Theatertreffen 2011 – Friedrich Schiller: Don Carlos, Staatsschauspiel Dresden (Regie: Roger Vontobel)

Es sind einsame Menschen, die Roger Vontobel in seinem Dresdner Don Carlos auf die Bühne schickt, fast zwingt, widerwillig, sie wollen dieses Drama nicht spielen und haben doch keine Wahl. Immer wieder stehen sie allein auf der Bühne, gibt es Interaktion, dann selten in mehr als Zweiergruppen. dann stehen sie neben einander, würdigen sich kaum eines Blickes, weichen voreinander zurück, einander aus, wenden sich ab, versuchen zu fliehen, weisen den anderen brüsk zurück. Es ist einzig die Titelfigur, die immer wieder auf andere zugeht, Nähe sucht, wiederherstellen will, und doch jedes Mal zurückgewiesen wird. Wenn ihm Nähe angetragen wird, wie von seinem einzigen Freund, dem Marquis von Posa, windet er sich jedoch wie alle anderen. Erst ganz am Ende hat er Erfolg, gehen zwei auf einander zu. Er wird das mit seinem Leben bezahlen.

Dabei bedeutet Einsamkeit keineswegs Alleinsein. Im ersten Akt, da bedeckt ein weißes Tuch die Bühnenrückseite, erscheinen immer wieder geisterhafte Figuren hinter dem Stoff, unbemerkt von den gerade agierenden. Nichts bleibt verborgen, nichts ist privat. Später fällt der Stoff und noch immer sind da die anderen. Die Bediensteten drängen sich wie eine Spitzelparade in die privatesten Gespräche, lauschen, machen Notizen, drängen immer näher. Oder sie bleiben auf Distanz und sind doch immer präsent, mit ihrem Tuscheln, ihren nie versteckten Blicken.

Auch Magda Willis Bühne spielt mit. Wenn der Schleier fällt, enthüllt er eine harte, klare, dunkel-abweisende Kulisse, starre, rechteckige Säulen, unterbrochen von Türen. Diese sind meist geschlossen, werden jedoch eins ums andere Mal plötzlich geöffnet, alle auf einmal. Das ist nicht das Licht der Freiheit, das dann in dieses beengende Verlies strömt, es ist mehr Gewalt, Macht, Fremdbestimmung. Fast immer ist das mit Gewalt verbunden, zuletzt, wenn Philipp auf seiner Ummauerung ausbricht, seinen Sohn an der Schwelle der Freiheit trifft und diesen tötet.

Vontobels ist ein pessimistischer Don Carlos, kein idealistischer, zumindest nicht das, was wir uns gemeinhin unter Schillers Idealismus vorstellen.. Und doch nimmt er nur auf, was bei Schiller schon vorhanden ist, hinterfragt es von heute her, und findet es bestätigt. Schillers Stück ist ein Diskurs über Macht, es ist ein Familiendrama und es verhandelt dezidiert politische Themen. Es geht um Altes gegen Neues, Tyrannei und Freiheit. Es ist dieser Aspekt, der bei Vontobel sie geringste Rolle spielt. Sein Carlos ist ein Drama der Politik, kein politisches Drama. Und es ist ein Stück über Menschen, über die Deformationen der Macht.

Man kann es auch ein Politikerdrama nennen, denn Politiker sind sie alle. Sie schen Macht und wollen sie, einmal errungen, festhalten. Handlungen sind immer politische, um das Schicksal des bedrängten Flanderns geht es niemandem wirklich. Auch nicht Posa, den Vontobel erheblich zwiespältiger zeichnet als Schiller. Dieser Posa (Matthias Reichwald) findet spürbar Gefallen an Macht und Einfluss, inszeniert seine Intrige als lustvolles Spiel, gefällt sich in der Rolle des ehrlichen Manns , des Politikverweigerers, und spielt doch das gleiche Spiel wie alle.

Es ist eine Welt voller Egoisten, jeder ist vor allem auf das eigene Wohl bedacht, privat wie politisch. Die vermeintliche Sache, um die es geht, die Unterdrückung Flanderns im Speziellen und die menschliche Freiheit im Allgemeinen, sie sind nichts weiter als Nebensachen, Instrumente, Spielbälle der Machthungrigen und Selbstgefälligen. Dabei dämonisiert Vontobel seine Figuren ebenso wenig, wie er sie plakativ karikaturisiert. Hinter den Masken verbergen sich Menschen. Der Carlos Christian Friedels ist unreif, mit sich selbst beschäftigt und weiß doch um seine Schwächen. Wenn er sich überzeugen lässt, den Unterdrückten zur Hilfe zu kommen, dann hat das mit seiner Sehnsucht nach Anerkennung, vor allem durch seinen Vater, zu tun, es ist aber nicht alles.

Vontobels lässt, wie auf seiner Bühne, immer eine Hintertür offen, im Weiß wie im Schwarz ist immer ein wenig Grau. Auch beim Philipp Burghard Klaußners. Die Macht hat ihn fest im Griff, die Angst vor ihrem Verlust bestimmt sein Handeln und zunehmend auch sein Denken. Und doch ist auch hier mehr: Immer wieder scheint, ganz sachte zumeist, der Vater durch, der Mensch, der seinen Sohn achten und lieben will, dessen Zurückweisung auch immer ein Stück Selbstschutz ist. Wenn er sich am Ende gegen Carlos entscheidet, dann auch aus einem Gefühl der Verantwortung gegenüber dem ihm anvertrauten Reich heraus, nicht nur aus Machtdrang.

Vontobel zeigt Menschen mit all ihren Schwächen, denn natürlich ust auch der dem Selbsterhaltungstrieb entspringende Egoismus zutiefst menschlich. Auch positive Gefühle sind ihnen nicht fremd, Liebe ist mehr als nur Fassade. Doch es sind eben Deformierte, gezeichnet von der Macht, dem Streben nach ihr, der Angst vor ihrem Verlust, auch dem gesellschaftlichen Druck, bedeutend zu sein, etwas darstellen zu müssen. Das Private und das Gesellschaftliche sind im Krieg – gerade hier liegt die Modernität von Stück und Inszenierung.

Roger Vontobel gelingt hier ein erstaunlicher Balanceakt. Sein Theater ist ein geradlinig erzählendes, in gewisser Weise konservatives. Er ist vielleicht der letzte große Psychologe unter den deutschen Theaterregisseuren. Und doch ist gerade dieser Carlos so heutig, denn er verhandelt gegenwärtige Konflikte und Grenzen, mit denen ein jeder heute zu kämpfen hat. Traditionelle Form und zutiefst gegenwärtiger, für das Jetzt und Hier relevanter Inhalt – bei Vontobel gehen sie eine natürlich erscheinende Symbiose ein, die im deutschen Theatergeschehen derzeit ihresgleichen sucht.

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Ein Gedanke zu „Theatertreffen 2011 – Friedrich Schiller: Don Carlos, Staatsschauspiel Dresden (Regie: Roger Vontobel)

  1. […] Dabei reichte das ästhetische Spektrum von der abgedrehten Comic-Ästhetik Herbert Fritschs bis zu Vontobels elegant psychologisierendem Schiller,von Karin Beiers keine Mittel auslassenden Jelinek-Kraftakt bis zum hartem Wirklichkeitstheater des […]

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