Welt im Zerrspiegel

spielzeit’europa – Zwischenfälle, Burgtheater Wien (Regie: Andrea Breth)

Von Sascha Krieger

Zuerst ist da die Überraschung: Ausgerechnet Andrea Breth, die Tragödin der deutschsprachigen Theaterregie, deren öffentliche Auftritte und Interviews sich öfter durch Verbissenheit als Humor auszeichnen, versucht sich im komödiantischen Fach. Und damit nicht genug: Mit Daniil Charms, Georges Courteline und Cami hat sich gleich drei Autoren ausgesucht, deren Komik immer im Absurden verhaftet ist, nicht selten den Un-, ja sogar Irrsinn kippt, die Charms‘ im Programmheft zitierten Satz voll und ganz unterschreiben würden: „Ich liebe das Unsinnige.“ Und dann macht sie sich es auch noch besonders schwer, mutet sie sich, ihrem zehnköpfigen Ensemble und uns einen wahren Kraftakt zu: 53 Szenen werden gespielt, in über 90 Rollen dürfen sich die Darsteller begeben. Herausgekommen ist ein furioser, präzise ausbalancierter und hochdynamischer Abend voller Absurditäten, der ungemein komisch aber nie albern ist, leichtfüßig daher kommt, aber jeden Klamauk sicher umschifft. Ein großer Theaterabend, dessen Nichteinladung zum Theatertreffen für Zwist in der Jury sorgte und der jetzt an gleicher Stelle völlig zu Recht Jubelstürme auslöst.

Es ist Breth und ihrem großartigen Ensemble gelungen, aus über 50 Einzelteilen ein Ganzes zu machen, das zusammenpasst und trotzdem vielgestaltig bleibt, eine stimmige Dramaturgie ermöglicht, die nie langweilt, weil sie das ewig Gleiche immer neu erzählt, die Perspektive wechselt, bis man das Gleiche als Anderes erkennt, das es immer auch ist. Es ist eine absurde Welt, die Breth auf die von Martin Zehetgruber gestaltete Bühne bringt, braune Wände, die mal Raum, mal vieltüriger Korridor, mal Fragment mit Rieseneinschussloch ist. Aber es ist eben kein langweilige, wie auch unsere Welt nicht langweilig oder eintönig ist. Und natürlich steht diese für die unsere, wie die sorgfältig ausgewählten Texte von Charms, Courteline und Cami Auseinandersetzungen mit der von ihnen erlebte Realität sind.

Es sind Übersteigerungen, welche die Absurdität sichtbar machen, die so manchem innewohnt, was wir für normal halten. Einiges erinnert an Loriots Einzoomen auf Details, die den ganzen Zivilisationsbau als Gerüst erkennbar machen. Vor allem Johanna Wokalek trifft diesen leicht hysterischen, die Normalität ins Absurde verzerrenden, nein, entlarvenden Ton – als Gattin, die nicht glauben will, dass England eine Insel ist (während sie mit Udo Samel im Bett liegt oder besser steht, ist dieses doch vertikal an der Rückwand befestigt) oder als Braut in einer wunderbar grotesken Hochzeitsnacht, in der sie permanent mit ihrer Mutter telefoniert, bis der Gatte entnervt aufgibt.Loriot ist der eine Eckpunkt – das absurde Theater, insbesondere in der Ausformung eines Eugene Ionesco der andere. Immer wieder entwickeln die Szenen, insbesondere die des dem Dadaismus seelenverwandten Charms, eine zwingende, ihnen vollkommen eigene Logik, die eben nicht „Unsinn“ ist,sondern stringent ihren eigenen Gesetzen folgt. Wie sich bei Ionesco wie selbstverständlich Menschen in Nashörner verwandeln, Personen ernsthafteste Nonsense-Dialoge führen oder in sich multiplizierenden Möbeln ersticken, verbringt da ein Mensch (der großartig wandelbare Peter Simonischek) sein Leben auf dem Flur liegend, wird ein Gespräch über die Mittagssuppe zur Endlosschleife, fordert eine nackte Hausfrau die gegessene Butter zurück oder wechselt ein „Gespräch“ zweier sich nicht Verstehender virtuos von absurder Komik zu Aggression und schließlich zum Slapstick. Alles ist möglich und alles ist absurd. Breth dreht das ein Stück weiter, in dem sie immer wieder Sprachbarrieren aufstellt: So werden Youtube-Videos in englisch nachgespielt, ein Telegramm auf französisch aufgegeben, liefern sich Roland Koch und Simonischek ein Büroduell in Hoch- und Schweizerdeutsch.

Es ist keine gewaltfreie Welt: Wiederholt wird geschossen, immer wieder hagelt es Schläge und Tritte. Vielleicht bilden die Szene, in der Simonischek Markus Meyer Geld gibt, um ihm in den Hintern zu treten, und jene, in der Gerrit Jansen erzählt, wie er jeden Gast zur Begrüßung ins Gesicht schlägt, so etwas wie das Zentrum des Abends. Ohne seine düstere Ausweglosigkeit zu erreichen, schwingt hier ein wenig die erschreckende, weil unmotivierte, unsinnige, ohne jedes Ziel vollführte Gewalttätigkeit der Dramenwelt eines Harold Pinter mit. Wenn die Bettszene ein verzerrtes Spiegelbild zwischenmenschlicher Beziehungen ist, gilt das für die Gewaltszenen eben auch. Es steckt immer etwas dahinter, der Zerrspiegel macht Dinge sichtbar, die wir im „normalen“ Spiegel übersehen.

Dass der Abend auch über mehr als drei Stunden funktioniert, verdankt er vor allem zwei Aspekten: Da ist zum einen das grandiose Ensemble – neben den Genannten der poetisch-traurige Clown Udo Samel, die ihre Sätze in Stein meißelnde Elisabeth Orth  oder die Schlampe und Diva vereinigende Andrea Clausen. Zwischenfälle ist vor allem eine Ensemblearbeit, deren Präzision und nie glatt wirkende und doch auf den Punkt perfekte Choreografie ihres gleichen sucht.

Der zweite Grund, warum das nie ermüdet, ist der kluge Aufbau des Abends: lange Spielszenen wechseln mit kurzen, standbildhaften Fragmenten, Dialogsequenzen mit stummen Tanzeinlagen, in denen die Körper zum Sprechen gebracht werden, Loriot-artige Sketche mit irrwitziger Absurdität. Es ist ein Kaleidoskop des Absurd-Realen, des Grotesk-Normalen, des Verzerrt-Sichtbarwerdenden. Ein virtuoser, bis ins letzte Detail durchstrukturierter Abend, der doch so leicht wirkt, als würde er in diesem Moment erst entstehen. Thomas Oberender, der neue Leiter der Berliner Festspiele, sprach bei seiner Vorstellungspressekonferenz am Vortag davon, das Haus zum Strahlen bringen zu wollen. Andrea Breth hat das für ihn schon mal erledigt.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: