Gerhart Hauptmann: Einsame Menschen, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Friederike Heller)

Hauptmann ist in, landauf landab spielt man seine Porträts der Elenden, der Unterdrückten, der Ausgegrenzten als Kommentar zur derzeitigen Wirtschaftskrise. Vor allem seinen Webern kann man derzeit kaum entrinnen. Einsame Menschen ist daher eine ungewöhnliche Wahl für Friederike Heller und die Schaubühne: Das Stück, das von Geschehnissen in Hauptmanns eigener Familie angeregt wurde, spielt in der Mittelschicht. Es sind Menschen nicht ohne Geldsorgen und Zukunftsängste, aber doch Lichtjahre entfernt von der Welt der Ratten, Weber oder des Biberpelzes. Hier wird auf hohem Niveau gejammert, wähnt man sich eher bei Ibsens geschlagenen und gescheiterten Intellektuellen mit ihren verquasten Ambitionen und Heilsphantasien als im Überlebenskampf derer ganz unten. Passt das als Kommentar für die Gegenwart? Lässt sich darin überhaupt etwas für uns Relevantes finden? Wenn Friederike Heller überhaupt gesucht hat, musst man die Frage mit einem deutlichen Nein beantworten.

Heller inzeniert minimalistisch und gleichzeitig plakativ. Schauplatz des Familiendramas ist ein gefliestes Rechteck, ein stilisiertes Küchenambiente passend zum häuslichen Kammerspiel. Wie die Gespräche der Protagonisten, die nirgendwo hinführen, auch weil keiner auf den anderen einzugehen bereit ist, dreht sich die Bühne unaufhörig. Das Ganze spielt am Müggelsee, am Ende wird sich  Hauptfigur Johannes darin ertränken, also ist das Rechteck von Wasser umgeben (die Schaubühne scheint sich zunehmend auf Wasserspiele zu spezialisieren). Es geht um Einsamkeit – die Stühle auf denen die Figuren sitzen, sind auf die Ecken des Rechtecks verteilt und damit möglichst weit von einander entfernt. Es geht auch um die Ausstoßung von Menschen, die gewollte wie die gezwungen-freiwillige, also spielt man eine Art Reise nach Jerusalem mit fünf Darstellern und vier Stühlen. Hier endet jedes erkennbare Regiekonzept aber auch schon.

Es wird viel geredet an diesem Abend. Eigentlich redet man ständig, und doch bleibt nichts wirklich hängen. Die Themen des Stücks werden eines nach dem anderen abgehakt. Es geht um den Nutzen von Kunst, die (Un)Möglichkeit echter Freundschaft zwischen Frau und Mann, den Konflikt zwischen Pflicht und Selbstverwirklichung, Ehe und Familie. Hauptmanns Stück wird zu einer Checkliste, ist ein Thema angesprochen, folgt das nächste. Heller gewichtet alles gleich, verweigert sich einer Priorisierung und lässt dadurch alles gleichermaßen belanglos werden.

Auch die zahlreichen im Stück vorhandenen Konflikte reduziert sie so lange, bis nichts mehr übrig bleibt. Ihr Johannes (Tilman Strauß) ist hier ein so armseliges narzisstisch-selbstsüchtiges Würstchen, dass er zum Reibungspunkt, zum Konfliktauslöser oder gar -gegenstand nicht taugt. Jule Böwe als Anna, Johannes Seelenverwandte und Kristallisationspunkt aller Agressionen, findet gar nicht statt. Meist sitzt sie stumm herum, doch auch wenn sie sprechen darf, bleibt sie eine Leerstelle. Man traut Jule Böwe gar nicht zu, derart blass wirken zu können.

So bleiben nur Johannes „Gegenspieler“ im Gedächtnis: Eva Meckbachs eindringlich verzweifelnde Käthe, vor allem aber Ernst Stötzner, der Johannes Eltern so hilflos, drängend, verstehen wollend und doch daran scheitern müssend und zuletzt rührend gegen das Verzweifelnd kämpfend spielt, dass sich Bedauern einstellt über die vergebene Chance, all dies in eine stimmige Interpretation einzubinden. Hier aber läuft das ins Leere, denn die, auf die alles zielt, sind nicht wirklich da. Stötzners und Meckbachs Ansätze bleiben bloßes Schattenboxen. Lähmung legt sich über den Abend, nicht als Konzept, sondern als Folge seiner Ziellosigkeit.

Der Abend krankt letztlich daran, dass er mit dem Stoff nichts anfangen kann oder will, da ist kein interpretatorischer Ansatz, keine bestimmende Idee, nur Ratlosigkeit gegenüber einem Stück, zu dem sich kein Zugang findet. Die Themen verpuffen, die Figuren laufen ins Leere, die Konflikte bleiben Behauptung. Was Friederike Heller an Einsame Menschen interessiert haben mag, erschließt sich nicht, und so bleibt am Ende nichts als Belanglosigkeit. Und Ermüdung, trotz seiner gerade 100 Minuten Länge. Eigentlich schade.

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Ein Gedanke zu „Gerhart Hauptmann: Einsame Menschen, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Friederike Heller)

  1. […] als irrelevant, überholt, nicht zeitgemäß verwerfen, bis nichts mehr übrig bleibt (Friederike Hellers Einsame Menschen). Das Ergebnis sind in beiden Fällen Inszenierungen, die uns nichts zu sagen haben, weil sie […]

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