Hier wird’s Ereignis

Theatertreffen 2012 – Johann Wolfgang von Goethe: Faust I + II, Thalia Theater Hamburg / Salzburger Festspiele (Regie: Nicolas Stemann)

Von Sascha Krieger

Der Text ist der Star: Im Theater des Nicolas Stemann, dieses vielleicht letzten bekennenden Postdramatikers, ist der dramatische Text befreit von seiner Funktion als Vehikel, als bloßes Instrument im Dienste einer Geschichte, einer Interpretation, eines Sinns. Hier geht es um den Text  selbst, spielt er die Hauptrolle, wird er hinterfragt und verworfen, getestet, perspektivisch gebrochen, in seine Einzelteile zerlegt, darf er für und durch sich selbst sprechen. Im Idealfall erscheint er in seiner reinen Form, befreit vom Ballast überkommener Deutungen und kann aus sich heraus Bedeutung entwickeln. Ob Jelinek oder Schiller: Wenn sie funktioniert führt Stemanns Textarbeit zu einem Theater, das intellektuelle ebenso öffnet wie theatrale, in dem das Postdramatische dem Dramatischen die Tür aufhält. Nun also der Faust, der ganze natürlich, nicht als bleischwere Klassikerverehrung wie einst bei Peter Stein, sondern als Arbeit am Text, dem allzu bekannten des ersten Teils wie dem unspielbaren des zweiten. Wenn einer den Faust II bewältigen kann, dann Stemann, der Texte nicht spielt, sondern sie les-, sicht-, hör- und erfahrbar macht. Ein wahrer Faust-Marathon mit zwiespältigem Ergebnis.

Theatertreffen 2012

Foto: Sascha Krieger

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Trauma mit Knallchargen

Theatertreffen 2012 – William Shakespeare: Macbeth, Münchner Kammerspiele (Regie: Karin Henkel)

Von Sascha Krieger

Man könnte es kurz – und sich als Rezensent leicht – machen. Das klänge dann in etwa so: Karin Henkels Münchner Macbeth wirft allerlei hübsche Regieeinfälle zusammen, mischt die im Stück angelegte Gender-Problematik (ein weiblicher Macbeth!) mit einer passend relevanten Kriegsheimkehrergeschichte, bricht das Ganze noch ein bisschen ironisch – schließlich sind wir in Sachen Heldenverehrung und Geschlechterrollen heute viel weiter – kürzt das blutrünstige Stück auf massenkompatible zwei Stunden und voilà: Schon haben wir einen zuschauerfreundlichen Macbeth, der schön anspruchsvoll ist und keinem richtig wehtut. Natürlich greift das zu kurz und  ist doch leider dem Abend nicht vollkommen unangemessen. Man darf davon ausgehen, dass Henkel, die schon auf dem letzten Theatertreffen mit einem recht uninspirierten Kirschgarten weitgehend  langweilte, einiges vorhatte mit dem “schottischen Stück”. Nur kam dabei wenig mehr heraus als ein zerfahrener, Stückwerk bleibender Abend mit vielen Ansätzen, die in die Leere laufen und sich zum Teil gegenseitig negieren. Man darf den Kammerspielen gern zu den beiden Einladungen nach Berlin gratulieren, so recht nachzuvollziehen ist jedoch keine der beiden.

Macbeth Muenchner Kammerspiele

Jana Schulz als Macbeth (Foto: Julian Röder)

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Arena der Finsternis

Theatertreffen 2012 – Sarah Kane: Gesäubert / Gier / 4.48 Psychose, Münchner Kammerspiele (Regie: Johan Simons)

Von Sascha Krieger

Vielleicht ist das ja der neue Stil des Theatertreffens, des ersten der Ära Oberender bei den Berliner Festspielen. Thomas Oberender ist ein zurückhaltender Mann, der das, was er tut, sehr viel ernster nimmt als sich selbst. Und einer, der sich nicht scheut, die Realität zuzulassen in seinen Festspielen. Und so werden die Eröffnungsgäste von Studenten der Ernst-Busch-Hochschule begrüßt, die lautstark gegen die derzeit von der Koalition in Berlin in Frage gestellten Neubaupläne für ihre Einrichtung protestieren. Einer von ihnen, Nils Strunk, darf dann auch als erster Redner seinen Appell an das Publikum richten. Gleich nach ihm spricht auch Oberender die prekäre Situation vieler Theater an und fordert: “Wir brauchen jenseits der Spardebatte auch eine Diskussion über Visionen und Ideen”. Da ist es ein wichtiges Signal, dass Kulturstaatsminister Bernd Neumann sagt: “In einer Zeit zunehmender Orientierungslosigkeit wäre es töricht, Kultureinrichtungen zu schließen.” Und er beantwortet die Frage, ob wir alle öffentlich finanzierten Theater in Deutschland auch wirklich brauchen: “Ja, ja, und nochmals ja. Wir brauchen sie alle!” Eine deutliche Aussage, aber das mit den Worten und den ihnen folgen müssenden Taten ist ja hinlänglich bekannt.

Sarah Kane Johan Simons

Marc Benjamin und Sylvana Krappatsch (Foto: Julian Röder)

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Lost in Translation

Die Bloggerkonferenz re:publica 2012 diskutiert über Film und Theater in der digitalen Welt

Von Sascha Krieger

Es ist erst die fünfte ihrer Art, aber in der kurzen Zeit ihres Bestehens hat sich die re.publica von einer kleinen aber feinen Bloggerkonferenz zur wichtigsten Veranstaltung rund um Internet, digitale Welt und Gesellschaft gemausert. Vom 2. bis 4. Mai 2012 geben sich in Berlin Blogger, Medienleute, Internetexperten und -nutzer aller Art und viele mehr die Klinke in die Hand. Kaum ein Thema, bei dem sich irgendeine Beziehung um Internet oder der digitalen Welt herstellen lässt, das hier nicht vorkommt. Und so standen am zweiten Konferenztag auch die Themen Theater und Film im Rahmen zweier Vorträge. Mit wechselndem Erfolg: Während sich der Film in der schönen neuen Welt des digitalen Zeitalters auszubreiten scheint, hinterließ das Thema in Bezug auf das Theater in Berlin vor allem eines: Ratlosigkeit.

re:publica 2012

Regie-Theater Bashing 2.0 (Foto: Sascha Krieger)

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The real Marilyn?

Film review:  (Director: Simon Curtis)

By Sascha Krieger

In 1957, Colin Clark was a young university graduate from a wealthy family who dreamed of being a film maker when he joined the crew that was to make The Prince and the Showgirl, a light comedy soon to be forgotten which, however, starred one of the oddest couples in film history: Sir Laurence Olivier (who also directed) and Marilyn Monroe. Or as Clark (played by a boyish Eddie Redmayne with dreamy love-stricken eyes) puts it in the film: a great actor who wants to be a star and a star who wants to be a great actress. My Week with Marilyn tells the story of the making of this film and is based on Clark’s diaries in which he alleges a short-lived affair with the Hollywood star.

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Ein Festival kommt selten allein

Wenn am  21. Mai das Berliner Theatertreffen endet, beginnt damit erst ein wahrer Theaterfestival-Marathon in Berlin, der es in sich hat. Fast könnte man meinen, dass sich gerade die Häuser, die (zum wiederholten Mal) keine Einladung zum Theatertreffen erhalten haben, besonders ins Zeug legen, um zu beweisen, dass hier, wenn es ums Theater geht, immer noch die sprichwörtliche Musik spielt. Den Anfang machen dürden aber erst einmal die Berliner Festspiele selbst. Traditionell gehört die Woche nach dem Theatertreffen den Jugendlichen: Vom 25. Mai bis 2. Juni findet dort, wo gerade erst die “Großen” gefeiert wurden, das Theatertreffen der Jugend statt. Acht Gruppen – Jugendensembles von Theatern, Theaterjugendclubs, Schulen – wurden ausgewählt, ihre Produktionen zu präsentieren, an Workshops teilzunehmen und einander kennen zu lernen. Im vergangenen Jahr erst zog das Festival von der Wabe im Prenzlauer Berg um an die Schaperstraße – doch schon im ersten Jahr war zu sehen, wie die jugendlichen Theatermacher das neue Domizil zu dem ihren machten. Acht spannende und sicherlich auch überraschende Tage sind auch in diesem Jahr zu erwarten. Hingehen lohnt sich!

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“Die Berlinale des Theaters”

Das Theatertreffen unter neuer Leitung: Yvonne Büdenhölzer über den aktuellen Jahrgang und die Zukunft des wichtigsten deutschsprachigen Theaterfestivals

Von Sascha Krieger

Wenn am 5. Mai 2012  das 49. Berliner Theatertreffen beginnt, wird einiges anders sein als im Vorjahr: Seit Januar haben nicht nur die Berliner Festspiele eine neue Leitung, sondern auch das Theatertreffen. Yvonne Büdenhölzer steht vor ihrer Premiere als Leiterin des bedeutendsten der mittlerweile zahlreichen deutschen Theaterfestivals. Und auch die Heimstätte des Theatertreffens erstrahlt in neuem Glanz: Wo im vergangenen Jahr noch Baustellencharme herrschte, ist nun alles bereitet für eine Veranstaltung, die alles sein will: Publikumsfestival, Branchentreffen und Talentecampus. Kleine Brötchen werden woanders gebacken, der Anspruch, den die Macher an das Flaggschiff der deutschsprachigen Theaterfestival stellen, ist gänzlich unbescheiden: “Das, was die Berlinale für den Film ist, ist das Theatertreffen für das Theater”, so Büdenhölzer. Dabei kommt ihm nach dem Willen seiner Leiterin auch eine wichtige Marketingaufgabe für das deutschsprachige Theater zu: So wie die Berlinale das Kulturleben der Stadt für zehn Tage im Februar auf den Film lenkt und damit auch weit über Berlin hinaus wirkt, soll das Theatertreffen den Blick der Öffentlichkeit aufs Theater richten.

Yvonne Buedenhoelzer

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“Variationen des Banalen”

Max Frisch: Biografie: Ein Spiel, Deutsches Theater Berlin/Kammerspiele (Regie: Bastian Kraft)

Von Sascha Krieger

“Wo, Herr Kürmann, möchten Sie anfangen, um Ihre Biografie zu ändern?” In diesem Satz liegt bereits der Kern von Max Frischs Biografie: Ein Spiel, entstanden nach seinen bis heute populärsten Dramen Andorra und Biedermann und die Brandstifter. In Biografie bewegt sich Frisch weg vom Parabelhaften hin zu einem Experiment, einer Versuchsanordnung, ohne dabei in irgendeiner Weise experimentelles Theater zu versuchen. Im Mittelpunkt steht der Verhaltensforscher Hannes Kürmann, dem die Möglischkeit gegeben wird, in einer Art Spiel Schlüsselszenen seines Lebens zu wiederholen und durch veränderte Verhaltensweisen Teiles einer Biografie zu ändern. Ein durchaus spannender Gedanke, den aber Frisch selbst schon von Beginn an einengt. Diskutieren Stücke wie Andorra, Biedermann oder auch das viel zu selten gespielte Don Juan oder die Liebe zur Geometrie existenzielle Menschheitsfragen, finden diese hier nur als Fußnote, bestenfalls als Hintergrundrauschen statt. Ob das leben vom Schicksal oder dem freien Willen bestimmt wird, ob eine Lebensgeschichte in sich einen Sinn hat und überhaupt haben kann oder ob ihr dieser nachträglich zur Rechtfertigung der Biografie aufgedrückt wird, werden zwar im Text gestellt, allzu ernsthaft diskutieren will er diese jedoch nicht. Zu banal ist das, worum es geht, jenes Schlüsselereignis, das Kürmann ändern will: die Bekanntschaft mit seiner zweiten Frau Antoinette, die ihn schmerzt, weil sie ihn betrogen hat. Die Waage neigt sich schon bei Frisch deutlich zugunsten des Privaten, in Bastian Krafts Berliner Inszenierung interessieren nurmehr  die Szenen einer Ehe, die mit großer Leichtigkeit und Eleganz, aber eben auch unter Verzicht auf jeglichen Tiefgang durchgespielt werden. Das ist durchaus vergnüglich, auch durch die exzellente Darsteller, aber auch ein wenig belanglos.

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Ein Abend, ein Wort

Dieter Roth: Murmel Murmel, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: Herbert Fritsch)

Von Sascha Krieger

Herbert Fritsch ist ein Phänomen: Vor zwei Jahren konnte sich vielleicht noch der eine oder andere an den langjährigen Volksbühnen-Schauspieler erinnern, ganz Eingeweihte hatten vielleicht gehört, dass er mittlerweile in der “Provinz” Regie führte. Zwei Jahre und drei Theatertreffen-Einladungen später ist der 61-Jährige der neue Regiestar des deutschsprachigen Theaters, inszeniert in Berlin und Hamburg, sorgt für jubelnde Zuschauer und glückliche Kritiker und hat sogar für einen neuen Begriff gesorgt: Von “Fritschiaden” ist zuweilen die Rede, wenn es darum geht, das zu beschreiben, was er tut. Fritsch ist ein Theaterextremist, sein Theater eines der extremen Körperlichkeit, der oft ins Groteske übertriebenen Gestik, der grellen Farben und Töne. Er dreht seine Stoffe durch den Theater-Fleischwolf und verzerrt sie bis zur Kenntlichkeit. Er macht aus Ibsen ein verstörendes Traumspiel und findet in Hauptmann eine grelle Farce. Er hat keine Angst vor Klamauk und freut sich, wenn man ihn unterschätzt. Er hat es fertiggebracht , an seriösen Häusern Schwänke auf den Spielplan zu bringen (zumindest darin ähnelt er seinem einstigen Lehrmeister Frank Castorf) und setzt jetzt noch einen drauf: “Murmel Murmel” des Aktions- und Objektkünstlers Dieter Roth ist  146 Seiten lang und besteht aus einem einzigen, dem titelgebenden Wort, zugeteilt an elf Figuren, die allesamt Murmel heißen. Herbert Fritsch macht daraus knapp 90 Minuten atemberaubend lustvolles Theater, jenseits klassischer Bedeutungsvorstellungen und doch alles andere als sinnfrei.

Murmel Murmel

Murmel-Aufstellung (Foto: Thomas Aurin)

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Nazis on the Moon

Film review: Iron Sky (Director: Timo Vuorensola)

By Sascha Krieger

There are good arguments for the assumption that a film like Iron Sky could only be made in a country like Finland, with its quirky sense of humor, its relaxed attitude to historical seriousness and political correctness, its strong tendency towards self-irony. Only a director from a country that doesn’t take itself or others too seriously can pull off something as outrageously, irreverent, shamelessly unpolitical and consciously trashy as Iron Sky. Nazi regime and ideology have been the subjects of comedy before (most notably by Chaplin and Lubitsch, later Kubrick, Brooks or Benigni) but never before has anyone dared convert the darkest chapter of recent history into nothing but pure fun without any political message or educational intention. And just like that Timo Vuorensola has invented a new genre: that of the Nazi sci-fi comedy B movie. As soon as the viewer has accepted the seemingly impossible and unthinkable idea, they’d find it hard not to say: Well done, Sir!

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