Theatertreffen 2011 – Christoph Schlingensief: Via Intolleranza II, Festspielhaus Afrika gGmbH / Kampnagel, Hamburg / Kunstenfestivaldesarts, Brüssel / Bayerische Staatsoper, München

Natürlich ist da eine Leerstelle, klafft eine offene Wunde. Christoph Schlingensief ist immer präsent an diesem Aben, seinem letzten Theaterprojekt, entstanden aus dem großen Kraftakt seiner letzten Lebensjahre, dieser fixen Idee, in einer der ärmsten Regionen Afrikas, in Burkina Faso, ein Operndorf zu errichten. Eine Auseinandersetzung mit diesem Projekt ist der Abend, mit seiner Unmöglichkeit auch, seiner Absurdität, mit den Widersprüchen von privatem Engagement wie staatlicher Entwicklungshilfe, den Vorurteilen, die sich allzu oft als guter Willen tarnen und die zuweilen wenig mehr sind, als die Fortsetzung des Kolonialismus mit anderen Mitteln. Es ist ein vielseitiger, vielschichtiger, zwischenzeitlich aus demRuder laufender Abend geworden, der als Parodie, als Satire beginnt und in einer manchmal in die Kakophonie Kippende Vielstimmigkeit endet, die den Zuschauer bewusst überfordert und gerade dadurch eine unentrinnbare Energie entwickelt, die das Publikum auf den Sitzen hält, auch wenn das Stimmengewirr zum unverständlichen Lärm zu werden droht.

Am Anfang ist da ein Regisseur, Schlingensief selbst, jetzt vertreten von Stefan Kolosko, der an seinem Schreibtisch sitzt und versucht, hier den Überblick zu behalten oder auch erst zu gewinnen. Afrikanische Sänger dürfen vortragen, beklatscht vom Publikum, eine Europäerin in Abendgarderobe hält eine Ansprache, es ist eine Parade der Klischees und kaum verhohlenen Vorurteile, eine Parodie der Herablassung, die nie weit ist, wenn die so genannte erste Welt sich mit der vermeintlich dritten einlässt. Das ist nicht selten wenig subtil, die Schonung des Publikums war Schlingensiefs Sache nie. So gilt der Spiegel, den er theatralisch hochhält, natürlich uns.

Aber eben auch ihm selbst. Immer wieder wandelt der „Regisseur“ nahe an der Grenze zum Rassismus, zuweilen überschreitet er sie. Wenn einer der Afrikaner sein selbst gebautes buntes Papierhaus zeigt, begegnet ihm Kolosko mit jener Mischung aus Herablassung und Ungeduld, Dominanz und dieser gespielten Duldsamkeit, die man oft gegenüber Kindern zeigt, auch mit jener ignoranten Selbstgefälligkeit, die der französische Tanzprofi später den afrikanischen Tänzer entgegen broingt, der für ihn „Hunger“ tanzen soll. Der kolonialistische Ansatz, der entwickelte, weise Westen, wisse am besten, was den „primitiven Schwarzen“ gut tut, er findet sich nicht selten in durchaus gut gemeinten Hilfsversuchen wieder. Schlingensief stellt ihn plakativ zur Schau – er hinterfragt aber auch ernsthaft seine eigenen Beweggründe.

Seine Krankheit, der Krebs, dem er schließlich erliegen sollte, spielt dabei eine wichtige Rolle.Immer wieder thematisiert Schlingensief sich selbst, rückt sein Leiden, sein Wollen, seinen Ehrgeiz ins Bild, hinterfragt sich, sucht in seinen Motiven den Schlüssel zu diesem Projekt, auch zu diesem Abend. Will er ein Vermächstnis hinterlassen, ist sein Engagement eine Flucht in die Aktivität, die alles sein kann und nur zufällig im Bau des Operndorfes mündet? Eindeutige Antworten gibt er keine, weil er sie nicht kennt. Und selbst wenn die Intention die richtige ist, sind es die Mittel auch, ist es das Ziel? Oder ist das, was hier entsteht, nicht wieder ein fremdkörper, eine Siedlung europäischer Kultur, vielleicht auch ein Krebs, der das afrikanische Kulturgewebe auffrisst? Natürlich verdammt der Abend das Projekt nicht, er beraubt es eben aber auch nicht seiner Ambivalenz.

Denn am Ende bestimmt hier eben doch der europäische Blick, sind die Afrikaner zwar Mitwirkende, aber im Kontext europäischer Kultur, zu der auch dieser Abend zählt – ebenso wie das Operndorf in Burkina. Das eigene Weltbild, unsere Erwartungshaltung, die können wir ebenso wenig abschütteln, wie es Schlingensief konnte. Aber wir können uns ihrer bewusst werden, etwa, wenn wir uns am Exotischen ergötzen, den afrikanischen Darstellern extra warmen Applaus zollen – das soll uns im Halse stecken bleiben und dem einen oder anderen tut es das auch. Wir können nicht aus unserer Haut, aber wir können zumindest sehen, wie sie aussieht.

Und so gewinnt der Abend in seiner zweiten Hälfte eine beeindruckende Polyphonie, die den Zuschauer zuweilen ratlos, teils auch überfordert zurücklässt. Da bricht sich der afrikanische Blick Bahn, ohne den europäischen verdrängen zu können. Bilder und Stimmen überlagern ein ander, mal gewinnt der eine die Oberhand, mal der andere, mal übertönen sie einander, mal radieren sie sich gegenseitig aus. Ein italienischer Stummfilm wechselt sich ab mit Bildern aus Burkina, Luigi Nonos titelgebende Flüchtlingsoper Intolleranza ist erzählerische Folie und Reibungspunkt, Orientierungshilfe und Abstoßungsfläche, man spricht und spielt mehr gegen- als miteinander und doch offenbart sich gerade in dieser Polyphonie eine Sprache, die eben nicht mehr nur das eine oder das andere ist.

Schlingensief erspart sich und uns die harmonische Auflösung, er schickt uns in das Fegefeuer des Aufeinanderprallens, ohne Airbag. Doch gerade darin keimt so etwas auf wie der gegenseitige Respekt, den die gönnerhafte „Hilfe“ so selten zulässt, ja, den sie, ohne es zu wollen, so oft abwürgt. Der messianische Impetus, der auch Schlingensiefs Operndorf nicht fremd ist, er hat keine Chance in diesem durchaus dissonanten, disharmonischen Vielklang, der vielleicht am ehesten so etwas wie Wahrheit birgt, aber eben keine einfachem keine leicht verständliche, sondern eine, die erkämpft werden will und sich womöglich nie ganz durchschauen lässt.

Das Ende gehört wieder Schlingensief. Minutenlang steht er plötzlich auf der Bühne, als Video nur und doch schmerzhaft präsent. Er steht da und redet sich in einen Rausch der Verletzlichkeit, der Selbstkasteiung, der Selbstverneinung und gleichzeitigen Bejahung seines Tuns. Ein Mensch, der Widerspruch, jener Widerspruch, den wir gerade als Wahrheit erfahren haben. Ein Nachruf auf sich selbst, der auch Herausforderung an uns ist. Keine Katharsis, sondern fortdauernder, gewollter Konflikt. Man kann es auch Leben nennen.

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Ein Gedanke zu „Theatertreffen 2011 – Christoph Schlingensief: Via Intolleranza II, Festspielhaus Afrika gGmbH / Kampnagel, Hamburg / Kunstenfestivaldesarts, Brüssel / Bayerische Staatsoper, München

  1. […] gar heutige Entfremdung des Menschen in der “Leistungsgesellschaft” verhandelte oder Christoph Schlingensief  die Motivation der Hilfe für andere, ärmere Menschen und Länder in Frage stellte – der […]

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