Männer am Rande des Nervenzusammenbruchs

F.I.N.D. 2012 – John Cassavetes: Husbands, Toneelgroep Amsterdam (Regie: Ivo van Hove)

Von Sascha Krieger

Es gibt Theaterabende, die machen es dem Zuschauer schwer und dem Rezensenten einfach. Dumm nur, dass Letzterer auch immer Zuschauer ist und sich quälende zwei Stunden hindurch davon abhalten muss, einzuschlafen oder das Theater fluchtartig zu verlassen. Ivo van Hove hat sich John Cassavetes Männer-in-der Midlife-Crisis-Komödie Husbands aus dem Jahr 1970 vorgenommen und nach allen Regeln der Kunst gegen die Wand gefahren. Herausgekommen ist, wie in solchen Fällen üblich, ein Totalschaden. Leider mit viel zu vielen Zeugen.

Husbands

„Wo bin ich hier nur hineingeraten? (Foto: Jan Versweyveld)

Aber spulen wir noch mal zurück. Es ist die Geschichte dreier Männer, die mal eng befreundet waren und sich jetzt zur Beerdigung des vierten im Bunde wieder treffen. Alle sind natürlich mit ihrem Leben zufrieden und nach einigem Hin und Her brechen sie auf, nach London, um die verlorene Freiheit und wohl auch Jugend wiederzufinden. Am Ende kehren zwei von ihnen reumütig zurück (was van Hove in einer unerträglich banalen Videosequenz am Schluss zeigt), während der, der nichts mehr zu verlieren hat, bleibt. Jan Versweyveld hat ein stimmungsvollen Bühnenbild gebastelt, eine Mischung aus Siebzigerjahre-Wohnzimmer und Turnhalle, an der Wand hängen viel Bierkrüge, die mit Kreide aufgemalten Ergebnisse alter Basketballspiele sind noch zu sehen. Die Darsteller tragen kleine Kameras, so dass der Zuschauer abwechselnd ihren Blicken folgen kann. Das ist eine tolle Idee, die jedoch nur für sich selbst steht. Eine Auseinandersetzung mit Multiperspektivik, mit wechselnden Blick- und Standpunkten, mit dem Widerstreit aus Subjektivem und Objektivem findet nicht statt, zumal die Videowand, auf welche die Kamerabilder übertragen werden, so positioniert ist, dass sie getrost ignoriert werden kann. Zuweilen fällt der gelangweilte Blick auf sie, ein wirklicher Teil der Inszenierung ist sie nicht.

Damit ist alles Positive zu diesem mit der Toneelgroep Amsterdam produzierten Abend, der im Rahmen des Festivals F.I.N.D. an der Berliner Schaubühne gastiert, gesagt. Und auch wenn sich die Handlung eng an die Vorlage hält – mit Cassavetes‘ Film hat das nur wenig zu tun. Statt Männern in der Midlife-Crisis sehen wir hier Comic-Figuren auf Speed zu, die agieren, als zeigte man einen Almodóvar-Film in zweifacher Geschwindigkeit. Ständig wechseln die Figuren bruchlos von einem Modus in den Nächsten – hängt man in einem Moment alten Zeiten nach, wird sich im nächsten bis aufs Blut bekriegt, nur um darauf eine Frau zu demütigen. Nur sind das eben keine Umschwünge, alles steht nebeneinander, nichts ist verbunden, oder mit dem anderen verknüpft. Und so wirken die Ausbrüche ebenso beliebig wie die Heulkrämpfe – und nichts davon bedeutet irgend etwas.

Van Hove lässt seine Darsteller so überzogen agieren, stets weit jenseits der Hysteriegrenze, dass nicht nur jede Identifikationsmöglichkeit negiert wird – wie wahrscheinlich vom Regisseur beabsichtigt – sondern auch der Schwenk ins Absurde, Groteske verfehlt wird. Stellenweise glaubt man es mit Psychopathen zu tun zu haben, die weit weg von jeglicher Plausibilität agieren. Vielleicht ist das intendiert, aber van Hove schüttet das Kind mit dem Bade aus. Realismus ist seine Sache nicht, aber er macht dem Publikum eben auch kein Alternativangebot. Grundloses Dauergebrüll ersetzt eben kein Regiekonzept und erst recht keine Interpretation des zu inszenierenden Stoffs.

Zu guter letzt ist Ivo van Hove auch noch die Idee gekommen, den ganzen Abend mit Bruce-Springsteen-Liedern zu unterlegen – Dancing in the Dark  dürfen die drei Ritter der hysterischen Gestalt auch selbst zum besten geben, wohl als Symbol für die verlorene gute alte zeit, die so wahrscheinlich nie existiert hat. Vielleicht hätte sich der Regisseur eher bei Herbert Grönemeyer bedienen sollen.Sein Hit „Was soll das?“ wäre sicher passender gewesen. Eine Antwort auf seine Frage hätte der Ruhrgebiets-Barde aber vermutlich auch nicht gehabt.

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Ein Gedanke zu „Männer am Rande des Nervenzusammenbruchs

  1. […] to give the play five minutes before deciding it is trash, see Jule Löffler for Freitag and Sascha Krieger. They stumble over each other and their poorly worded mischaracterizations to denounce the play, […]

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