiel mit Lebenslügen und den Mechanismen, sich häuslich in diesen einzurichten,  an. Nur wird das schon zu Beginn immer wieder unterminiert, weil Castorf die Stimmung ins Alberne driften lässt, immer wieder Einschübe die ins satirische gewendete Kleist-Geschichte unterbrechen, die üblichen Perspektivwechsel diese als wenig mehr als eine weitere langweile Anekdote abstempeln. Zusätzliche Erkenntnis oder spannende Blickwinkel bieten diese Elemente nicht, sie bringen lediglich das bisher aufgebaute zum Einsturz, ohne auch nur den Versuch zu unternehmen, etwas an die Stelle zu setzen.

Je länger der Abend dauert, desto mehr nimmt das Interesse an der titelgebenden Novelle ab. Stattdessen versucht man es mit einem eigenen Kleist-Text, Die Verlobung in St. Domingo, die bei Groth und Angerer zum Voodoo-Ritual wird. Für einen kurzen Moment steigert sich die Intensität des Abends, kippt die Stimmung in einen strudelhaften Rausch menschlicher Abgründe, gesellschaftlicher Notwendigkeiten, einen hasserfüllten Exorzismus, der alle Fassaden einreißt und den hässlichen Kern menschlicher Natur zum Vorschein bringt. Doch schon bald ist alles wieder vorbei, wird ritualhaft Heiner Müller rezitiert und findet man schnell zurück in den angenehm larmoyanten Tonfall, der Jeanette Spassova und Joachim Tomaschewsky amüsante Gastauftritte ermöglicht und in den sich Ilse Ritter mit eingefrorenem Lächeln von Beginn an zurückgezogen hat.

Alles sei so sinnlos hier, sagt Hendrik Arnst einmal. Einen Versuch, Sinn zu schaffen, sucht der Zuschauer jedoch vergeblich. Eher scheint es so, als hätte man sich im Komfort dieser Sinnlosigkeit behaglich eingerichtet, macht ein paar laue Scherzchen und freut sich, wenn das Publikum mitlacht.  Castorf macht Theater der Genügsamkeit, in dem es selbst Bert Neumann schafft, ein Bühnenbild zu schaffen, dass in seiner Beliebigkeit dann doch überrascht. Dass man das noch erleben darf…

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