Theatertreffen 2011 – Henrik Ibsen: Nora oder Ein Puppenhaus, Theater Oberhausen (Regie: Herbert Fritsch)

Ein Püppchen ist sie, diese Nora, wie sie dasteht mit den schrillen buschigen roten Haaren, dem Kleinmädchen-Ballettkleid, grell geschminkt, mit weit aufgerissenen Augen und eingefrorenem Lächeln. Eine Puppe, ein Kunstobjekt, ein Objekt der Begierde, dies vor allem. Die Männer sind zerrissene, abgehalfterte, lüsterne leichenblasse Männlein, die Nora zur Projektionsfläche ihrer Lüste, Ängste, Machtphantasien machen. Diese Nora ist kein Emanzipationsdrama, keine Unabhängigkeitserklärung einer erniedrigten Frau. Wo Ibsen gesellschaftliche Zwänge in den Fokus rückt, wo seine Männer sich von der Gesellschaft und nicht selten in vorauseilendem Gehorsam menschlich und emotional missgestalten lassen, da gräbt Herbert Fritsch das Fundament aus. Grundlegende Beziehungsgeflechte sind es, die er ausbreitet und seziert, primitive Gefühle und Begierden, das Skelett von Ibsens Gesellschaftstragödie, wenn man so will.

Fritsch wirft allen Realismus ab, hier ist alles künstlich. Figuren, Mimik, Gestik, Sprache. Karikaturen, Zerrbilder sind seine Figuren, wie schon in seinem nicht unumstrittenen Schweriner Biberpelz. Doch fehlt ihnen hier jegliche Vitalität. Sie sind nicht nur totenblass geschminkt, sie bewegen sich auch wie Geister durch die gespenstische Szenerie seiner kahlen Bühne. Ein gold- und silberglänzendes Quadrat als Speilfläche, ein grellgrüner Plastikweihnachtsbaum, sonst in alles schwarz. Die Füguren kommen aus dem Dunkel, langsam, wie Gespenster, Zombies aus einem Horrorfilm. Allen voran Frau Linde im hochgeschlossenen schwarzen Kleid, eine Art Schicksalsgöttin, oder eher ein rächender Dämon?

Herbert Fritschs Nora ist Horrorthriller und Märchen, Groteske und Parodie. Hitchcock meets Freud, hat es ein Kritiker genannt – das stimmt und tut es auch nicht. Denn Fritsch ist weniger an einer Tiefenanalyse interessiert als an einer Ausstellung. Freud taugt ihm dabei ebenso als Zitat wie Hitchcock, der in der dräuenden Musik (am Ende kommt das Psycho-Motiv zu eindrucksvollen Ehren) ebenso präsent ist wie in dem betonten (und stark überzeichnenten) Mysteriösen der Figuren. Der Dreh: Sie sind natürlich alles andere als mysteriös, sondern erschreckend einfach, egoistische, triebgesteuerte Maschinen, auf den eigenen Vorteil bedacht.

Das Sexuelle ist dabei, ganz mit Freud, immer präsent, als Unterdrückungs-, Unterwerfungs- und Erniedrigungsmittel. Jeder darf mal unter Noras Rock schauend, unter ihr liegend, den Rock lüftend und in ihm verschwindend. Es dominieren Gesten der Unterwerfung und Kontrolle: Da wird an den Figuren gezerrt, werden sie zu Boden gerissen, entspinnen sich Kämpfe um sie .Hier geht es nicht um lustvolle Erfüllung, sondern um Triebbefriedigung, vor allem aber um Dominanz. Und so ist das Sexuelle immer gepaart mit Gewalt, wird Nora wiederholt geschlagen, drückt eine Figur die andere zu Boden.

Liebe kann in dieser Welt nur in der Parodie bestehen. So gelingt Fritsch eine atemberaubende Szene, wenn Krogstad und Linde, zunächst noch aus purer Berechnung letzterer, zusammenkommen und einander ihre Liebe gestehen. Da wird geschmachtet, als gäbe es kein Morgen, das Pathos daumendick aufgetragen, entsteht ein Pas de deux einstudierter Hollywood-Bewegungen und -Gesten, dass Scarlett O’Hara und Rhett Butler neidisch würden. Fritsch stellt hier einfach unsere konventionelle Vorstellung von Liebe und Zuneigung auf die Bühne, grell geschminkt und bis zur Kenntlichkeit entstellt. Nichts ist hier echt, „echt“ gibt es nicht in dieser Scheinwelt, in diesem Zirkus der Triebe. Authentizität ist nichts als eine Rolle und da ist Fritsch schon wieder ganz nah bei Ibsen.

Nicht jedoch in Bezug auf Nora. Diese ist bei Ibsen noch Gegenentwurf. Zu Beginn noch gefangen im Kerker der Gesellschaft, beschreibt Ibsen ihre Menschwerdung, die letztlich zu ihrem Ausbruch führt. Das liegt Herbert Fritsch Fremd, Unabhängigkeit ist hier von vornherein ausgeschlossen. Dabei gesteht er Nora durchaus eine Entwicklung zu: Ist sie am Anfang noch ganz Objekt und Projektionsfläche, wird sie bald selbst zur Akteurin, zur Agentin des Spiels der Begierden, der Machtkämpfe der Unterwerfungsrituale. Wird sie zunächst zur Puppe gemacht – und auch mehrfach wie eine solche über die Bühne getragen, nimmt sie diese Rolle später aktiv an und schlägt aus ihr Kapital.

Wenn sie am Schluss ausbricht, geschieht das weniger aus Unabhängigkeitsdrang als aus Langeweile. Und es ist auch kein wirklicher Ausbruch: Sie verlässt lediglich die Thrillerwelt und tritt in ein Märchen über. Dann steht sie da, im Scheinwerferkegel, und ist Goldmarie das Glückskind, jenseits jeglicher Individualität, ganz Lustprinzip. Und ganz Puppe. „Nora, Nora…“ seufzen die anderen, die „Erwachsenen“ von der Bühnendecke. Sie haben ihre Puppe, ihr Kunst- und Lustobjekt zurück. Alles ist wieder gut.

Am Ende bleibt eine komplett entpsychologisierte Nora. Statt Realismus Horrortrash und süßliche Märchenromantik, statt Emanzipationsdrama gleißende Gesellschaftsparodie, statt Menschlichkeit primitive Begierden und Triebe. Fritschs Nora ist ein greller Zirkus des Voremanzipatorischen, des Egoismus, eine Ausstellung zwischenmenschlicher und gesellschaftlicher Mechanismen und Beziehungsgeflechte in Rohform, ohne mildernde Umstände. Das, was in der „realen Welt“ hinter Fassaden, Masken, schönen Vorhängen verborgen ist, hier tritt es unverstellt zu Tage. Fritsch reduziert Ibsens Drama zum Skelett, aber er zerschlägt es nicht. Nur findet er auf dieser Ebene eben keine Basis mehr für Ibsens finalen, wenn auch verhaltenen Optimismus. Eine gegen den Strich gebürstete Nora, der man nicht zustimmen muss. Aber es lohnt, sich ihr zu stellen.

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2 Gedanken zu „Theatertreffen 2011 – Henrik Ibsen: Nora oder Ein Puppenhaus, Theater Oberhausen (Regie: Herbert Fritsch)

  1. […] (Der Biberpelz) oder zwischenmenschliche, zum Teil auch Konflikte innerhalb des Menschen (Nora). Wenn das Theatertreffen mal kurzzeitig ins Stocken geriet wie bei Karin Henkels einfallslosem […]

  2. […] gewisser Weise ist Die spanische Fliege Herbert Fritschs Meisterprüfung als Regisseur. Nora oder den Biberpelz neu zu interpretieren ist das eine – was er jedoch aus diesem eher […]

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