Das Glück ein Traum

Theodor Fonatane: Effi Briest, Maxim Gorki Theater Berlin (Regie: Jorinde Dröse)

Von Sascha Krieger

Am Anfang stehen sie da, sie in ihrem strahlend weißen Hochzeitskleid, er im festlichen dunklen Anzug, und sprechen von ihren Sehnsüchten, ihren Wünschen, die sie hoffen, gemeinsam erfüllen zu können. Und doch ist da schon alles zu spät, denn dieses Wir, das sie sein wollen und sollen, das gibt es nicht und gab es nie. Sie sehen sich nicht an, diese Effi und dieser Innstetten, sie blicken unabhängig voneinander in die Weite, in welcher sie ihre Zukunft vermuten. Effi, die Lebenslustige und Lebenshungrige, Innstetten, der besonnene Karrierist, der nicht mehr oder weniger will als Ruhe. Ihre Sehnsüchte passen nicht zu einander, die naiven Glücksfantasien der gerade 17-Jährigen und der vernünftige und immer ein wenig melancholische Pragmatismus des mehr als doppelt so alten. Jorinde Dröse inszeniert diesen Beginn mit viel Bühnennebel als Traumspiel. Diese Ehe, dieses Glück ist nie mehr als ein schöner Traum und kann es auch nicht sein. Effis Vater, der in Dröses kluger und behutsamer Dramaturgie immer wieder als Kommentator und Überleiter fungiert, erkennt dies schon zu Beginn. Diese beiden passen nicht zusammen und so ganz geheuer ist ihm das mit der Liebe ohnehin nicht. Diese zumindest ist schon gescheitert, bevor sie begonnen hat und so stehen sie am Ende wieder nebeneinander, das Leuchten in den Augen erloschen, die Gesichter versteinert. Die nochmals rezitierten Sehnsüchte und Träume werden zu Hohn und sprechen das Urteil über die beiden.

Der kurze Traum vom Glück: Wilhelm Eilers, Anja Schneider und Robert Kuchenbuch (© Bettina Stöß)

Jorinde Dröse inszeniert ihre Effi nahe am Buch und doch weit entfernt von Fontane – oder ist es nur unsere gewohnte Lesart dieses Standardwerks des Deutschunterrichts? Bei ihr ist Effi Briest kein Traktat über Moral und Scheinheiligkeit, über den Druck der Gesellschaft, über einen Mann, der seine Liebe opfert, um den Konventionen seiner Zeit zu genügen. Hier wird der Stoff zum Drama zweier Individualisten, die nicht zu einander kommen können, weil die Welten, in denen sie leben, keinerlei Schnittmengen aufweisen. „Ich bin für leben“, sagt Anja Schneider, die ihre Effi zunächst als neugierig-freche, naive Rotzgöre anlegt. Leben, das heißt für sie, auszuprobieren, was sich ihr in den Weg wirft, ohne Rücksicht auf die Folgen. Entgegengesetzter könnte der Innstetten von Robert Kuchenbuch nicht sein, ein Verwalter, ein Buchhalter seiner Lebensspanne, der jede seiner Handlungen mit einem Regelbuch abgleicht. Das kann nicht gut gehen, weiß Effis Vater, von Wilhelm Eilers als warmherzig vergebender Vernunftmensch angelegt, der den Protagonisten mit dem wissenden, wohlwollend-mitleidigen Blick begegnet, mit dem man gemeinhin Kindern begegnet. Und Kinder sind sie, mit all ihrem Egoismus, ja Narzissmus.

Dabei mangelt es nicht am guten Willen. Kuchenbuchs Innstetten versucht, den verliebten Teenager zu geben, er glaubt an diese Liebe, an die Möglichkeit des Glücks oder redet sich dies zumindest ein. Dir Hochzeitsreise, mit Effis kindlichen Briefen kommentiert und ähnlich naiv anmutenden Schwarz-weiß-Videos bebildert, wird zum kurzen Traum vom Glück. Ein Traum, der im Alltag schnell zum Albtraum wird. Die Abwesenheit des Gatten, die Angst der viel zu jungen Braut im neuen Zuhause, die Feindseligkeit der Außenwelt, verkörpert von der heimlich in Innstetten verliebten Johanna, die Paul Schröder ohne offene Aggression, jedoch in seiner Sachlichkeit umso Furcht einflößender spielt: Sie finden Ausdruck in einer albtraumhaften Szene, die aus einem Horror-Stummfilm stammen könnte und in immer schnellerer Bilderfolge den Strudel greifbar macht, in den diese Effi geraten ist und aus dem sie nicht entkommt.

Die Affäre, in die Effi sich flüchtet, ist hier kaum noch ein Ehebruch, viel zu unschuldig klammert sich Effi an diesen Strohhalm, der ihr das Leben suggeriert, nach dem sie sich sehnt. Das ist kein wirklicher Seitensprung, sondern im schlimmsten Fall die Liebelei, eher noch Kumpelei zweier Kinder (Paul Schöder gibt einen wunderbar pubertären Crampas). Und doch ist sie der größtmögliche Frevel, entlarvt sie doch das gespielte Glück als das, was es ist. Effi ist ein Kind, das eine Erwachsene spielen soll, so wie Innstetten zunächst den Teenager gab. Bei ihm war es Spiel, bei ihr bitterer Ernst. Der Traum platzt, explodiert in einen unerbittlichen Albtraum, aus dem es nur ein Erwachen gibt, das brutaler ist als der Traum selbst. „Der Traum ist aus“, meint man Rio Reiser singen hören, als das grelle Licht die Pause anzeigt, die hier auch ein Ende ist.

Denn was nach der Pause in gerade mal einer halben stunde passiert, ist mit der Ermittlungsarbeit in einem Kriminalfall vergleichbar. Die kompromittierenden Briefe werden gefunden, der Liebhaber im Duell erschossen, die Gattin verstoßen. Jorinde Dröse und ihr Ensemble zeigen diese Nachwehen mit präziser, kalter Sachlichkeit. Die Geschichte ist da schon auserzählt, Hoffnungen und Sehnsüchte längst auf der Schutthalde gelandet. Diese Effi ist daher auch weniger eine leidende als eine ihrem Schicksal ergebene, einem Schicksal, das eigentlich schon längst seinen Endpunkt erreicht hat. Sie, die „für Leben“ war ist jetzt des Todes, wie auch Innstetten. Das Traumspiel, das zum Geisterspiel wurde, hat tatsächlich zwei Geister produziert, Untote der unmöglichen Liebe. Jorinde Dröses Blick auf Fontanes Jahrhundertroman ist ein sehr eigener und persönlicher, aber einer, der durchaus zu überzeugen vermag.

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