Wie im Film

Fritz Kater: zeit zu lieben zeit zu sterben, Maxim Gorki Theater,Berlin (Regie: Antú Romero Nunes)

Von Sascha Krieger

Wenn es in diesem Stück so etwas wie einen Schüsseldialog gibt, findet er sich im zweiten seiner drei Teile: „War es so?“, fragt die junge Adriana den sie anhimmelnden Peter. „Ich glaube schon“, antwortet dieser. Beiläufig und lakonisch, kaum merklich passiert dieser Akt der Selbstvergewisserung. Wichtig ist die Antwort trotzdem, denn dieses „Ich glaube schon“ fasst den Abend recht treffend zusammen. Um Erinnerung geht es in Fritz Katers Stück, das vor zehn Jahren Premiere hatte und nun von einem der meistgefragten jüngeren deutschsprachigen Regisseure, Antú Romero Nunes, auf die Bühne des Theaters gebracht wurde, dessen (Noch-)Intendant Armin Petras damals die Uraufführung inszenierte. Drei Geschichten sind es, die Kater hier erzählt – und erzählen lässt – und viel wichtiger: drei Arten des Erinnerns. Praktizierte Erinnerungsarbeit ist das, aber auch das Zum-Leben-Erwecken einer Vergangenheit, die nur in der und durch die Erinnerung existiert. Denn egal, wie es war: So war es, denn so ist es, im Erinnern. Denn nur dort lebt die Vergangenheit noch, nur im Subjektiven ist sie präsent. Romero Nunes inszeniert diesen Prozess des Sich-Erinnerns mit großer, zuweilen fast kindlicher Spielfreude und viel Humor. Es ist ein ebenso unterhaltsamer wie intelligenter Abend geworden, gerade weil er nicht theoretisiert, sondern einfach zeigt, das Erinnern und seine Spielarten durchprobiert und damit greifbar macht.

zeit zu lieben zeit zu sterben

Erinnerungsarbeit (Foto: Bettina Stöß)

Eines der wichtigsten Themen des Stückes ist die Diskrepanz zwischen kollektiver und individueller Erinnerung. Das Programmheft zitiert Christa Wolfs Frage, ob sie sich an eine glückliche Kindheit erinnern dürfe, obwohl diese während der Nazizeit stattfand. bei Kater geht es um Erinnerungen an die DDR, aber auch das ist schon wieder falsch.Es geht primär um Erinnerungen an die Jugend, die zufällig eben in einer Gesellschaft stattfand, über die wir uns kollektiv längs eine Meinung gebildet haben. Erinnerung ist das nicht, Erinnerung findet immer nur individuell statt, sagt uns der Text. Egal, was der gesellschaftliche Konsens behauptet, meine individuelle Erinnerung ist wahr, weil es meine ist, weil sie aus dem gefüttert ist, was ich erlebt habe.

Kater zeigt den Widerstreit des Kollektiven schon in der Versuchsanordnung seines ersten Teils. Ein Chor springt dabei die Jugenderinnerungen eines namenlosen Jugendlichen, führt uns durch zahllose Frauen- (oder besser: Mädchen-)Geschichten, den ersten Sex und so manche danach, Alkoholeskapaden und die Frage, wohin das alles führen soll. Oder kann: Denn der DDR-Kontext ist nie weit. Es ist eine typische Jugend, wie sie überall auf der Welt vorkommen kann – und es ist gleichzeitig eine Jugend in der DDR. In der Menschen abhauen, der Staat entscheidet, wer was studieren darf und dem Freiheitsdrang klare und sichtbare Grenzen gesetzt sind.

Bei Antú Romero Nunes wird das zum wilden, chorischen Parforceritt durch eine im Sprechakt erst entstehende Jugend, in der alles Abenteuer ist, die Mädchen, der Alkohol, der Staat. Das gesellschaftliche Umfeld ist zurechtgestutzt auf das, was es einem Heranwachsenden bedeutet: Es ist nur ein Aspekt, vielleicht auch ein Hindernis von vielen. Der Chor, das Kollektiv, schafft die Individualerinnerung des Einzelnen. Steht diese damit für alle oder führt das nur die Möglichkeit einer kollektiven Erinnerung ad absurdum? Und ist die Frage eigentlich so wichtig? Die Jugend als Ausnahmezustand, als dauernde Grenzüberschreitung: Romero Nunes und sein Ensemble nehmen den Text wie einen langen Rock ’n Roll Song – schnell, rhythmisch, atemlos, mit vollem Körpereinsatzt. Gelebte, herausgebrüllte Erinnerung, passend begleitet von der wunderbaren Band marie & the redCat, die, auf einer Empore hinter den Darstellern, den Soundtrack gibt.

Das gilt erst recht für den zweiten Teil, der „Ein alter Film“ überschrieben ist. Erinnerung als Film – wirklich originell mag das nicht sein, stimmig ist es alles mal, denn die dramaturgische Konsequenz, die wir vom Film erwarten, legen wir die nicht auch dem zurück, was wir erinnern, versuchen wir nicht selbst, das Leben als Film zu begreifen, vielleicht, weil es nur so wirklich (be-)greifbar wird? Hier lässt Romero Nunes die Drehbühne permanent rotieren, kommen Figuren vorbei, verweilen kurz, drehen weiter. Es ist die Geschichte von Peter, eines Siebzehnjährigen, dessen Vater in den Westen geflüchtet ist, und der versucht, eine ganz normale Jugend zu erleben. Es ist kein Chor mehr, der die Erinnerungsarbeit leistet, es ist Peters Film, er ist Erzähler, Hauptfigur und wohl auch Regisseur, er entscheidet, wen er sprechen lässt. Und so wird so manche Figur leicht zur Karikatur, denn Erinnern ist immer auch selektiv, der Erinnernde hat die Herrschaft über das Personal.

Dieser zweite Teil macht die Technik des Erinnerns mit all ihren Tricks und Kniffen erlebbar, er erzählt aber auch eine Geschichte. es ist die eines passiven Schlenderers, der Orientierung sucht, aber nicht findet, oder vielleicht auch zuviel davon, der ständig die Härte des Lebens anprangert, letztlich aber an sich selbst, seinen Ängsten, seiner Euntscheidungsunfähigkeit scheitert. Ging es im ersten Teil noch um ein aktives Erinnern an einen, der aktiv das Leben anging, austestete und genoss, schwingt das Pendel hier mehr in Richtung Passivität und Scheitern. Es ist das Scheitern eines Jugendlichen, der mit der Welt nicht klar kommt – aber eben auch eine DDR-Geschichte. Stück und Inszenierung trennen das nie und wirken gerade dadurch so stark.

Das Scheitern ist komplett im letzten Teil des Abends. Ein Mann (Robert Kuchenbuch) erinnert sich an eine zerstörerische Beziehung, es ist ein resigniertes Sicher-Innern, eines, das das Ende schon hinter sich hat. Selbst die Band ist jetzt verschwunden, nur Sängerin Lisa Marie Neumann versucht es noch mit müder Stimme, bevor auch das erlischt. An diesem Abend, der Leben sucht und findet, ist dieses Aufgeben ein Fremdkörper, eine etwas aufgesetzt wirkende Coda, welche die Dramaturgie vom hoffnungsvollen Aufbruch bis zum Scheitern komplettiert, aber sonst ein bisschen allein steht. Das kann aber eine Inszenierung nicht trüben, die so spielerisch und kreativ mit Erinnerung umgeht, ohne Erinnernde wie Erinnertes preiszugeben. Die Wahrheit ist immer eine erinnerte. Selten konnte man ihr dabei so gut zusehen.

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