Theatertreffen 2011 – She She Pop: Testament, Hebbel am Ufer, Berlin / Kampnagel, Hamburg / FFT, Düsseldorf

Testament, ein Wort wie ein Grabstein, unverrückbar, sperrig, abweisend, final. Ein strenger, harter, einschüchternder Titel. „Verspätete Vorbereitungen zum Generationswechsel nach Lear“ lautet der Untertitel des Abends, den die Theatergruppe She She Pop gemeinsam mit ihren Vätern erarbeitet haben, durchlässiger, Interpretationen erlaubend, Spiel zulassend. Um Shakespeares tragischen, am verfehlten Generationswechsel gescheiterten, alternden König geht es, aber natürlich ist er nur der Aufhänger, der Katalysator und Reibungspunkt eines zutiefst heutigen Stücks Theater. Auch ein Fluchtpunkt, zu dem man sich zurückziehen kann, wenn es zu persönlich wird, zu tief geht, zu schmerzhaft wird, oder wenn es schlicht einmal nicht weitergeht.

Das komplexe Beziehungsgeflecht zwischen den Generationen ist das Spiel- und zuweilen auch Schlachtfeld, die Diskussionsgrundlage, das Objekt der Analyse. Die Analysierenden, oft genug selbst zum Objekt werdend: Väter und ihre Kinder. Die Kinder, Mitglieder von She She Pop, haben die Bühne für sich, ein nachempfundenes Wohnzimmer, die Väter sitzen zumeist am Rand, in großen Sesseln, ihre Gesichter in Großaufnahmen in Bilderrahmen auf die Rückwand projiziert.

Warum, so der Ausgangspunkt, ist Lears Versuch der Staffelübergabe gescheitert, musste er scheitern, was ist schief gelaufen. Manfred Matzke, Physiker im Ruhestand und einer der drei Väter, erklärt es anhand einer selbst entwickelten mathematischen Formel. Das ist höchst komisch und birgt zugleich einen wahren Kern. Lear, so das Fazit, hätte nicht alles gleich vererben dürfen. Hätte er sein Vermögen, seine Macht über längere Zeit tröpfchenweise übertragen, hätte die Zuneigung der Töchter länger angehalten.

Denn es ist, so erfahren wir gleich zu Beginn, ein Tauschgeschäft, um das beim Diskurs der Generationen geht. Geld gegen Liebe, das wusste schon Lear, und doch ist es natürlich so einfach nicht. Das musste Shakespeares greiser König erfahren, der seine Lieblingstochter verjagt, weil sie das durchschaubare Spiel nicht mitspielt. Geld gegen Liebe, das geht eben am Ende doch nicht gut.

Ein Generationswechsel, das lernen wir von Shakespeare, muss gut vorbereitet sein, also bereitet man vor. Das Projekt: Die offenen, ungeklärten Themen an- und sich aussprechen, damit später, wenn es darauf ankommt, nichts in die Quere kommt. Eine Liste wird gemacht, voller Ansprüche, Unverstandenem, In- sich-Hineingefressenen, Vorwürfen auch. Das bleibt im Satirisch-Komischen, denn es kratzt nur die Oberfläche. Jedes zu klärende Thema ist gleichzeitig ein Panzer, ein Ablenkungsmanöver, dass die wahren Themen, die echten Verletzungen abschirmt. So wie eine physikalische Formel dem Generationenkonflikt, der weniger zu lösender Konflikt als zu überbrückende Kluft ist, nicht beikommen kann, gelingt dies auch mit einer Checkliste nicht.

Der erste Teil parodiert durchaus ernst- und wohlmeinende Versuche, der Staffelstabweitergabe von Generation zu Generation beizukommen. Ob Formel oder strukturierte Aussprache: Ein rein rationaler Ansatz führt nicht weit, produziert Leerstellen, die sich in Stille niederschlagen – oder in Verweigerung. Besonders starke Momente hat diese erste Hälfte, wenn Gespräche aus der Probenphase nachgespielt werden, wenn die Konflikte sich scheu andeuten, zwischen der Forschheit der Theaterleute und den Zweifeln der Väter. Hier gehört die Jugend noch klar auf die Seite der Effizienz, der Rationalität – und doch bleiben die emotionaleren, von klar definierten Werten getriebenen Väter nicht ohne Wirkung. Etwas bewegt sich und es ist noch unklar, in welche Richtung das kippen wird.

Die Jungen, das sind zunächst die Fordernden, die den Generationenvertrag aufkündigen oder zumindest neu verhandeln wollenden, ganz wie bei Lear. Doch die Väter wollen keine Lears sein. Lear ohne Streit geht nicht, sagt einer, und er wolle keinen Streit. Je länger der Abend dauert, desto ernsthafter wird die Beschäftigung mit dem Thema, desto mehr geht das an die Substanz, desto öfter ersetzt die ernste Auseinandersetzung die ironisch-paodistische Brechung. Deutlich wird das in den Szenen des ritualisierten Generationswechsels: Das beginnt als Parodie. Immer wieder unterbrechen die Väter die „Zeremonie“ mit neuen Fragen und Diskussionsanregungen, bevor einem der Kinder die Geduld reißt. Das Ritual besteht dann in einem Squaredance zu Dolly Parton, an dessen Ende der vollzogene Generationswechsel erklärt wird.

Später, man hat sich zu den harten, an die Substanz gehenden Themen wie der Pflege, dem Kontrollverlust über das eigene Leben, den Verlust der Unabhängigkeit und Selbstbestimmung vorgekämpft, man hat das Unbehagen der Väter mit der Arbeit der Kinder thematisiert, da wird der Wechsel nochmal verzogen, ernsthafter diesmal, ehrlicher. Es ist eine dreifache Entblößungsszene, an deren Ende die Kinder die Kleidung der Väter tragen und diese in Unterwäsce dastehen. Das ist schmerzvoll und muss es sein, denn es zeigt: Die Beziehung der Generationen, das Verhältnis von Kindern und Vätern es ist eben kein Spiel, keine hübsche Choreographie, es ist ein Aneignungs- und Abstoßungsprozess, der, will er an den Kern, von beiden fordert sich zu entblößen voreinander. Ein stilles, starkes Bild.

Und noch eines: Einer nach dem anderen legen die Väter ihre Lieblingsplatte auf, setzen sich neben Sohn oder Tochter und hören gemeinsam. Was in dieser Bewegungslosigkeit in den Gesichter passiert, wie ganz langsam und zum Teil kaum merklich die Masken abfallen und sich ein zunächst widerwilliges Lächeln Bahn bricht, geht unter die Haut. es ist eine Nähe, die keiner Worte bedarf und diese vielleicht gar nicht vertrüge.

She She Pop spielen virtuos mit dem Wechsel zwischen Nähe und Distanz. Das Parodistische, auch die wiederholte Rückkehr zu Lear bieten Momente des Innehaltens, der Perspektiverweiterung, des objektiven, sachlichen Blicks, bevor es wieder in das schwer durchschaubare Dickicht menschlicher Beziehungen zurückgeht, in Vorwürfe und Vorurteile, Forderungen und Unverständnis, Schmerz und Zuneigung. Am Ende ist nicht eitel Sonnenschein, aber der Krieg ist ausgeblieben. Es braucht ihn nicht, ihn zu vermeiden heißt nicht, sich Konflikten nicht zu stellen. Es bleibt ein außergewöhnlicher Theateraben,der nie behauptet, tief ins Private zu gehen, dadurch nicht exhibitionistisch wirkt und trotzdem die harten Fragen nicht verleugnet oder vermeidet. Testament zeigt, was Gegenwartstheater sein kann und viel öfter sein sollte.

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2 Gedanken zu „Theatertreffen 2011 – She She Pop: Testament, Hebbel am Ufer, Berlin / Kampnagel, Hamburg / FFT, Düsseldorf

  1. […] war die Realität so nahe: So stellten She she Pop ihre eigenen Väter auf die Bühne, um den Generationskonflikt zu verhandeln. Doch auch sonst ging […]

  2. […] ja She She Pops Beitrag zur Debatte über die Frauenquote. Nachdem sie vor vier Jahren in Testament ihre Väter auf die Bühne gebracht und damit Kritiker wie Publikum begeistert haben, sind jetzt […]

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