Faust im Zeitraffer

Johann Wolfgang von Goethe, Einar Schleef: Droge Faust, Maxim Gorki Theater (Studio), Berlin / Centraltheater Leipzig (Regie: Armin Petras)

Von Sascha Krieger

Da hat sich Armin Petras einiges vorgenommen: Ausgerechnet Einar Schleefs Droge Faust Parsifal, das programmatische Opus Magnum dieses kompromisslosen Theaterextremisten, hat er als Vorlage für seinen neuen Abend gewählt. Und er hat Großes vor: Nichts weniger will er, als die Thesen Schleefs, für die dieser sich Goethes Faust als Kronzeugen gewählt hat, an eben jenem Theaterdenkmal auszuprobieren. Das das nur scheitern kann, verrät schon ein Blick auf die kurzen Textausschnitte aus Schleefs Buch, die den Weg ins Programmheft gefunden haben: So komplex, sprunghaft wie mäandernd und immer wieder widersprüchlich sind Schleefs Gedankenbewegungen, dass einfache Thesen, die sich dann auch noch dramatisch verwerten lassen, kaum extrahiert werden können. Um den Widerstreit von Chorischem und Individualistischem, der von gemeinsamen Werten getragenen Gemeinschaft und dem allein stehenden Individuum, das auf dem Weg von der Antike zu Shakespeare vom Ausgestoßenen zum Helden wird, geht es ihm, darum, wie Goethe versucht, beides zu vereinen,  auch um die Rolle der Frau im Drama und , wie immer, um die Wiedergewinnung des „tragischen Bewusstseins“, das spätestens mit Shakespeare verloren gegangen sei. Diese Verkürzung ist weder völlig zutreffend noch angemessen, mag aber verdeutlichen, mit welchem Monster Petras sich hier anlegt.

Eine Schlüsselrolle spielt in Schleefs Text die Droge als Versuch, eine gemeinsame, gemeinschafts- und wertestiftende Utopie zu verwirklichen, die Rückkehr zum Chorischen zu ermöglichen. Die Urdroge ist das Blut, die Urszene der Drogeneinnahme das letzte Abendmahl Jesu und seiner Jünger. Schleef geht verschiedene „Drogeneinnahmen“ im Faust durch und überprüft sie auf ihre Funktion. Petras nimmt dieses Element aus Schleefs Buch als Ausgangspunkt für seine Auseinandersetzung mit Schleef und Faust. Ein Blick auf die Bühne lässt schon erahnen, wo das hinführen wird: Da sitzt Bernd Stübner zu Beginn an einem Tisch, auf dem sich eine Batterie von Flaschen alkoholischer Getränke auftürmt. Die berühmte Studierzimmerszene bestätigt die Vermutung: Statt des geheimnisvollen Inhalts seiner Phiole nimmt Faust in der Person Thomas Lawinkys einen kräftigen Schluck aus der Whiskeyflasche. Schleefs sinnstiftende Drogeneinnahme reduziert sich hier zum simplen Alkoholrausch.

Subtiler wird es leider auch nicht: Petras fällt zu Schleef hier wenig mehr ein, als seine Darsteller, vor allem Lawinky, von Flasche zu Flasche zu jagen, sich immer wilder Flüssigkeiten aller Art einzuschütten, um anschließend lallend über die Bühne zu torkeln. Garniert wird das Ganze mit allerlei psychedelisch anmutendem und Rauschhaftigkeit vorspielendem Videomaterial. Von der Bedeutung, die Schleef dem Konzept der Droge beimisst, bleibt hier nichts, nur ein besoffener Faust. Hier endet dann auch die Beschäftigung mit Schleef: Beginnt der Abend noch mit einer Art Schleef-Rezitier-Session, bei der Anja Schneider den Zuhörern (Lawinky und Stübner) aus Schleefs Buch vorliest, bevor man sich dann an den Faust macht, um diesen auf das Gelesene hin abzuklopfen, werden die Schleef-Einsprengsel immer seltener, bevor sie gegen Ende weitgehend versiegen.

Dem Abend schadet das nicht. Ganz im Gegenteil: Stattdessen schickt Petras sein Ensemble im Schnelldurchlauf durch den Faust – streng chronologisch, vom Studierzimmer bis in Gretchens Kerker. Und siehe an: Auf sich allein gestellt, ohne den Ballast Schleefscher Interpretation, funktioniert dieser auf drei Figuren – Faust, Mephisto und Gretchen – reduzierte Faust I erstaunlich gut. Denn statt ihn ernsthaft auf die Gültigkeit von Schleefs Thesen hin zu überprüfen, lässt Petras seine Schauspieler den bekanntesten aller dramatischen Texte auf seine Relevanz, seine Heutigkeit, seine Substanz abklopfen. es gibt Zitatwörterbücher, die weniger Phrasen des täglichen Sprachgebrauchs enthalten als Faust – doch ist das Werk für uns heute mehr als eine Zitatensammlung in Reimform?

Der Ansatz ist ein skeptischer: Lawinky nudelt den Sudierzimmer-Monolog mechanisch, lustlos, gelangweilt herunter, wie es ein Siebtklässler im Deutschlunterricht tun mag. Zu oft gehört, zu oft gesprochen, als dass sich darin noch irgendeine Bedeutung versteckt haben könnte. Andere Passagen werden mit großen Fragezeichen, ja kaum verhüllter Verachtung gegeben, als wäre die große Dichtung nur noch ein Berg leerer Phrasen. Doch langsam finden die Darsteller so etwas wie einen Ton, entdecken sie Einstiege in den Text, Aspekte der Rollen, die ihnen etwas sagen, mit denen sie etwas anfangen, sich auseinandersetzen können. Petras und sein Ensemble gestaltet diesen Abtastprozess mit großer Spielfreude und jeder Menge Humor. Dieser Faust lebt, wird zum Leben gebracht, weil sich darin vieles findet, das uns noch heute etwas zu sagen hat.

Und so entsteht eine Faustskizze von erstaunlicher Heutigkeit: ein Faust im Zeitraffer, auf das „Wesentliche verkürzt“ dessen Figuren, die ja nicht weniger sind als menschliche Prototypen, klar im Hier und Jetzt verortet. Mephisto (Bernd Stübner) erscheint als leicht melancholischer Pragmatiker, dem das, was er tut, nicht gefällt, der aber weiß, dass es jemand tun muss. besser er als einer, der auch noch Gefallen daran fände. Ein Intellektueller als Bürokrat. Ihm gegenüber steht Thomas Lawinky, der seinen Faust als kindischen Lustmenschen anlegt, dessen Idealismus, dessen Streben nach Höheren, heute würde man ihn einen Weltverbesserer schimpfen, nicht einmal mehr als Fassade taugt. Ein unreifer Hedonist, der nicht ans Morgen, nicht an die Folgen seiner Handlungen denkt. Ein Egoist aus einer Wellt voller Egoisten.

Und Gretchen? Sie weigert sich, Opfer zu sein. Wie Anja Schneider sie zwischen rotzigem Teenager und selbstbewusster Frau anlegt, ist streckenweise atemberaubend. Dieses Gretchen ist ganz heutig und voll emanzipiert. Wenn sie am Ende Faust entgegenschleudert: „Heinrich, mir graut’s vor dir“, ist da keine Verzweiflung, auch keine Angst. Es ist einfach ein Statement einer Frau, die die Welt und sich selbst kennt, die sich nicht unterordnet und für sich selbst Verantwortung übernimmt. Die Frage, ob wir uns heute noch im Faust wiederfinden können, sollte damit beantwortet sein. Und ganz nebenbei ist Petras mit seiner Darstellung des Individualismus (Faust) und der Frau (Gretchen) plötzlich wieder ganz nah bei Schleef. Und das ganz ohne dessen Theoretisieren.

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