“Wer träumt, ist ein Gott”

Ulli Lommel: Fucking Liberty!, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: Ulli Lommel)

Von Sascha Krieger

Er gab mit 17 sein Theaterdebüt, spielte mit 18 in Kinofilmen, mit 20 in Hollywood, er drehte mit Fassbinder und arbeitete mit Warhol, wurde als Regisseur mit über 40 Filmen zum König des B Movies und machte einen Film mit und über Daniel Küblböck: Ulli Lommel ist Gesamtkünstler und Gesamtkunstwerk, Eklektiker und Grenzgänger, einen für den Kunst ebenso demokratisch (im Warholschen Sinn) wie Gebrauchsgegenstand ist, der das Grundprinzip der Warholschen Factory vielleicht konsequenter umgesetzt hat als der Meister selbst. Und jetzt macht er auch noch Theater. Oder eben auch nicht. Denn das, was in diesen knapp zwei Stunden in der Berliner Volksbühne passiert, lässt sich mit gängigen Theaterbegriffen kaum erklären. “500 Jahre Amerika in einer Show” lautet das Motto und was der Wahlkalifornier und erklärte Amerikaliebhaber da auf die Beine stellt, ist eine wilde Revue voller Klischees und tausendfach reproduzierter Bilder, mit Rosa-Affen und 3D-Video, jeder Menge Trash und einem gerüttelt Maß an Konsumkritik. Und dem “amerikanischen Traum”, der vielleicht nirgendwo noch so lebendig ist wie bei Ulli Lommel. Ein irrsinniger, bizarrer, oft peinlicher und ungemein optimistischer Abend. Oder in anderen Worten: Fucking Liberty! ist einfach großartig!

Foto: Lenore Blievernicht

Cowboy-Conférencier im Klischee-Zoo (Foto: Lenore Blievernicht)

Eigentlich sagt die Eingangsszene schon alles. Zunächst ist da diese Bühne: Bert Neumann hat eine Art Geisterbahn meets Revue-Theater hingebaut, eine ins Groteske verzerrte Mickey-Mouse-Fassade, natürlich mit Stars und Stripes und einem Horror-Mund, der sich als Rolltor entpuppt und später Raum bietet für die Leinwand. Zunächst aber quält sich ein Trauerzug hindurch. Langhaarige GIs tragen einen knallroten Sarg, begleitet wird er von Marilyn Monroe, Krankenschwestern, Superman und einem rosa Riesenaffen. Ihm entsteigt Lommel als untoter Michael Jackson, der von einem blau und lila gewandeten Comic-Gangster namens “Big Boy Caprice”, der die Rechte an Jackson hat und den Toten besser kommerzialisieren kann als den Lebenden, wieder in den Sarg zurückbeordert.

Da ist alles schon drin: Das wilde Potpourri amerikanischer Ikonografie, der Mythos Amerika nicht als geschichtliche Abfolge sondern als gleichwertiges Nebeneinander des Disparaten, Kommerzialisierung, Faszination, Trash. Bald übernimmt Lommel als Conférencier und Spielleiter, assistiert von Erich von Stroheim (Frank Büttner), Kasperle und Grete treten auf, Robin ersetzt Superman (Batman hatte wohl frei) und wir pflügen uns durch die Geschichte Amerikas -von Queen Mary bis zu Jackie O. und JFK und der Monroe. Es ist ein untotes Amerika und eines der Untoten und doch so wahnsinnig lebendig, denn es ist eines, das in den Köpfen existiert, im kulturellen Gepäck, das wir miteinander herumtragen, eine Grundfeste unserer kollektiven Fantasie. Und das sich im Rock and Roll, gespielt von der fabelhaften Band Fucking Famous, manifestiert.

Viel Ironie spielt mit, ob in Kathrin Angerers minutenlang “Ach du Scheiße!” sagenden Monroe, der zickigen Jackie (wieder Angerer), Lilith Stangenbergs wortlos grinsendem Warhol oder Sophie Rois’ biestiger Ingeborg Bachmann. Ja, Bachmann, denn Lommel flechtet so ganz nebenbei Elemente seiner eigenen Geschichte ein, schließlich ist das hier Lommels Amerika. Wenn er Filmeinspieler in 3D vorführt, heißt das nicht anderes als: “Hey, ich bin ja Filmregisseur. Ich kann das.” Selbstbezug, gern auch ironischer Art, ist bekanntlich ein Grundelement der Castorfschen Volksbühne. Ulli Lommel passt da perfekt hinein.

Doch bei allem Spaß: auch die finsteren Aspekte dieses großen und auch großartigen Landes, das immer schon mehr Idee als geografisches Gebilde war, lässt der Abend nicht aus. Lommel zerrt Monroe und JFK vor das McCarthy-Tribunal und beschreibt eine Traditionslinie der Verfolgung Andersdenkender von der Revolution bis zur Terrorismus-Hysterie. Und waren, so lässt er einen Engländer fragen, die Freiheitskämpfer nicht irgendwie auch Terroristen. Dieses, Ulli Lommels, Amerika ist nie nur schwarz oder weiß, es ist immer bunt. Und es ist immer gut und böse, hoffnungsvoll und zum Verzweifeln zugleich. Fucking Liberty! eben.

Das Verurteilen, den Stabbruch über ein Land, das sich vermeintlich von seinen Ideen undwerten entfernt hat, das seinen eigenen Traum verrät, überlässt Ulli Lommel anderen. Zumindest er glaubt noch an den “American Dream”. Berührend ist es, wenn er mit leiser, zarter Stimme von seiner Mutter berichtet, die bei ihrem ersten Besuch sagte, hier könne sie endlich so sein, wie sie ist, während wir die 90-Jährige im Cabrio durch die unendliche Weite des amerikanischen Westens fahren sehen. Für Lommel ist Amerika trotz all seiner Schwächen, noch immer ein Sensuchtsland, ein Land der Freiheit, die vor allem eine Freiheit im Kopf ist. Er träumt den Traum und er schämt sich dessen nicht. Denn “Wer träumt, ist ein Gott”, sagt er gegen Ende und er meint das auch genauso. Und wenn Stroheim ihm trocken antwortet “Und wer zu viel denkt, ist ein Bettler”, dann ist das auf seltsame, bizarre, wunderbare Weise gar kein Widerspruch.

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