„Echte lebende Kinder!“

Gob Squad, Berlin & Campo, Gent: Before Your Very Eyes,  CAMPO, Gent / Hebbel am Ufer, Berlin

Von Sascha Krieger

Der 18. Geburtstag ist ja bekanntlich ein durchaus symbolträchtiges, zuweilen auch einschneidendes Ereignis: Mit einem Mal ist man dem Gesetz nach erwachsen, die Person fertig ausgeformt, ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft, mit allen Rechten, Pflichten und auch Konsequenzen. Die deutsch-englische Theatergruppe Gob Squad wird in diesem Jahr „volljährig“ – Grund genug, sich mal genauer mit dem Älter- und vor allem Erwachsenwerden zu befassen. Ein Einschnitt auch dies: „Before Your Very Eyes“ ist die erste Gob-Squad-Produktion, in der die Gruppenmitglieder nicht selbst auftreten. Statt dessen überlassen sie die Bühne „echten, lebenden Kindern!“, wie es gewollt marktschreierisch zu Beginn heißt. „7 Leben im Schnelldurchlauf“ sind in diesem Spiegelkasten ausgestellt. Ein Einbahnstraßenguckkasten, einseitig verspiegelt, den voyeuristischen Blick in dieses einmalige Versuchsfeld erlaubend. Möge der Zirkus beginnen!

Before Your Very Eyes

„7 Leben im Schnelldurchlauf“ (© Phile Deprez)

Mit Kindern im Alter von acht bis 14 Jahren hat Gob Squad diesen Abend erarbeitet, sieben von ihnen stehen jetzt auf der Bühne und begegnen sich selbst: der Gegenwart im Spiegel, ihrem jüngeren Ich im Fernseher und auf Videowänden (zum Zeitpunkt des Projektbeginns im Jahr 2009 gefilmt), ihrer Zukunft in Spielszenen. Angeleitet von einer ein wenig nach Kubricks Computerstimme Hal (oder besser gesagt einer weiblichen Version davon) klingenden Stimme bewegen sich die sieben Darsteller durch ihr Leben – neugierig, trotzig, peinlich berührt bei der Begegnung mit dem jüngeren Selbst (Nein, keine Ahnung, wo die einstmals so wichtigen Jonglierbälle heute sind. Was für ein Langweiler das jüngere Alter Ego war, wie es krampfhaft versuchte zu gefallen!). Immer wieder finden Zwiegespräche statt: Zwischen dem Heute und Gestern, aber auch zwischen dem Kind und dem (gespielten) Erwachsenen. Erwartungen werden wiederholt, hinterfragt, enttäuscht, erstaunt rekapituliert. Ist die, die sich an ihren Stoff-Eisbär klammert tatsächlich man selbst? Ist der dicke Müllmann, der gleiche, der mal Architekt werden wollte?

Genüsslich spielt der Abend mit Altersklischees, geben sich die 19-Jährigen cool und wild, schlagen über die Stränge, geben sich als unangepasste Punks,  fühlen sich unerhört erwachsen beim Kiffen oder ergehen sich im Sex mit dem Sofa. Ihre Mitvierziger-Versionen sind längst in unerfüllten Träumen und Lebenslügen erstarrt, heucheln sich an, laufen der verlorenen Jugend hinterher und dürfen einander – und sich selbst – das Scheitern ihrer hochfliegenden Lebensentwürfe nicht eingestehen. Am Ende stirbt man, wie, ist egal, schließlich stirbt jeder so, wie er es eigentlich nicht wollte. Das Leben eine zerplatzende Illusion, das Eingeständnis, nichts Besonderes zu sein.

Das klingt viel deprimierender, als es ist. Denn der Abend überzeugt vor allem durch ein gerüttelt Maß an Ironie. denn die zu durchlaufenden Altersphasen sind eben letztlich vor allem eines: Klischees, die nach allen Regeln der Kunst durchgespielt werden. „Be carefree“, befiehlt die Off-Stimme den Kindern, und schon tanzt man ausgelassen zur Musik von Queen. Als ein Mädchen zu beginn über den Tod sprechen will, wird sie zurecht gewiesen. das wolle man nicht sehen und hören. Nein Kinder sollen Kinder sein, so wie man sich das vorstellt. Und so sind auch die lächerlichen Verkleidungen der „Teenager“ und die nicht minder albernen Kostüme der „Mitvierziger“ nicht mehr und nicht weniger als klischeehafte Abziehbilder unserer Vorstellungen. Was sich denn geändert habe, was sie so tun könnten, werden sie von ihren jüngeren Versionen gefragt. Die antworten sind banal: „Sex haben und schwanger werden oder Sex haben und nicht schwanger werden“, lautet eine Antwort der 19-Jährigen, „Sachen erklären können, von denen man nichts versteht“, eine der „Erwachsenen“.

Vom Scheitern soll der abgebildete Lebenszyklus erzählen – darauf drängt vor allem die Stimme aus dem Off. Jedem Lebensalter wird eine Rolle in dieser Geschichte der Desillusionierung zugewiesen, immer detaillierteren Regieanweisungen bis hin zum Nachsprechen von Sätzen sollen dafür sorgen, dass die Rollenmuster präszise eingehalten werden. Doch irgendwann machen die Darsteller das nicht mehr mit, wollen sie die abschüssige Bahn, die ihr Leben sein soll, nicht mehr akzeptieren. Kann es nicht auch völlig anders sein, fragen sie, können sich unsere Träume nicht vielleicht auch erfüllen? Before Your Very Eyes bleibt die Antwort schuldig, oder vielleicht geben sie auch die Darsteller mit ihrer Neugier, ihrer Spielfreude, ihrer Skepsis gegenüber dem, was angeblich gegeben und festgelegt sein soll. Der Abend ist vor allem ein großes, lustvolles, offenes Spiel, in dem Klischees auf Menschen prallen, die diesen entsprechen sollen, „echten, lebenden Kindern“, die das Spiel mitmachen, aber es dann doch in ihr eigenes verwandeln. Vielleicht wird ihr Leben so sein und vielleicht auch ganz anders. In jedem Fall ist ein Theaterabend herausgekommen, der glücklich macht. Wenig ist das nicht gerade.

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3 Gedanken zu „„Echte lebende Kinder!“

  1. […] gab es dafür zwei Abende, die nur gut eine Stunde dauerten (Kill Your Darlings und Before Your Very Eyes). Zeit war das alles beherrschende Thema. Man twitterte über seine Faust- und Borkman-Erlebnisse, […]

  2. […] lebende Kinder” gab es im vergangenen Jahr beim Theatertreffen zu sehen, “echte lebende Menschen mit Behinderung” sind es in diesem Jahr. Und […]

  3. […] bereits ausreichend umschrieben. Dabei liegt in einer solchen Ausgangslage etliches Potential: Gob Squad etwa gelang in ihrer Zusammenarbeit mit CAMPO ein faszinierendes Spiel des Lebens mit einem beeindruckenden jugendlichen Ensemble, das es sogar […]

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