Rocco und seine Brüder, nach dem Film von Luchino Visconti, Maxim-Gorki-Theater Berlin (Regie: Antú Romero Nunes)

Es gibt Theaterabende, die erschließen sich am besten über ihren Anfang und ihr Ende. Zu Beginn ist da eine Gruppe, bestehend auf fünf Figuren,  eine Familie, wie wir später erfahren. Sie haben Koffer dabei, stellen sie ab, öffnen sie und kleiden sich an. Einheitlich, Mantel, dunkle Hose, kariertes Hemd, Schal. Am Ende sind sie wieder da. Ein Junge steht an der Rampe und sing. Ein trauriges Lied, ein sehnsuchtsvolles. Einer nach dem anderen gehen die anderen von der Bühne, nicht mehr gleich gekleidet geht jeder für sich, einzeln, allein. Dieser Gegensatz fasst die Geschichte, die Visconti in seinem Film und Antú Romero Nunes an diesem Abend erzählt haben, treffend zusammen. vom wir zum ich, von der Familie zum Individuum, eine Geschichte des Zerfalls althergebrachter Ordnungen, des Auseinanderbrechens von Traditionen. Das Ende des Alten, gemordet durch das Neue.

Bei Visconti ist das durchaus als schmerzlicher Verlust gemeint, das Neue negativ codiert. Ein Blick in das Programmheft deutet an, dass das auch hier der Fall ist: Texte von Pasolini füllen es, jenem Idealisten des alten, des bäuerlichen Italiens. Und doch ist das, was Romero Nunes auf die Bühne bringt, so eindeutig nicht. Er beschreibt Beziehungsverlust und Individualisierung und er zeigt den Preis, den die Veränderung kostet, aber seine Wertung ist ambivalenter. Weniger Schwarz und Weiß, mehr Grau.

Dabei beginnt das Ganze in strengem Schwarz-Weiß. Romero Nunes inszeniert die erste knappe halbe Stunde als Stummfilm. Die Ankunft der Familie aus dem armen Süden im gelobten Land Mailand, ihre ersten Schritte in der neuen Heimat, der Start eines neuen Lebens – sie vollziehen sich wortlos, mit expressiver Gestik und  Mimik, geweißten Gesichtern, dramatischer Klaviermusik. Es ist ein Spiel der Illusionen, auf mehr als einer Ebene. Die Verfremdung durch das stumme Spiel, die Anklänge an eine andere Kunstform, sie stellen das Theatralische in den Vordergrund, stellen es aus, sagen, das ist Theater, nicht mehr und nicht weniger, nicht zum einzigen Mal an diesem Abend. Und sie lenken den Blick auf das Illusorische des Unterfangens dieser Familie, auf die Träume, die nicht erfüllbar sind, die Vision, die nichts anderes kann als Vision zu bleiben.

Irgendwann fällt dann das erste Wort, ganz unvermittelt, und es ist ein Bruch, Zeichen zugleich eines noch größeren. Denn der Aufeinanderprall von Wunsch und Wirklichkeit ist nicht länger zu vermeiden, der Bruch in der Inszenierung signalisiert das beginnende Auseinanderbrechen, der Illusion, der Familienbande, des Wir, des Lebens, wie man es kannte oder zumindest erträumte. Die Darsteller schminken sich ab, sichtbares Zeichen, dass es jetzt ernst wird, das Paralleluniversum des Illusorischen verlassen wird, der Traum vorbei ist (und auch mit einem Wortspiel gewürdigt).

Die Bühne besteht vor allem auf Leuchtröhren, die auf und nieder fahren, Räume andeute, Hindernisse aufbauen und einreißen, trennen und dann wieder verbinden. Der Wechsel zwischen den Räumen entspricht dem Wechsel der Figuren und befördert die wiederholte Betonung des Theatralischen. Immer wenn der Zuschauer drauf und dran ist, sich ins Geschehen hineinziehen zu lassen, wird er daran erinnert, dass das alles Theater ist. Eine Schlüsselrolle fällt dabei Andreas Leupold zu, der die Mutter, Roccos Chefin und Boxtrainer Giulio spielt und zuweilen inmitten einer Szene, von einer Sekunde auf die nächst, die Rolle wechselt. Das betont nicht nur das Theatralische, sondern hat auch eine inhaltliche Funktion, zeigt es doch die Parallelen auf zwischen den drei Autoritätspersonen, die manipulieren und doch genauso verloren und auf der Suche sind wie alle anderen.

Die Darsteller legen die Einheitskluft ab, ziehen individuelle Kleidung an, so wie jeder seinen Lebensentwurf, seinen Weg sucht. Simone (Michael Klammer) stiehlt sich später sein Outfit, so wie auch sein Lebenstraum geborgt ist, nie seiner und nie wirklich. Es wird farbiger auf der Bühne – und leerer. Die Fünfergruppe vom Beginn zerfällt. Oft stehen sie allein da und referieren ihren Blick aufs Leben, auch ihre Rolle darin. Die stehen auf der Drehbühne und fahren im Kreis. Es sind Zweiergruppen, drei höchstens und immer öfter stehen sie nicht zusammen, sondern sich als Gegner gegenüber. Romero Nunes choreografiert das so wirkungsvoll wie unaufdringlich. Höhepunkt ist der Kampf wischen Simone und Rocco (Robert Kuchenbuch), der so physisch und brutal ist, wie man lange keinen mehr auf einer Bühne gesehen hat. Es ist eine Explosion, nach der nichts mehr so ist wie es war. Oder eher ein Befreiungsschlag, ein Augenöffner, denn zuvor war schon nichts mehr wie es war. Jetzt jedoch ist es nicht zu übersehen.

Überhaupt Rocco. Während die anderen ihre Lebensentwürfe stricken (oder sich aufdrängen lassen) und darüber reden, wie Matti Krause als Ciro, der großartig zwischen Ernst und Lächerlichkeit changiert, ist Rocco über weite Strecken des Abends nahezu unsichtbar, er ist einer der daneben steht, der den anderen beim Lebensaufbau zusieht, aber für sich selbst nicht will. Robert Kuckhenbuch spielt ihn als Verlorenen, als Aus-der-Zeit-Gefallenen, als Überbleibsel einer älteren Ordnung, nicht als Heiligen. Ist Ciros Erfolgsstreben das falsche Leben oder ist es Roccos Selbstlosigkeit, die vielleicht auch Willenlosigkeit ist? Der Abend lässt es offen, eindeutige Wertungen oder gar Verurteilungen sind seine Sache nicht. Auch Rocco wird sich emanzipieren, wird eine Art rudimentäres Selbst finden, in der scheiternden Liebe zu Nadia, dem Kampf mit Simone.

Wenn er am Ende da steht und dem Jüngsten, Luca, sagt, dass er einmal, vielleicht, zurückkehren wird in die Heimat, dann ist in all der Traurigkeit eine Entschlossenheit enthalten, die ihn eben nicht als Scheiternden, Gescheiterten auch, vorführt. Die Illusionen sind aufgegeben, der Traum tot, und doch schwingt da eine Hoffnung mit, haben die Figuren eine Zukunft, die sich vielleicht nicht bestimmen lässt. Aber da ist sie, an diesem erstaunlichen Theaterabend.

Und so ist diese Inszenierung eben keine Verdammung der Moderne, keine Anklage gegen den Individualismus. Das alte wie das neue, die Familie wie das Individuum, sie haben hier ihre Schattenseiten, das gelobte Land ist weder der reiche Norden noch die verklärte Heimat. Romero Nunes findet viel Positives auch in der Individualisierung, ist sie doch auch eine Emanzipation, ein Erwachsenwerden. Auch so lässt sich dieser Abend lesen, auch von der ihn beschließenden Figur des Luca her.

Rocco und seine Brüder ist, anders vielleicht al bei Visconti, kein Stück über die Gesellschaft, sondern über Menschen, den Menschen vielleicht, sein Streben zu leben, seine Sehnsucht nach Gemeinschaft und seine gleichzeitige Suche nach dem einzigartigen Ich. Romero Nunes verwischt dabei nie die Hintergründe, gibt nie die gesellschaftliche, auch politische Folie auf und findet gerade so den Weg aus der politischen Ebene heraus. Er übtr Gesellschaftskritik, indem er den Menschen kritisiert, vorstellt, entlarvt. Das ist, um der filmischen Herkunft des Stoffs genüge zu tun, großes Kino. Und ungemein intelligentes noch dazu!

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