Theatertreffen 2011 – Arthur Miller: Tod eines Handlungsreisenden, Schauspielhaus Zürich (Regie: Stefan Pucher)

Es gibt Momente an diesem Abend, da verschwindet alles: der riesige Bühhnenraum, das Fünfzigerjahre-Interieur, die aufwändige Videotechnik, das vollbesetzte Auditorium. Da ist man plötzlich allein mit dieser Elendsgestalt, diesem Mann, dem wir beim Verschwinden zusehen, bei seiner Auslöschung, die auch eine Selbstauslöschung ist. Da steht er allein im grausamen Scheinwerferlicht, schon unerreichbar fern und doch in dieser Distanz so unausweichlich, unentrinnbar. Da gibt es kein Zurücklehnen, da will man nicht hinsehen und kann doch nicht anders. Wir hängen da mit drin, wir sind Teil des Spiels, das dieser Mann, dieser bereitwillige Mitspieler dabei ist zu verlieren. Kein Mitleid, das erleichtern könnte, nur der unverstellte, nicht abwendbare Blick, auf das, was da geschieht, auf das, wovor wir zu oft die Augen schließen.

Wenn Stefan Pucher inszeniert, ist das fast immer das sprichwörtliche „große Kino“, ein multimediales Spektakel, bei dem zuweilen die Effekte stärker sind als die Substanz. Es sind schwere Geschütze, die er hier auffährt. Nicht eine Bühne hat er Stéphane Laimé bauen lassen, sondern derer sechs. Die Zimmer des Lomanschen Hauses, dazu ein Treppenhaus und ein Bluescreen, davor ein echter Thunderbiurd. Später wird aus den mittleren Zimmern ein Büro und eine Bar, alles im Fünfzigerjahre-Stil, sorgsam und mit sicherem Auge zusammengestellt, eine gutbürgerliche Idylle, deren Fassade nie bröckelt, aber zum Durchscheinen dünn ist. Auch Video spielt wie immer eine wichtige Rolle, diesmal ganz in Schwarz-Weiß. Zunächst wird einfach abgefilmt, später tritt der Bluescreen hinzu und transponiert die Protagonisten in abgefilmte Landschaften, schließlich entstehen elaborierte Collagen.

Das ist in seinen besten Momenten wirkungsvolle Illustration von Willy Lomans Scheinwelt, etwa wenn er in einer Rückblende mit seinen Söhnen im Auto sitz und über imaginierte Straßen fährt, erschöpft sich zu oft aber im reinen Effekt. Das will Kino sein und ist es, lenkt aber ab von dem, was unverwässert und mit brutaler Direktheit auf der Bühne passiert.Weniger wäre, wie so oft bei Pucher, mehr gewesen, ein kleiner Schönheitsfehler an diesem Abend, der sich ansonsten erbarmungslos in Herz, Hirn und Bauch des Zuschauers hineinfrisst.

Denn mit all seiner Fünfzigerjahre-Ästhetik, mit den Schwarz-weiß-Bildern, mit seiner Weigerung, Millers bekanntestes und meistgespieltes Stück unzweifelhaft in die Gegenwart zu setzen, schafft Stefan Pucher eine Heutigkeit, eine Relevanz, die bei einer solchen Übertragung womöglich ausgeblieben wäre. Der Abend ist ein komplexes und faszinierendes Spiel mit der Distanz: Dadurch, dass er eine klare Grenze einzieht zwischen uns und denen, der Gegenwart des Publikums und der Vergangenheit des Geschehens, erlaubt Pucher dem Zuschauer einen unverstellten Blick auf die fundamentale Tragik dieses aus seiner Welt geworfenen, dieses seine Vernichtung Zulassenden und Ermöglichenden, diesen Ausgestoßenen, Schiffbrüchigen, Verlorenen.

Pucher muss Miller nicht übersetzen oder vergegenwärtigen, er tut gut daran, es Autor, Stück und Hauptfigur selbst tun zu lassen. Dieser Hiob des 20. Jahrhunderts, er ist so heutig, wie kaum eine andere Figur der Theatergeschichte. Denn die Welt, die ihn verschlingt, ist auch die unsere, das Spiel, das er selbst spielt und dem er erlaubt, ihn zu besiegen, es wird noch heute gespielt. Millers Drama ist eine Tragödie der Fremdbestimmung und des Sich-Fremdbestimmen-Lassens, ein Panorama der Scheinwelten, ein Kampf gegen die Realität. Seine Figuren sind Realitätsverweigerer, müssen sie sein, um zu überleben, oder zumindest glauben sie das.

Puchers Willy ist ein solcher und er geht daran zugrunde. Er ist ein gehetztes und verwundetes Tier, das immer wieder ausschlägt und andere zu verletzen sucht. Wie ein panisches Tier versucht er dem Scheinwerferkegel zu entrinnen und kann es nicht. Dieser Loman ist kein Choleriker, er ist ein Angeschlagener, dessen letzte Waffe, Gewalt und Verletzung sind. Robert Hunger-Bühler spielt ihn mit einer kompromisslosen Brutalität und Abgeschlossenheit, die Distanz erzeugen soll und dies auch tun. nein, mit diesem Mann können wir kein Mitleid haben und doch trifft uns sein Schicksal mit einer kaum auszuhaltenden Wucht. Pucher betont das Exemplarische und Universale dieser Figur nicht, er lässt sie seinen Hauptdarsteller einfach spielen, reduziert auf das wesentlicher, den Kern, ohne sentimentalen Zuckerguss, ohne Einladung zur Einfühlung.

Es ist das Paradox dieses Abends: Nähe zu schaffen durch Distanz. Das gilt für Willy und es gilt für die anderen Figuren, allen voran Biff, gespielt von Sean McDonagh. Auch er ein Deformierter, Gezeichneter, der seine Figur zu Beginn bewusst karikiert. Das Authentischseinwollende seines Gegenentwurfs zum Vater – auch das ist nur Pose, nur Schein. Und doch erlaubt auch Pucher seinem Biff am ende den Strohhalm der Hoffnung, dünn und zerbrechlich, aber er hat die Tür zur Ichwerdung zaghaft geöffnet und blickt durch den Spalt.

Stefan Pucher gelingt mit dieser Miller-Inszenierung ein bemerkenswertes Kunststück: Konservativ in der Erzählweise gelingt es ihm und seinem Ensemble eine Distanz zu schaffen, die das Fundamentale dieses Stücks, dieses exemplarischen Schicksals unserer Zeit hinter dem Vorhang hervortreten lässt und dem Zuschauer ohne Erbarmen in Gesicht schleudert. Es ist gerade die Distanz, die Verweigerung eindeutiger Vergegenwärtigung, das Unmöglichmachen des Einfühlens, die uns nicht entrinnen lassen, die uns zur Auseinandersetzung zwingt. Das multimediale Brimborium ist zuweilen etwas dick aufgetragen, aber es lenkt nie ab. Nie war Miller so nah an der antiken Tragädie wie an diesem wahrlich bemerkenswerten Abend.

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Ein Gedanke zu „Theatertreffen 2011 – Arthur Miller: Tod eines Handlungsreisenden, Schauspielhaus Zürich (Regie: Stefan Pucher)

  1. […] fand, Karin Beier die Ausbeutung der Natur mit der des Menschen in Verbindung setzte, ob Stefan Pucher in Willy Loman die ganz und gar heutige Entfremdung des Menschen in der […]

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