Nachschlag bei Shakespeare

F.I.N.D. 2012 – „Afrikanische Erzählungen nach Shakespeare“, Neues Theater, Warschau (Regie: Krzysztof Warlikowski)

Von Sascha Krieger

Soviel Tradition war nie: Das diesjährige Festival International Neue Dramatik (F.I.N.D.) steht bislang im Zeichen von Klassiker Neudeutungen. Nachdem Thomas Ostermeier und der russische Dramatiker Michail Durnenkow August Strindbergs Fräulein Julie ins heutige Russland übertragen haben, widmet sich der e polnische Regisseur Krzysztof Warlikowski einem wahren Kraftakt: Drei der bekanntesten Stücke Shakespeares, King LearThe Merchant of Venice und Othello bilden eine Basis dieses mehr als fünfstündigen Abends, Texte des südafrikanischen Literaturnobelpreisträgers J. M. Coetzee die andere. Shakespeares große Ausgestoßene, Außenseiter, Aussätzige gepaart mit Geschichten über die Unmenschlichkeit des Menschen, beobachtet im Südafrika der Apartheid-Ära. Das klingt spannend, ist es auch zuweilen, wenn auch seltener als zu erwarten und ermüdet doch zunehmend. Es gibt wenige Regisseure, die Theaterabende dieser Länge spannend und anregend halten können, Krzysztof Warlikowski gehört nicht unbedingt dazu.

Afrikanische Erzählungen nach Shakespeare

Foto: Konrad Pustoła

Am besten gelingt die Verschränkung älterer und jüngerer Vergangenheit und Gegenwart am Beispiel des Generationenkonfliktes in King Lear, vielleicht auch weil dieser am wenigsten politische Themen unserer Zeit – Rassismus (Othello) oder Antisemitismus (The Merchant of Venice) anspricht. Lear bildet auch die Klammer – mit ihm beginnt und endet der Abend (von eher zusammenhanglosen Pro- und Epilogen abgesehen). Zu Beginn sitzt der Vater mit seinen – gelangweilten und keineswegs jungen – Töchtern auf der Ledercouch und verteilt sein Erbe. Dabei darf er grimmig dreinschauen, während di3e nur in Unterwäsche bekleideten Damen ihre Texte herunterrasseln, ohne spürbare Emotionen. Umso grotesker, irrationaler, willkürlicher die Entscheidung des Vaters, die Jüngste zu enterben.  nein, hier findet Warlikowski keine Relevanz mehr, anders jedoch beim Ende: Da schließt er die Geschichte vom sterbenden Vater und der sorgenden Tochter mit einer Vater-Sohn-Geschichte Coetzees kurz, blaffen sich Vater und Tochter aus unterschiedlichen Universen an und können doch nicht ohne einander, pflegt die Tochter den Hilflosen am ende doch, wenn auch wieder willen. Da funktioniert das Konzept, eröffnet der Shakespeare-Text den Zugang zu heutigen Erfahrungen der Entfremdung – zwischen den Generationen aber auch in sich selbst. Aus dem blinden Irrenden werden Sinnsucher in der (post)modernen Orientierungslosigkeit. Es ist vor allem dieser – dritte – teil des Abends, nach der zweiten Pause, der zeigt, was Warlikowski wohl vorschwebte.

Leider bietet der viel zu lange Abend zu wenige solcher Momente – auf dieser Bühne, die ebenso flexibel wie gesichtslos ist, mit seinen verschiebbaren Glasfronten, der gerüstartige Rückwand, den Sofas, Bürotischen, Betten und Turnmatten. Die Othello- und Shylock-Teile kranken an einer Reihe von Problemen: Zum einen findet Warlikowski keine Coetzee-Texte, die sich ebenso organisch mit den Shakespeare-Vorlagen verschränken lassen wie in der finalen Lear-Passage. Bei Shylock bleibt kein Coetzee-Einsprengsel in Erinnerung, bei Othello ein animiertes Video, in dem ein Paar – er schwarz, sie weiß – von der Polizei schikaniert werden. Das zeigt auch die Stoßrichtung der Othello-Auseinandersetzung: Warlikowski reduziert sie auf das Rassismus-Thema. Immer wieder machen die anderen Figuren rassistische Witze, dazu kommt die ausgestellte Überheblichkeit der Jagos, aber selbst eines Cassio. Leider bleibt das alles oberflächlich und wird mit der Othello-Desdemona-Geschichte praktisch überhaupt nicht verzahnt. Und so bleibt es bei ein paar Rassismus-Allgemeinplätzen und weitgehend zusammenhanglosen Desdemona-Szenen.

Ähnliches gilt für Shylock, der hier mit dauergrimmigem Gesicht agieren darf. Die Shakespeare-fremden Einflüsse erschöpfen sich weitgehend auf geschmacklose antisemitische Witze, ansonsten stellt man dem rauhbeinigen Shylock ein paar arrogante, aalglatte und skrupellose Unsympathen gegenüber. Die Gerichtsszene wird so zu einem kleinen Höhepunkt: Warlikowski und sein Ensemble stellen die Unmenschlichkeit dieser dem Judenhass verschriebenen Gemeinschaft aus, in dem er einfach Shakespeare sprechen lässt, der diese Demaskierung so gar nicht im Sinn hatte. Wie der fast unveränderte Gesichtsausdruck aus dem Hasserfüllten ins Selbstbehauptend-Trotzige wechselt, wie hier einer, der auch hier so unerbittlich erscheint, dass ihm keine Sympathien zufliegen, sein Menschsein reklamiert und einfordert, dass auch er, ein kaum skrupulöser Geldverleiher, als Mensch zu behandeln ist, berührt und hat gleichzeitig die politische Schärfe, die der Abend sonst zumeist nur behauptet. Für fünf Stunden ist das aber dann doch etwas wenig. Vielleicht hätte man sich doch mehr auf Shakespeare verlassen sollen?

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