Der Rhythmus des Fremden

spielzeit’europa – Bernard-Marie Koltès: Die Nacht kurz vor den Wäldern (Regie: Antonio Latella)

Von Sascha Krieger

Ein Mann rennt unentwegt und kommt doch nicht von der Stelle. Ein Sakko hängt offen über dem nackten Oberkörper, zwanghaft stampfen die nackten Füße einen unerbittlichen Rhythmus. Treiben sie ihn an oder er sie oder etwas anderes sie beide? Schweiß beginnt zu laufen, über das Gesicht, über den Oberkörper, doch er hält nicht ein, kann nicht ein- oder anhalten. Ein Fremder ist er, auf der Flucht oder auf der Suche, rennt er weg oder irgendwo hin oder rennt er einfach, weil er nicht anders kann? Clemens Schick ist dieser Fremde in Koltès berühmtem Monolog, ein Getriebener, der auch ein Treibender ist, einer, der sich von der Welt verfolgt sieht, von „den anderen“ umzingelt – ja, selbst die schönen Frauen gehören allesamt zu „denen“ – aber auch einer, dessen Bewegung immer auch die eigene ist. Ein Träumer, ein Visionär vielleicht, der gegen das eigene Fremdsein ankämpfen will und gegen das Fremdsein der anderen. Kein Verzweifelter, ein Irrer schon gar nicht, eher ein in eine fremde, unfreundliche Welt Geworfener, der sich nicht damit abfinden kann, Spielball zu sein. Bei Schick wird dieser Namenlose Fremde zu einem, der selbst Spieler sein will, in einer guten, atemlosen und zuweilen schmerzhaften Stunde, die packt, fesselt, quält und Teilnahmslosigkeit nicht zulässt.

Clemens Schick spielt Koltès „Helden“ nicht als gebrochenen, sondern als Wachen, verletzten, aber aktiven Geist und Körper. Seine Füße geben den unaufhaltsamen, viel zu schnellen, aber auch nicht nachlassen wollenden Puls vor. Sein pausenloser Monolog ist voller Wiederholungen, bleibt immer wieder in Schleifen stecken, bevor er dann doch den Weg findet, auf dem er weitergehen kann. Wohin, weiß er nicht, vielleicht ist es auch nicht wichtig, zu oft war er schon das Opfer, ohne dass er das Opfer gibt. Er fällt und steht immer wieder auf, nicht weil er daran glaubt, sondern weil er nicht anders kann. Ein (post)moderner Jedermann, ein Fremder, wie wir alle (zumindest manchmal) uns als Fremde fühlen in einer Welt, die Entfremdung am Fließband produziert. Die da oben, die Clique, die ihn bedroht, gegen die er kämpfen will, sie bleibt nebulös und namenlos. Vielleicht sind es die berühmten 1 Prozent, gegen die Schicks Figur eine internationale Gewerkschaft gründen will, vielleicht sind sie auch nur Symbol für die Fremdheit schaffende Anonymität unser Gesellschaft, vielleicht sind sie aber auch in uns.

Ruhelos erzählt er von gescheiterten Versuchen, menschliche Beziehungen aufzubauen, Versuche seinerseits aber auch von anderen. Zuweilen wird er übertönt von einer Stimme, von bedrohlich-quälenden Geräuschen aus den Lautsprechern, geht seine Stimme im Ozean des Lärms unter, der auch sein eigener ist. übertönt seine dem Körper entrissene Stimme jene noch mit seinem Körper verbundene. Ein Dialog mit sich selbt, der ein gegenseitiges Niederbrüllen ist. Gleißende Scheinwerfer blenden ihn und das Publikum, das sich seinem schmerz nicht entziehen darf. Das tut weh, wie es ihm wehtut, aber es bricht ihn nicht. Auch wenn er von unsichtbaren Kräften über die Bühne gepeitscht wird: Er gewinnt seine Stimme zurück und ja, er wächst.

Im Laufe des Abends wird aus dem zwanghaft rennenden Getriebenen zunehmend ein Reflektierender, der die Herrschaft über sich wiedergewinnt. Ergreifend die resignierende Sehnsucht, mit der er die Erinnerung festhält und zurückzubringen trachtet nach einer Frau, die mal Geliebte, mal Objekt sexueller Begierde, mal Mutter und meist ununterscheidbar alles drei ist. Die Sehnsucht nach Liebe ist es, die ihn am Ende stehen bleiben lässt, unter deren Last er schließlich langsam zu Boden sinkt. Ein Geschlagener? Vielleicht. In jedem Fall aber ein mit dem Leben Ringender, der das Scheitern erwartet, aber nicht kampflos hinnimmt. Gespielt von einem Clemens Schick, der diesen existenziellen Kampf, greif-, sicht-, hör- und vor allem fühlbar macht, der sein Leiden und sein Aufbäumen mit uns teilt. Das ist nur konsequent, denn schließlich ist es auch das unsere.

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