Im Rahmen des Möglichen

Der neue Chef der Berliner Festspiele, Thomas Oberender, stellt sich, sein Team und sein Konzept vor

Von Sascha Krieger

Der Jahresanfang ist immer auch eine Zeit der Veränderung, der gewollten wie der tatsächlichen, der guten und viel zu oft schon bald gebrochenen Vorsätze. Alles neu macht der Januar? Bei den Berliner Festspielen ist das zweifellos der Fall. Neue Leitung, neues Logo, neue Website: alles neu, alles anders, alles besser? Gering sind die Erwartungen an Thomas Oberender, den bisherigen Schauspieldirektor der Salzburger Festspiele, nicht, das zeigte schon der Andrang bei seiner ersten Pressekonferenz. Und der Intendant ist auch nicht der einzige Neue: Gleich vier Einzelfestivals haben neue Leitungen, darunter das Theatertreffen mit der bisherigen Stückemarkt-Chefin Yvonne Büdenhölzer und die bisherige spielzeit’europa mit Frie Leysen für 2012 und Matthias von Hartz (ab 2013). Passend zum frisch renovierten Haus haben sich die Festspiele ein neues und zumindest in der Person des Intendanten auch jüngeres Gesicht gegeben. Wohin soll es also gehen, wofür wollen die Festspiele künftig der Rahmen sein, wie es das neue Logo, ein schlichter roter Rahmen, andeutet?

Thomas Oberender, neuer Chef der Berliner Festspiele (© Magdalena Lepka / Berliner Festspiele)

„Wir setzen den Rahmen“, sagt Oberender dann auch zu Beginn, einen Rahmen der eher Fokussierungen ermöglichen als begrenzen soll. Und schon bald fällt ein Schlüsselwort: Um Kunst geht es, die präsentiert, gefördert und entwickelt werden soll. Das ist nicht ungewöhnlich für eine Institution des Kunstbetriebs, in der wiederholten Betonung des Künstlerischen aber schon bemerkenswert. Das fängt beim neuen Design an, das, wie Oberender sagt, „eine Sprache, die künstlerisch sein soll“, sucht. Minimalistisch mutet das an, modernistisch fast, zuweilen weht ein Hauch Bauhaus durch das neue Erscheinungsbild, das reduzierte Design, die gewollt chaotische, bewusst unübersichtliche Startseite, selbst die betont nicht auf das  Nützliche sich beschränkende Pressemappe. Stolz präsentiert Oberender das erste „Kind“ der neuen Festspiele: ein Druckerzeugnis namens „Edition“, eine Verbindung aus Literatur und Bildener Kunst, von zwei Künstlern gestaltet. Für die Erstausgabe konnte der Schauspieler Hanns Zischler gewonnen werden, der bei der Pressekonferenz Auszüge vortrug. Als talentierter Marketing-Mann hatte sich Oberender auch schon in Salzburg erwiesen.

Aus für die spielzeit’europa

Das neue Äußere kann man mögen oder auch nicht, ernst zu nehmen ist der Anspruch, den es repräsentieren soll, auf jeden Fall. Denn wie die Edition verschiedene Künste verknüpfen will, sollen es auch die Festspiele selbst. Die Zusammengehörigkeit und das Zusammenspiel der verschiedenen Festivals und damit der durch sie repräsentierten Künste soll es gehen, Zusammenhänge sollen aufgezeigt, Verbindungen geschaffen werden, ohne ihre Eigenständigkeit aufzugeben. Davon zeugt auch die radikalste Änderung, die das neue Team zu verkünden hat: Die derzeit noch laufende spielzeit’europa wird die letzte ihrer Art sein. Die lose, kaum thematisch verbundene und sich über vier Monate hinziehende Gastspielreihe war schon lange ein Fremdkörper im Repertoire kompakter, nie länger als drei Wochen dauernder Festivals. Und so wird sie abgelöst durch dreiwöchige Festspiele im Herbst, die noch keinen Namen haben, dafür aber den Anspruch, den Blick von Europa auf die Welt zu weiten. Es ist zu hoffen, dass diese Veranstaltung es schafft, mehr Aufmerksamkeit zu generieren als ihr Vorgänger und dass sie dessen Anspruch einlöst, den Blick über den Tellerrand des deutschsprachigen Theaters zu heben. Einen „Clash von Ideen, von Standpunkten, von Perspektiven“ verspricht Interims-Festivalleiterin Frie Leysen. Man darf gespannt sein.

Andere Festivalbereiche versuchen dagegen mit Kontinuität zu punkten, so auch das Theatertreffen, Deutschlands bedeutendes Theaterfestival. Kleine Veränderungen soll es geben, so einen „Artist in Residence“ und eine Einbeziehung von Theaterkollektiven in den Stückemarkt. Ansonsten setzt die neue Leiterin Yvonne Büdenhölzer weiterhin auf die drei Säulen Publikumsfestival, Branchentreff und Talentebereich. Ähnliches gilt für das Theatertreffen der Jugend und die anderen Jugendwettbewerbe, die weiterhin von Dr. Christina Schulz verantwortet werden. behutsame Weiterentwicklung kann man das nennen, und das gilt auch für die Festspiele als Ganzes. Neue Festivals sind nicht geplant, mit der Ausnahme eines Jugendwettbewerbs im Bereich Tanz, den Schulz sich wünscht.

„Kulturkalender der Stadt“

Stattdessen gilt ein Hauptaugenmerk der Rolle der Festspiele in der Stadt. Ein „Kulturkalender“ Berlins seien sie, so Oberender, eine Rolle, die es zu nutzen gilt: „Es geht um die Neupositionierung des Hauses in der Stadt“, beschreibt es seine Stellvertreterin Christiane Kühl, auch sie neu im Team. Aus dem „tiefen Westen“ wollen die Festspiele heraus und hinein in die Mitte, ins Herz der Stadt. Die Festspiele als künstlerischer Dreh- und Angelpunkt Berlins, nicht mehr und nicht weniger schwebt Oberender vor. Eine weiche hat er schon gestellt: Als ganzjähriges „Haus der Künstler“ sieht er die Heimstätte der Festspiele an der Schaperstraße und so will er neue Programmreihen etablieren, mit denen das Haus auch zwischen den Festivals bespielt wird. Filmkunst und Literatur stehen dabei zunächst im Mittelpunkt des ehrgeizigen Plans, der bislang nur vage ausformuliert scheint. Es ist dem neuen Team zu wünschen, dass er ankommt, denn nur so kann es gelingen, das Haus und die Institution der Festspiele zu einem Mittelpunkt des Berliner Kunstlebens zu machen, der eben nicht mehr auf aus der Menge ragende Leuchttürme reduziert ist, die mit dem Kunst- und Lebensalltag der Stadt wenig zu tun hat.

Denn darum geht es Oberender bei aller Betonung des Künstlerischen: Ein L’Art pour l’art liegt ihm fern. Stattdessen will er der gesellschaftlichen Entwicklung Ausdruck geben, Kunst als Analyse und Chronik verstanden wissen. Bislang sind das Lippenbekenntnisse, auch die Umstellung des Literaturfestivals von geografischen auf thematische Schwerpunktsetzungen wirkt bislang eher symbolisch. Der erste dieser Schwerpunkte, „Kunst und Literatur“ öffnet auf den ersten Blick die Perspektive weniger auf gesellschaftliche Themen als so mancher regionaler Schwerpunkt der Vergangenheit. Es wird von der Fähigkeit, diese Auseinandersetzung mit der Gegenwart zu erreichen, abhängen, ob es den Berliner Festspielen gelingt, deutlich mehr zu werden als ein ambitioniertes Festspielhaus.

Dass auch die eigene Gegenwart nicht ohne Probleme ist, zeigt das Beispiel Martin-Gropius-Bau, der im kommenden Jahr aus finanziellen Gründen seine Öffnungszeiten einschränken muss. „Eine fatale Entscheidung“ nannte Oberender dies, auch weil damit neue Zielgruppen, die das Haus mühsam gewonnen hatte, wieder verloren gehen könnten. Oberender sieht auch den Bund  in der Pflicht – mit der Vorgabe, 70 Prozent des Budgets selbst erwirtschaften zu müssen, dürfte die Ausstellungsstätte als produzierendes Haus langfristig kaum zu halten sein.

„Wir wollen, dass der Ort wieder strahlt, dass er leuchtet“, hatte Oberender am Anfang gesagt und dies auf das Haus der Berliner Festspiele, aber auch die Institution selbst bezogen. den ersten Schritt ermöglicht ihm vielleicht sein Kollege Dieter Kosslick, Chef des anderen großen Festspielbetriebs der Stadt: Im Februar wird das Haus erstmals Spielstätte der Berlinale sein, unter anderem soll Angelina Jolie hier ihren neuen Film vorstellen. Für Strahlkraft ist also gesorgt, wie lange sie anhält, wird sich zeigen, wenn der Alltag eingekehrt ist.

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