Theatertreffen 2012 – Johann Wolfgang von Goethe: Faust I + II, Thalia Theater Hamburg / Salzburger Festspiele (Regie: Nicolas Stemann)
Von Sascha Krieger
Der Text ist der Star: Im Theater des Nicolas Stemann, dieses vielleicht letzten bekennenden Postdramatikers, ist der dramatische Text befreit von seiner Funktion als Vehikel, als bloßes Instrument im Dienste einer Geschichte, einer Interpretation, eines Sinns. Hier geht es um den Text selbst, spielt er die Hauptrolle, wird er hinterfragt und verworfen, getestet, perspektivisch gebrochen, in seine Einzelteile zerlegt, darf er für und durch sich selbst sprechen. Im Idealfall erscheint er in seiner reinen Form, befreit vom Ballast überkommener Deutungen und kann aus sich heraus Bedeutung entwickeln. Ob Jelinek oder Schiller: Wenn sie funktioniert führt Stemanns Textarbeit zu einem Theater, das intellektuelle ebenso öffnet wie theatrale, in dem das Postdramatische dem Dramatischen die Tür aufhält. Nun also der Faust, der ganze natürlich, nicht als bleischwere Klassikerverehrung wie einst bei Peter Stein, sondern als Arbeit am Text, dem allzu bekannten des ersten Teils wie dem unspielbaren des zweiten. Wenn einer den Faust II bewältigen kann, dann Stemann, der Texte nicht spielt, sondern sie les-, sicht-, hör- und erfahrbar macht. Ein wahrer Faust-Marathon mit zwiespältigem Ergebnis.





