Eugene O’Neill: Trauer muss Elektra tragen, Deutsches Theater Berlin (Regie: Stephan Kimmig)

Zweifellos ist es für ein Fazit dieser noch jungen Berliner Spielzeit viel zu früh, und doch lassen sich bereits zwei Trends feststellen: Der eine sind Inszenierungen ohne erkennbare Regiearbeit (Leander Haußmanns Rosmersholm ist hier ebenso zu nennen wie Andreas Kriegenburgs Winterreise), der andere Regisseure, die ihre Stücke so weit entkernen, alle denkbaren oder inhärenten Themen und Interpretationsansätze als irrelevant, überholt, nicht zeitgemäß verwerfen, bis nichts mehr übrig bleibt (Friederike Hellers Einsame Menschen). Das Ergebnis sind in beiden Fällen Inszenierungen, die uns nichts zu sagen haben, weil sie nichts sagen können oder gar wollen. Eine seltsame Leere hat die etablierten Häuser Berlins ergriffen (mit wenigen Ausnahmen wie Michael Thalheimers eindrucksvoller Unschuld-Inszenierung). Stephan Kimmigs O’Neill-Abend am Deutschen Theater kann mit gutem Recht als vorläufiger Tiefpunkt angesehen werden, gelingt es ihm doch, beide Trends zu verbinden. Hier ist ein Regisseur, der ein Stück auf die Bühne bringt, das er zunächst sämtlicher Themen entledigt hat und der sich anschließend jeglicher erkennbarer Regie verweigert. Knapp zwei Stunden waren selten so lang.

Zugegeben: Kimmig hat sich ein besonders sperriges Stück ausgesucht. Weniger wegen seiner Länge – eigentlich handelt es sich um drei eigenständige Stücke – sondern vor allem, weil uns O’Neills Freudianische Neuinterpretation des Stoffes der Orestie heute überholt erscheint. Die Ödipus- und Elektra-Komplexe, die O’Neill hier auf die Bühne bringt, entstammen einem Glauben an die einfache Deutbarkeit psychologischer Prozesse, die nicht nur die Traumata des letzten Jahrhunderts davongespült haben. Ohne einen zwingenden interpretatorischen Ansatz, der die Distanz zum Stück nicht scheut, lässt sich diese Tragödie in Zeiten der Psychoanalyse kaum sinnvoll inszenieren. Kimmig findet diesen Ansatz nicht, es ist auch fraglich, ob er ihn sucht.

Nur kurz scheint so etwas wie eine Idee auf, die als Fundament dieses Abends hätte funktionieren können: Trauer muss Elektra tragen als Kriegsheimkehrerdrama, eine Interpretation, die auch Katja Haß‘ bunkerartiger Bühnenkasten andeutet. Nur einen kurzen Moment erscheint Alexander Khuons Orin/Orest als vom Krieg Gebrochener und Verfolgter, einer, der dem Krieg nicht entkommen kann, für den er immer weiter geht, für den der Krieg nach drinnen gewandert ist, wie er einmal sagt. Kimmig nutzt die Chance nicht und so versinkt Orin schnell im Freudschen Morast inzestuöser Gelüste: Orin begehrt seine Mutter, Lavinia/Elektra den Vater, beide einander. Kimmig inszeniert das ohne Brechung oder gar Ironie, mit einer Ernsthaftigkeit, die dem Holzschnittcharakter der dargestellten Beziehungen Hohn spricht.

Wo O’Neill Tragödie will, schafft Kimmig Streitigkeiten auf Kindergartenniveau, führt sein plakativer Trivial-Freudianismus ins Leere. Da bleibt nicht einmal ein Tragödchen das Familiendrama wird erstickt von den kaum erträglich plumpen Schaubildern ödipalen Begehrens. Kimmig verliert jegliche Distanz zum Text, bebildert da, was ihm am stärksten erscheint, ohne irgendeinen Zweck damit zu verfolgen.

Da hilft auch das großartige Ensemble wenig, im Gegenteil zunehmend lassen sich die seltsam apathisch wirkenden Darsteller von der Abwesenheit jedes Regieansatzes herunterziehen. Alexander Khuons hibbeliger Orin behauptet seine Seelenqual mehr als er sie spielt, seine Darstellung bleibt blutleer. Maren Eggert verbringt einen Großteil des Abends damit, irgendjemanden wortlos anzustarren, ihr angedeuteter Sturz in den Wahnsinn hat eine plakative Oberflächlichkeit, die eher an das schauspielerische Repertoire von Darstellern einer Vorabend-Fernsehserie erinnert. Einzig Friederike Kemmer ist bemüht, ihrer Mutterfigur so etwas wie Glaubwürdigkeit, emotionale Intensität und Hintergründigkeit zu geben.

Ansonsten bleibt alles  Oberfläche, zumal Kimmig auch keine Lust verspürt, eine stringente Erzählung aufzubaquen. Stattdessen ergeht er sich in einer Blackout-Orgie, durch welche die immer kürzer werdenden Szenenfragmente zu einer Nummernrevue abzuhakender Ersatzstücke verkommen. Da reduziert sich Regiearbeit zur Checkliste. Was dieser inszenatorische Offenbarungseid an einem Haus wie dem Deutschen Theater zu suchen hat, erschließt sich nicht.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..

%d Bloggern gefällt das: